Mädelsabend: Gespräche über Liebe, Sex und Leidenschaft

Juleska Vonhagen hat ihre Freundinnen zum Mädelsabend eingeladen und aus den Gesprächen ein Buch gemacht: Herzmist. Worum es geht? Um Sex, Liebesleid, Leidenschaft und Männer natürlich!

Klassischer Gesprächsstoff beim Mädelsabend: Liebe, Sex und Männer natürlich

Gibt es die eine große Liebe? Wie wichtig ist uns Sex? Und ist es normal, in einer langen Beziehung irgendwann keine Lust mehr aufeinander zu haben? Gesprächsbedarf herrscht bei diesen Themen eigentlich immer. Höchste Zeit für einen Mädelsabend! Den gibt es nun auch in Buchform. Die junge Berliner Autorin Juleska Vonhagen hat vier Freundinnen zusammengetrommelt und drei Abende lang durchgequatscht. Über One-Night-Stands, Fremdgehen, Pornos, Träume und Hoffnungen.

Interview mit Juleska Vonhagen

Brigitte Young Miss: Was macht ein richtig gutes Mädchengespräch aus?

Juleska Vonhagen: Man braucht ein Thema, an dem man gut herumanalysieren kann. Die meisten Gespräche drehen sich um Probleme - je vertrackter und merkwürdiger, desto besser. Fremdgehen zum Beispiel oder wenn du deinen Freund nicht mehr willst.

Spezialistin für Mädchengespräche: Juleska Vonhagen

Brigitte Young Miss: Wenn alles super läuft, hat man mit seinen Freundinnen meistens nicht so viel zu bequatschen.

Juleska Vonhagen: Ja, das ist dann wohl das Traurige an einer richtig guten Beziehung. Christina aus meinem Buch ist so ein Beispiel. Es nervt schon ein bisschen, dass sie immer sagt: "Bei uns ist das alles ganz anders." Aber die wird sich auch noch wundern! (lacht)

Brigitte Young Miss: Frauen wollen immer reden, Männer gehen lieber was trinken - das scheint bei euch auf jeden Fall zuzutreffen.

Juleska Vonhagen: Es ist ja immer schwierig zu sagen, wie Männer und wie Frauen sind. Es gibt bestimmt auch Männer, die über ihre Probleme reden. Aber ich glaube, dass wir Frauen uns meistens ein bisschen mehr Gedanken machen. Wir wollen die Dinge nicht so stehen lassen, sondern sie verarbeiten.

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Juleska Vonhagen: "Frauen wollen herumanalysieren"

Brigitte Young Miss: Dann kann es leicht passieren, dass man sich zu viele Gedanken macht, oder?

Juleska Vonhagen: Auf jeden Fall. Wenn ein Typ zu dir sagt: „Geh jetzt bitte“, fängt das große Spekulieren an. Dann suchst du nach tausend Gründen, warum er das gesagt haben könnte. Doch bestimmt nicht, weil er dich nicht mehr sehen wollte. Und schon bist du in einer Art Zweitrealität, interpretierst die wildesten Dinge in eine Situation hinein...

Brigitte Young Miss: ...und redest sie dir schön.

Juleska Vonhagen: Ja, du baust dir selbst ein Kasperltheater auf, damit es dir besser geht. Doof eigentlich, aber man macht es trotzdem.

Brigitte Young Miss: Die Mädels, mit denen du in deinem Buch sprichst, sind deine Freundinnen. Wie hast du sie dazu gekriegt, bei diesem Seelenstriptease mitzumachen?

Juleska Vonhagen: Ich habe sie gefragt und alle waren sofort dabei. Ich musste niemanden überreden. Ich weiß auch nicht, warum wir alle so naiv sind. (lacht)

Brigitte Young Miss: Deine Freundinnen sind ja immerhin inkognito.

Juleska Vonhagen: Sie haben andere Namen und ihre Situation ist etwas verfremdet. Die Leute, die die im Buch beschriebenen Situationen miterlebt haben, werden sich wahrscheinlich trotzdem wiedererkennen.

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Pro Mädelsabend elf Gespräche über Sex, Leid und Leidenschaft

Brigitte Young Miss: Hat dein Aufnahmegerät bei euren Gesprächen nicht gestört?

Juleska Vonhagen: Am Anfang war es etwas komisch, aber dann haben wir wirklich vergessen, dass das Gerät da liegt. Die Gespräche haben sich verselbstständigt. Obwohl es auch richtig Arbeit war. Wir haben pro Abend elf Themen durchgesprochen.

