Experte erklärt: Darum ist Jungfrau bleiben plötzlich im Trend

Huch! Haben wir was verpasst? Mehr als doppelt so viele Leute sind heute mit 26 noch Jungfrau wie vor zehn Jahren. Doch der Grund, sagt ein Experte, ist ziemlich traurig.

Mit Ende 20 noch Jungfrau? Klingt erstmal ungewöhnlich! Schließlich wissen Kindergartenkinder heute schon mehr über Sex als Donald Trump über Geografie (Okay, keine Kunst – Stichwort "Belgien ist eine wunderschöne Stadt"). 

Aber Wissen und Praktizieren sind eben zwei unterschiedliche Paar Schuhe, wie eine groß angelegte Studie zeigt: In einer Befragung von 16.000 Millennials der Jahrgänge 1989/90 gaben 2016 stolze 13 Prozent von ihnen an, noch Jungfrau zu sein. Jeder achte 26-Jährige hatte also noch nie Sex – mindestens, denn einige der Befragten haben auch gar keine Angabe gemacht.

Zum Vergleich wurde auch die Generation X (Jahrgänge 1965 bis 1980) befragt und da ergab sich ein ganz anderes Bild: In dieser Generation gab nur jeder 20. an, mit 26 noch Jungfrau gewesen zu sein. Die Jungfrauenquote hat sich also innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Reaktion auf Übersexualisierung

Kann das sein? Gerade in der freigeistigen, tabulosen Generation Y, in der nicht mal jemand mit der Wimper zucken würde, wenn der Typ von Jackass im String-Tanga die Strandpromenade entlang laufen würde? Ja! Sagt Beziehungscoach Dominik Borde. Den Österreicher überrascht die Enthaltsamkeit der Millennials überhaupt nicht.

"Das ist eine ganz natürliche Entwicklung: Auf jeden Trend folgt ein Gegentrend", so Borde, "wenn du ständig mit Sex konfrontiert wirst, immer Lust haben und offen sein sollst, verfliegt der Reiz und dir vergeht die Lust." Außerdem werde durch das, was in den meisten Pornos vorgelebt wird, die Erwartungshaltung und der Druck so geschürt, dass bei vielen letztlich die Angst vor Enttäuschung so groß wird, dass sie lieber ganz auf Sex verzichten – ob bewusst oder unbewusst.

Enthaltsamkeit wegen mangelnden Selbstwerts?

"Frauen sollen wunderschön, durchtrainiert, sexy und sexuell aufgeschlossen sein. Und von Männern wird erwartet, dass sie topfit, dauererregt, potent und männlich sind – und dann aber auch wieder empfindsam und gefühlvoll", führt der Beziehungsexperte aus. Das überfordere viele.

Dominik Borde ist Beziehungscoach und bietet über sein Unternehmen Sozialdynamik in Wien Singles und Paaren Unterstützung bei der Bewältigung unterschiedlichster Probleme an. Auch er beobachtet in seiner täglichen Arbeit, dass viele der Schwierigkeiten seiner Kunden unter anderem aus dem virtuell erzeugten Wettbewerbsdruck und der medialen Übersexualisierung resultieren.

Außerdem spielt laut Borde – Überraschung – das bekannte Phänomen Social Media eine Rolle (ihr wisst schon: Instagram, Facebook, Twitter etc.). Denn dadurch, dass wir im Netz ständig sehen, wie schön die anderen sind und wie (vermeintlich) gut alles bei ihnen läuft, leidet bei vielen das Selbstbewusstsein. Und wer sich mit sich selbst nicht wohl fühlt, tut sich bekanntlich schwer, Intimität zu anderen zuzulassen.

Natürlich ist es jedem Menschen selbst überlassen, wann er oder sie das erste Mal Sex hat. Und es ist überhaupt gar nichts dabei, damit zu warten! Doch wenn, wie Borde sagt, Angst und Erwartungsdruck die Gründe sind, dass Leute sich die schönste Nebensache der Welt entgehen lassen, wäre das irgendwie traurig... 

Wie oft denken Frauen an Sex: Paar im Bett

   


sus

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