Mehr Mut beim Sex

Natürlich gibt es ein paar Vorlieben, die sich ein Leben lang nicht ändern. Alles andere sollte man unbedingt mal ausprobieren, meint die Aachener Sexualwissenschaftlerin Dr. Ulrike Brandenburg.

Ulrike Brandenburg

BRIGITTE: Warum haben manche Menschen dauernd hemmungslosen Sex, während andere ihr ganzes Leben als Mauerblümchen verbringen?

Ulrike Brandenburg: Sexualität hat für unterschiedliche Menschen einen unterschiedlichen Stellenwert. Entsprechend unterschiedlich praktizieren sie Sex. Und überhaupt, woher wollen wir wissen, dass Sex für das Mauerblümchen unwichtig ist? Dass ich wie ein Mauerblümchen wirke, sagt schließlich noch gar nichts über mein Verhältnis zur Sexualität aus.

BRIGITTE: Wie entstehen diese Unterschiede?

Ulrike Brandenburg: Ein kleiner Teil ist sicher in der Persönlichkeit angelegt, aber der größere wird vermutlich erlernt. Durch das Elternhaus, durch Freunde und natürlich durch kulturelle Normen.

BRIGITTE: Und davon ist dann abhängig, wie ich mich beim Sex verhalte?

Ulrike Brandenburg: Ja. Es gibt so eine Art Kodex in unserer Gesellschaft, der genau sagt, wie sich eine Frau im Bett zu verhalten hat, wie der Mann, wer wen zuerst anmachen darf und so weiter. Das macht sicher nicht jeden glücklich, ist aber erst mal so. Aber es steckt zum Glück jede Menge Entwicklungspotenzial darin.

<frage name="BRIGITTE">Wie entwickelt man sich denn sexuell weiter?</frage> <antwort name="Ulrike Brandenburg">Da wir in einer Zeit leben, in der es immer weniger Beziehungen gibt, die ein Leben lang dauern, bauen wir im Allgemeinen mehrfach im Leben neue sexuelle Beziehungen zu anderen auf. Und dabei machen wir manchmal natürlich auch neue Erfahrungen, durch die wir uns weiterentwickeln können.</antwort> <frage name="BRIGITTE">Das heißt also, sexuelles Verlangen ist erlernbar?</frage> <antwort name="Ulrike Brandenburg">Ich würde es lieber entdeckbar nennen. Ich glaube nicht daran, dass manche Menschen sehr viel Lust in sich tragen und andere gar keine. Bei manchen ist das Begehren nur etwas "verschüttet", und deshalb glauben sie, wenig oder keines zu haben.</antwort>

BRIGITTE: Wie kann man es hervorholen?

Ulrike Brandenburg: Indem man sich traut, an seine Grenzen zu gehen und sie auch mal zu überschreiten. Dinge auszuprobieren, die sich vielleicht sogar ein wenig bedrohlich oder peinlich anfühlen, weil sie so fremd sind. Aber nur so ist Entwicklung möglich. Sexuell zu experimentieren erfordert Mut, kann aber so bereichernd sein. Etwas Neues zu riskieren, wie zum Beispiel mal Sex am nicht gewohnten, vielleicht sogar an einem halb öffentlichen Ort zu haben oder dem anderen beim Sex schamlose erotische Geschichten oder eigene Fantasien zu erzählen, ist anfangs alles andere als einfach. Nach etwas Übung kann das aber sehr inspirierend sein und einer Beziehung neue Spannung geben.

BRIGITTE: Dann können sich auch sexuelle Vorlieben komplett verändern?

Ulrike Brandenburg: Na ja, man hat schon so seine Trends. Wenn es Ihnen nun mal nicht liegt, in lautes Lustgeschrei zu verfallen, weil Sie eben eher ein zurückhaltender Mensch sind, wird es schwer, das auf Dauer zu ändern, weil Sie sich ja auch gar nicht danach sehnen. Und wenn Sie eine Vorliebe für außergewöhnliche Stellungen haben, ist es relativ sicher, dass Sie die bis ans Ende Ihres Lebens haben werden. Aber es ist erstaunlich, was passieren kann, wenn Menschen neue Erfahrungen machen. Zum Beispiel Sex mit einem neuen Partner erleben. Und plötzlich viel mehr aus sich rausgehen. Dennoch bleiben wir bei jeder Weiterentwicklung im Kern ja der, der wir sind, und jede sexuelle Entwicklung muss zu uns, zu unserer Persönlichkeit passen, sonst tut sie uns nicht gut.

BRIGITTE: Wenn ich also die verborgenen Wünsche und Fantasien in mir finde, kann ich auch meine sexuelle Persönlichkeit ändern?

Ulrike Brandenburg: Weiterentwicklung trifft es besser. Eine Frau, die mit 45 ihren Mann verlässt, um mit einer Frau zusammenzuleben, ändert nicht plötzlich ihre Persönlichkeit, sondern entdeckt nur den Teil ihres sexuellen Ichs, der bisher im Dunkeln lag. Ein bestimmtes Ereignis oder die Begegnung mit einer besonderen Person holt diesen Teil ans Licht. Wir können uns nicht um 180 Grad drehen, aber wir können immer wieder etwas Neues an uns entdecken. Wenn es also eine Sehnsucht gibt, sich sexuell neu zu erfinden, kann ich nur sagen: sich trauen, ausprobieren, Erfahrungen machen. Wir haben alle unendlich viele versteckte Ressourcen in uns, die wir noch gar nicht kennen.

BRIGITTE 04/05 Fotos: Pixelquelle.de (1), privat
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