Brigitte Young Miss: Wie viele Stunden Band hast du danach abgetippt?

Juleska Vonhagen: Ziemlich viele. Ich glaube, es waren sechs Kassetten.

Brigitte Young Miss: Es ist ja immer schwierig, ganz allgemeine Aussagen über die Frauen einer Generation zu treffen. Aber du hast dich viel mit diesem Thema beschäftigt: Was glaubst du, was wollen Frauen Anfang 20, wenn es um Männer geht?

Juleska Vonhagen: Ich glaube, dass wir eigentlich alle die große Liebe wollen. Aber wenn wir davon enttäuscht sind oder die große Liebe gerade nicht in Greifweite ist, dann suchen wir ein bisschen Abenteuer und probieren verschiedene Männer aus. Aber mir persönlich würde der eine Richtige schon reichen.

Brigitte Young Miss: Bei dir sieht es also momentan eher nach Herzmist aus?

Juleska Vonhagen: Ich bin ein ganz trauriger, langweiliger Single...(lacht). Aber das kann sich ja alles noch ändern.

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Der perfekte Mädelsabend: Exzessives Quatschen, nette Getränke, gute Laune

Brigitte Young Miss: Es gab eine Stelle im Buch, die ich sehr lustig fand. Da beschreibt eine deiner Freundinnen, wie sie Tag 40 Mal am Tag auf der StudiVZ-Seite eines Typen war, den sie gut fand. Hat das Internet unser Flirtverhalten verändert?

Juleska Vonhagen: Auf jeden Fall. Es ist zum Beispiel kaum noch möglich, jemanden zu vergessen. Du kannst den Kontakt nicht mehr richtig abbrechen, schleppst alle deine virtuellen Freunde mit dir herum und siehst sofort, ob sie ihr Foto aktualisiert oder eine neue Freundin haben. Und jeder ist sofort auffindbar. Bevor du jemanden triffst, googlsten du ihn einfach.

Brigitte Young Miss: Lohnt es sich denn auch als Mann, das Buch zu lesen - als Flirt- und Beziehungsratgeber sozusagen?

Juleska Vonhagen: Das Buch ist kein klassischer Ratgeber, aber natürlich verrät es viel über die Denkstrukturen von uns Mädels: Was für Männer wollen wir, wie soll man uns bitteschön anmachen - und wie nicht. Worauf legen wir Wert, was empfinden wir wirklich als guten Sex. Ich hätte gerne so ein Buch über Jungsgespräche.

Brigitte Young Miss: Das wäre vermutlich deutlich kürzer als "Herzmist"...

Juleska Vonhagen: Ja, eine kleine Broschüre. Oh nein, jetzt bedienen wir alle Klischees! Dabei habe ich auch Freunde, mit denen ich über solche Gefühlsdinge sprechen kann. Nur eben nicht so exzessiv wie mit meinen Mädels.

Brigitte Young Miss: Kannst du mit deinen Freundinnen auch einfach mal zusammensitzen und schweigen? Oder einen Film gucken?

Juleska Vonhagen: Klar. Es ist auch nicht so, dass wir nur über Männer reden. In letzter Zeit drehen sich unsere Gespräche zum Beispiel oft um den Job. Aber diese zwischenmenschlichen Geschichten geben einfach am meisten her.


Interview: Julia Müller

Das Buch

Juleska Vonhagen: Herzmist Fünf junge Frauen 33 Mädchengespräche über Liebe, Leid und Leidenschaft 304 Seiten, Taschenbuch 9,90 Euro ISBN 978-3-89602-876-1 Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2009

Leseprobe: Keine Lust auf mehr Sex

Leseprobe aus "Herzmist"

Kapitel 13: Ist eine lange Beziehung am Ende, wenn man keine Lust mehr hat, mit dem anderen zu schlafen?

Oder ist das normal und es geht immer so?

Nachdem die Frage im Raum steht, gucken fast alle Mädchenaugenpaare auf Rike - außer Paulines. Pauline ist erst verwirrt, weil sie realisiert hat, dass sie die Einzige ist, und guckt schließlich auch zu Rike rüber. Dann folgt eine kurze Stille.

»Das ist wohl mein Thema«, gesteht Rike und grinst dabei wie ein Rabaukenjunge, der vor Mama zugibt, dass er total cool, aber auch total blöd mit voller Absicht den Gartenzaun eingetreten hat. »Und ich kann euch auch gleich gestehen: Stefan hat von gestern auf heute bei mir übernachtet, und wir hatten keinen Sex.« »Kommt vor ...«, meint Pauline, die noch nicht weiß, dass dieser eher öde Zustand mittlerweile normal im Beziehungshause Rike & Stefan ist.

»Ich muss dazu sagen, dass ich seit über drei Jahren mit Stefan zusammen bin. Stefan ist 29, dunkelhaarig, sportlich, witzig und eigentlich so mein kompletter Traummann. Er ist die perfekte Kombination aus Unspießigkeit und den Vorteilen von Spießigkeit, genau wie ich es mag.«

»Hä?«

»Also ich meine, er hört HipHop, er skatet, er hat Bock im Leben was zu erleben und er hat eine grüne Einstellung, sag ich mal so, aber trotz allem hat er auch einen extrem guten Job bei einer bekannten deutschen Firma, er verdient gutes Geld, aber würde es nicht für einen Urlaub in Aspen, St. Moritz oder für Fünf-Sterne-Golfen in Marbella ausgeben, sondern eher für einen Rucksacktrip durch Skandinavien oder eine Reise nach Goa oder ...« Rike hält inne, in der Hoffnung, mit ihren leicht oberflächlichen Beschreibungen das von ihr präferierte Lebensgefühl eingefangen zu haben: »Versteht ihr, was ich meine? Er arbeitet, und das auch erfolgreich, aber das macht nicht sein Leben aus. Wir verstehen uns blendend, er ist meine erste Adresse, an die ich mich mit allem wenden kann, er liebt mich, er würde alles für mich tun, er bringt mich zum Lachen, bringt mich auf neue Ideen, er ist der perfekte Vater für die Kinder, die ich mal haben will, und ich weiß auch, dass ich die Zukunft, die ich mir erträume, mit ihm leben könnte.«

»Das klingt alles nach einem großen, großen ›Aber‹ ...«, kombiniert Pauline.

»Sehr scharfsinnig von dir«, witzelt Christina. »Wo wir jetzt doch beim Thema 'Lange Beziehungen und Sex-Probleme' sind.«

»Um es kurz zu machen: Eigentlich sind wir das perfekte Paar. Ich liebe ihn. Das steht gar nicht zur Debatte, das weiß ich einfach. « Rike macht eine Pause und erklärt uns, warum sie das so sicher weiß: »Wenn ich ihn manchmal angucke oder er irgendwas sagt, dann rutscht das aus mir raus: Ich liebe dich. Oder ich sitz nur irgendwo rum und denke an das, was er letztens gesagt oder gemacht hat, und wieder flattern mir dann die drei berühmten Worte in den Kopf. Es ist also ganz sicher nicht so, dass da keine Gefühle mehr sind, aber ...«, Rike hält inne, »ich habe einfach absolut keinen Bock mit ihm zu schlafen.«

»Hast du denn generell Lust auf Sex?«, fragt Pauline, begleitet von Gesten, wie Beckmann sie nicht besser draufhaben könnte.

Rike guckt zur Seite, als wäre sie kurzfristig beschämt: »Ich habe mir in den letzten Monaten gedacht, dass ich vielleicht einfach nicht so der sexuelle Typ bin. Andererseits: Damals bei Sven war ich es schon, wir haben extrem oft miteinander geschlafen. Und auch dazwischen hatte ich ja die ein oder andere Kurzbeziehung oder mal eine Sache für eine Nacht oder so. Ich mag Sex eigentlich schon.« Rike lacht:

»Wenn ich mich so höre! Was ist das für eine Aussage?! Klar mag ich Sex. Verdammt, wer mag das nicht. Aber momentan hab ich einfach keine Lust mehr drauf. Mit ihm wenigstens nicht. Ich versteh es auch nicht. Wenn ich Stefan sehe, denke ich mir, dass er ein attraktiver Mann ist. Natürlich sehe ich das. Es gibt auch Momente, in denen ich ihn noch so richtig bewundere, zum Beispiel wenn wir uns irgendwo treffen und er kommt um die Ecke, dann stellt man sich ja manchmal so etwas vor wie: Wie wäre es, wenn man die Person nicht kennen würde?« Rike verliert den Faden. »Ach... «, kommt nur noch, sie guckt auf ihre Beine, dann wieder hoch:

»Ich hab gestern zum Beispiel gemerkt, dass er versucht hat, dass es dazu kommt.«

»Und wenn du es einfach machst?«, fragt Evi: »Der Appetit kommt ja manchmal auch erst, nachdem man schon längst in den Braten gebissen hat.«

»Es ist ja nicht so, als hätte ich das nicht ab und zu zugelassen. Sonst kann man so eine Beziehung ja auch nicht aufrecht erhalten. Wenn man monatelang nicht miteinander geschlafen hat, was ist man denn dann noch? Befreundet? Ist man dann wieder ein Grundschulpärchen? Zeitmaschine und – zack – zurück, oder was? Gehen wir jetzt nächsten Freitagnachmittag in die Kinderdisco und trinken Händchen haltend Fanta?«

»Wie war es denn, wenn du mit ihm geschlafen hast, obwohl du eigentlich keine Lust hattest?«

»Technisch war das alles einwandfrei, ich hab sowieso nicht so die Probleme zu kommen. Ich komme jedes Mal. Und Stefan versteht was von dem, was er da macht. Ich meine, ich höre oft Geschichten von Freundinnen, die sagen: "Ach, wie orientierungslos ?der da an mir rumdrückt und sucht, das bringt überhaupt nix." Dann denk ich mir schon manchmal: Ich würd euch Stefan ja gerne mal für eine Nacht leihen. Dann merkt ihr mal, was bei der richtigen Tastenkombination so alles mit euch passieren kann.« Rike lacht. »Er hat einfachen einen guten Instinkt. Aber trotzdem kann ich den Sex mit ihm nicht mehr genießen. Nicht weil seine Hände, sein Zunge oder sein Geschlechtsorgan ihre Arbeit nicht zufriedenstellend bewältigen, sondern weil ich mich von ihm als Person nicht mehr angetörnt fühle. Es ist wie eine anstrengende Sportart, auf die man keine Lust hat.«

»Ihr seid also im Prinzip beide gut im Reckturnen, aber du turnst nur noch, weil du den Vertrag als regelmäßige Reckturnerin unterschrieben hast. Früher war das anders, da bist du kreischend in die Halle gestürzt, fühltest dich magisch vom Reck angezogen und wolltest es mit deinen mit Sportlerkreide beschmierten Händen unbedingt spüren«, bemühe ich mich um ein alltägliches Bild aus dem alltäglichen Leben, das wieder mal keine meiner Freundinnen nachvollziehen kann, wie ich aus ihren irritierten Blicken lesen kann. Sie gucken mich kopfschüttelnd an, denken sich ihren Teil und lauschen dann wieder Rikes Ausführungen:

»Dieses Wissen im Hinterkopf - Ich schlafe jetzt nur mit dir, weil es sonst in unserer Beziehung ein offensichtliches Problem gibt - ist auch so schäbig. Ich schlafe nur mit Stefan, weil ich weiß, dass man das von einem Pärchen erwartet. Die öffentliche Meinung liegt quasi mit im Bett und kuschelt sich schön an meinen Hintern.«

Christina guckt Rike mit Stirnrunzeln an. »Und ich weiß auch, dass ich mit diesem Problem nicht allein bin. Ich hab von so vielen Mädchen gehört, dass im Bett nix mehr geht: Wenke, Lilli... Die sind seit Jahren mit ihren Freunden zusammen, und seit Monaten wird abends im Bett gelesen.

Ich hab mir eigentlich schon gedacht, dass das vielleicht normal ist. Aber wenn ich dann höre, wie es bei dir ist... « Rike macht eine Kopfbewegung zu Christina rüber.

»Ach, die lügt doch. Ihr macht es doch auch nur einmal im Monat«, versucht Evi Christina lachend zu unterstellen.

»Von wegen«, verteidigt sich Christina und das nicht ohne Stolz: »Aber ich höre das heute Abend ja auch nicht zum ersten Mal, dass die Lust auf Sex bei vielen Paaren nach einer Weile nachlässt. Ich hab das bei Jule und Lars gehört und ich weiß es von einem anderen Pärchen, das schon lange zusammen ist. Alle unken, dass man irgendwann einfach nicht mehr heiß auf seinen Freund ist. Manche sagen, dass es dafür schon erste Anzeichen nach einem halben Jahr gibt, manche sagen, die ersten Ermüdungserscheinungen traten nach zwei Jahren auf. Egal wann, irgendeine Deadline scheint es wohl immer zu geben. Robin und ich sind jetzt drei Jahre zusammen, das ist nicht wahnsinnig viel, aber immerhin sind wir ungefähr genauso lange zusammen wie Rike und Stefan, und ich kann nicht mehr dazu sagen als: Es ist bisher einfach nicht so. Wenn ich ihn sehe, kommt mir immer noch sofort in den Sinn, dass ich ihn anfassen will, dass ich ihm die Kleider vom Leib reißen will, dass ich allen möglichen Kram mit ihm anstellen will. Mehr kann ich dazu einfach nicht sagen. Ich weiß nicht, was bei uns besser läuft als bei euch. Ich kann nur vermuten, dass Stefan vielleicht doch nicht ganz so richtig für dich ist, wenn die Luft jetzt schon raus ist. Wenn der Geschlechtsverkehr- Ofen einmal aus ist, dann ist er ein für alle Male aus. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihr das Ding noch mal angeschmissen kriegt und du nächste Woche neben Stefan aufwachst und dir denkst: Uh la la, was haben wir denn da? Dem fetz ich in nullkommanix mit den Zähnen die Boxershorts vom Leib.« Christina lehnt sich nach ihrer Rede wieder zurück, und Rike wirkt plötzlich ein bisschen traurig.

Meinst du wirklich, dass es ausgeschlossen ist, dass es nur eine Phase ist?« Dabei klingt sie, als würde sie selbst nicht daran glauben, dass dieser Zustand vorübergeht. Aber fragen muss sie wohl trotzdem. Um sicherzugehen. Um sich von allen Seiten noch mal die Realitätspeitsche abzuholen.

»Ganz ehrlich, Rike, wenn die Anziehungskraft weg ist, ist sie weg. Und ich finde, man muss sich unter den Umständen überlegen, ob man so noch länger zusammen sein will.« Pauline macht keinen Hehl aus dem, was sie denkt.

»Ich hab in letzter Zeit wirklich öfter darüber nachgedacht, ob ich Schluss machen muss. Schluss machen soll. Aber ist das nicht total beschmiert?« Rike gerät in Rage: »Dass man mit jemandem Schluss macht, den man liebt, mit dem man so viel teilt, der einemso übelst wichtig ist? Ich schieße meinen engsten Vertrauten und – platonisch gesehen – den besten Freund, den ich je hatte, einfach mal so in den Wind, nur weil ich keinen Bock mehr habe, wild und nackt auf ihm rumzurutschen? Mach ich dann nicht eigentlich Schluss, weil ich auf ein gemeinsames Hobby keine Lust mehr habe? Adieu für immer, nur weil ich mit dir nicht mehr reckturnen will?«

»Guter Punkt: Was ist Sex wert?«, frage ich. Es folgt Stille.

»Sex definiert den Unterschied zwischen Freunden und Liebespaaren«, meldet Evi sich auch mal wieder zu Wort.

»Stimmt nicht ganz«, finde ich. »Für Freunde empfindet man ganz anders. Dieses Mehr an Vertrautheit und Zusammengehörigkeit, das ist eben Liebe, die Frage ist nur, ob Sex ein Bestandteil von Liebe oder von Verliebtheit ist.« Ich trinke einen Schluck.

»Ich finde, das ist im Grunde egal«, meint Christina: »Wir sind 22 und 23 Jahre alt. Wenn man jetzt schon in einer Beziehung steckt, die der eines Beamtenpärchens um die sechzig ähnelt, dann ist das einfach Murks, von dem man sich trennen muss. Ganz ehrlich, Leute! Der Patient Beziehung ist tot, aber wir sind es wahrscheinlich noch lange nicht. Also warum jetzt schon solche krassen Kompromisse eingehen, und so etwas wie Sex ausklammern, weil man sich ja so gut versteht??«

»Das hab ich mir auch gesagt, als ich mich von Hannes getrennt habe«, hören wir von Evi. »Damals habe ich auch wie Rike gedacht: Vielleicht bin ich eben nicht der sexuelle Typ. Wir haben ja zum Schluss ein Jahr lang keinen Sex gehabt.«

Evis letzter Satz fällt mit Krach in den Raum und hinterlässt einen Krater.

Evi guckt Rike milde an: »Ich hab mich damals nur deswegen nicht von Hannes getrennt, weil ich Angst hatte, ihn zu verlieren. Weil er der wichtigste Mensch in meinem Leben war, mein Halt.« »Es ist so witzig und doch so traurig, dass es uns allen dreien schon mal ähnlich gegangen ist. Bei mir und Lars war es genauso. Die Leidenschaft hat ihre Koffer gepackt und ging, und was blieb, war eine Freundschaft. Aber eine krasse. Ich hab für Lars auch nach wie vor andere Gefühle als für euch. Familiärer irgendwie.«

»Tja, und was fangen wir damit jetzt an?«, fragt Pauline.

Ich grinse: »Harmonische Beziehungen zu Partnern, die uns nicht jeden Tag vor ein neues Problem stellen, die keine sozialen Phobien haben, mit denen wir zusammenwohnen und denen wir alles erzählen können, bergen ein Problem: Die Anziehungskraft hat ein Verfallsdatum. Man muss sich anscheinend wie ein Affe von harmonischem Partner zu harmonischem Partner hangeln, und immer dann, wenn die Anziehungskraft aufgebraucht ist, muss man sich weiterhangeln. Zwischendrin findet man mal so einen Power-Partner, bei dem die Anziehungskraft länger hält, so dass man denkt, es sei die große Liebe, und den man heiratet. Da der Anziehungsspeicher irgendwann trotzdem leer ist, lässt man sich als Kind der Wegwerfgesellschaft scheiden und sucht sich eben einen neuen Partner. Wer eher nostalgisch veranlagt ist, bleibt bis zum Ableben mit dem Partner zusammen, weil man diesen ja aufgrund anderer Qualitäten schätzt. Wir sind aber noch ein bisschen zu jung zum Nicht-Weiterhangeln, von daher: Weiterhangeln, Rike!«, fasse ich in meiner schnodderigen Art zusammen und bin erschrocken: Ist das jetzt so etwas wie die Weltformel für die Liebe?

Pauline macht ein irgendwie leeres Gesicht, von meinen blumigen Zusammenfassungen ist mal wieder niemand begeistert. Und während ich so dasitze und uns angucke, dämmert es mir: »Kinder, wisst ihr, was mir da gerade mal auffällt?« Es folgt eine kurze angespannte Pause, dann kommt es über meine Lippen:

»Wir sind das Problem!« Der Groschen ist gefallen.

»Kinder, guckt doch mal: Diese ganzen langen Beziehungen mit beziehungswilligen, lieben, treuen Beste-Freunde-Männern, also wie Hannes, Stefan oder Lars, scheinen immer daran zu scheitern, dass die Frau irgendwann im Wahn der Vertrautheit keinen Bock mehr auf Bettaktivitäten hat und im Partner nur noch ein zwar geliebtes, vertrautes, aber irgendwie auch sexuell langweiliges, geschwisterliches Wesen sieht. Die Männer haben zwar nach all den Jahren auch nicht mehr die Wahnsinns-Begierde auf ihr Weibchen, aber sie sind dennoch immer noch gerne bereit, mit ihnen zu schlafen. Wir Frauen bleiben aber auf lange Sicht anscheinend nur sexuell an jemandem interessiert, der uns Probleme und inneren Aufruhr bereitet. Von diesem schwierigen Exemplar Mann trennt man sich wiederum, weil es aufgrund lebenstechnischer Probleme nicht klappt. Wir sind das Problem!«

Es folgt ein mehrsekündiges Schweigen. Ich bin blitzüberzeugt und fühle mich schuldig für mein eigenes vom Irrsinn getriebenes Geschlecht.

»So ein Blödsinn«, Christina lacht dreckig. »Ich will euch jetzt auch kein unrealistisches Bild von meinem und Robins Sexleben vermitteln. Klar ist das große Unbekannte nach drei Jahren nicht mehr da. Es bleibt ja nicht von alleine spannend, dafür muss man eben was machen!«

»Was denn?« Rike ist hellhörig und auch die anderen Mädchenohren sind gespitzt.

»Ich meine damit nicht, dass man im Bett irgendwas Spektakuläres machen muss. Man muss keine zweite Frau dazu einladen, sich mit Sahne oder Kunstblut bespritzen oder anfangen, die eigenen Eltern so geschickt einzuladen, dass sie einen gut und gerne beim Akt erwischen könnten. Man muss die Beziehung im Alltag einfach spannend halten, das wirkt sich dann auch auf den Sex aus. Das ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass die Liebe sich einfach so über einen drüberstülpt und dann bleibt. Das ist Märchenmist. Man muss sich wirklich Mühe geben.« Christina will weiterreden, aber ich winke hektisch ab:

»Damit sind wir schon beim nächsten Thema. Wartet, ich lese es vor, dann könnt ihr weiterquatschen ...«

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