Mit Freundinnen über Sex reden? Nein danke!

Was soll man davon halten, wenn Freundinnen in aller Ausführlichkeit über ihre Sex-Abenteuer berichten? Gar nichts, findet BRIGITTE Balance-Autorin Merle Wuttke.

Wir beobachteten gerade, wie sich die Kinder in der Sandkiste vergnügten, als meine gute Bekannte Andrea sagte: "Letzte Nacht hat mir Peter mal wieder gezeigt, dass ich eine richtige Frau bin." Sie kicherte und warf mir dann einen verschwörungsvollen Blick zu: "Ich bin immer noch ganz wund."

Studie: Fremdgehen beglückt

Erst dachte ich, ich hätte Sand im Ohr, aber als ich Andreas zufriedenes Gesicht sah, wusste ich - meine Ohren hatten richtig gehört. Mitten auf dem Spielplatz setzte sie mich ganz lässig über den Zustand ihres primären Geschlechtsmerkmals in Kenntnis. Ich stammelte noch ein "Äh, das ist ja doof. Ich meine, schön für dich", bevor ich meinen Sohn schnappte und auf die Schaukel flüchtete.

In letzter Zeit passiert mir das dauernd. Es scheint, als hätten meine Freunde und Bekannten einen Pakt geschlossen: Wer am ungeniertesten über den aktuellen Zustand seines Sexlebens berichtet und seinen Mitmenschen dabei nicht das intimste Detail erspart, der gewinnt den ersten Preis für das aufregendste Leben oder so ähnlich. Anders kann ich mir diese penetrante Offenheit nicht erklären.

Dabei bin ich weder prüde noch verklemmt. Okay, ich finde, man muss nicht jede Mode mitmachen - weder die aktuellen Ethnokleider tragen noch gemeinsam mit dem Partner nackt im Bett den Beckenboden trainieren. Und - obwohl ich zu gern in der "Gala" blättere und mich an den neuesten Skandalgeschichten von Paris Hilton weide - was mein Liebesleben und das meines sozialen Umfelds angeht, gilt: Privat ist privat und sollte es auch bleiben. Doch offenbar bin ich eine der letzten meiner Art. Ich befürchte, demnächst gehört es zum guten Ton in sein MySpace- oder Xing-Profil hineinzuschreiben: "Ich esse gern koreanisch, mache Pilates, und am liebsten treibe ich es auf einer Taschenfederkernmatraze, die stabilisiert den Körper optimal in der Schubkarren-Stellung."

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Woher kommt diese Marotte, allen wirklich alles mitteilen zu wollen? Haben wir sonst nichts mehr zu erzählen? Macht Charlotte Roches mediale Überpräsenz uns alle kollektiv hemmungslos? Wo, bitte, ist der gute alte "Wir reden übers Wetter"-Smalltalk geblieben? Der renommierte Sexualtherapeut Ulrich Clement erklärt das exorbitante Mitteilungsbedürfnis meiner Mitmenschen folgendermaßen: "Sex gibt etwas her, Sex ist unterhaltsam. Er hat viele Facetten, die unser Leben tangieren. Darin stecken Trauer, Liebe, Angst, Begeisterung, Demütigung, Abenteuer - eben Stoff für tausend Dramen. Und die sind spannend. Die Empörungsgeschichten, die Kränkungen, der Betrug, das ultrageile Abenteuer. Nicht das Normale, das wird nach zwei Sätzen langweilig." Mich würde es jedenfalls nicht überraschen, wenn die Schlachtereifachverkäuferin mir das nächste Mal beim Wiener-Kauf steckt, sie stünde privat eher auf einen richtigen Stier.

Immerhin - durch die permanenten Indiskretionen meiner Freunde habe ich gelernt, was man so treibt, wenn man ausgedehntes "Shrimping" im Bett praktiziert (man saugt so lange an den Zehen des Partners, bis der vor lauter Lust explodiert). Wollte ich immer schon mal wissen. Und mal ehrlich, wie soll ich eine Unterhaltung weiterführen, die damit beginnt, dass mir meine Freundin Claudia erzählt, ihr Freund Max habe sie, als er sie am Morgen nackt in der Dusche sah, mit den Worten begrüßt: "Mann, ich liebe deine dicken Dinger!"

Vielleicht hätte er seine Bewunderung feiner formulieren können, aber ansonsten könnte Claudia von ihrem Max noch lernen. Denn der prahlt garantiert nicht vor den Kumpels mit ihrer Oberweite. Entgegen landläufiger Klischees halten sich Männer beim Bier nämlich diskret zurück. "Während Frauen es lieben, über Menschen und Beziehungen zu sprechen, fühlen Männer sich wohler, über weniger persönliche Dinge reden zu können: die Rentenreform, das letzte Bundesliga-Spiel", schreiben Alexandra Berger und Andrea Ketterer in ihrem Buch "Basics for Lovers". Tatsächlich lassen sich ausschließlich meine weiblichen Bekannten hemmungslos über ihre multiplen Orgasmen und Waschmaschinen-Quickies aus. Aber das hat einen Sinn, wie Dr. Ulrich Clement verrät: "Frauen reden im Klatsch viel über Männer, da tagt eine Art Männerkommission. Die berät darüber, ob ein Mann etwas taugt, ob er verlässlich ist. Frauen müssen darüber reden, weil die Eigenschaften, nach denen sie in Männern suchen, nicht alle auf den ersten Blick erkennbar sind."

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Trotzdem, auch wenn der Sex- und Beziehungsklatsch hilft, sich besser im Leben zu orientieren - sobald ein Freundinnenabend nach einigen Flaschen Weißwein wieder die unvermeidbare Richtung der "Sex and the City"-Dialoge einschlägt, würde ich so manches Mal lieber mein Mann sein. Der machte letztens große Augen, als ich ihm eröffnete, dass sein bester Freund Niklas seit Monaten davon träumt, mit seiner Liebsten Petra für drei Tage in einem Hotel zu verschwinden, um sie mal so richtig "von oben bis unten, besonders unten, zu verwöhnen". Zu Hause kämen die beiden nicht mehr dazu, da sich immer eines der drei gemeinsamen Kinder im Bett tummeln würde. Natürlich weiß ich das nicht von Niklas, sondern von Petra. Die mir im selben Atemzug mitteilte, dass diese aufblasbaren Schuhspanner, die sie bestellt hat, nun wirklich der "reinste Schrott" seien.

Mittlerweile muss ich davon ausgehen, dass mein weiblicher Freundeskreis fast ausschließlich aus Verbalexhibitionistinnen besteht. Oder steckt etwas anderes hinter dieser buchstäblichen Lust am Erzählen? "Indem ich Intimes mitteile, lasse ich den anderen näher an mich ran und gebe etwas Wertvolles von mir preis. Dadurch wird die Beziehung, zum Beispiel zwischen Freundinnen, aufgewertet", erklärt Ulrich Clement.

Mag ja sein, aber es gibt doch auch andere Mittel, sich einer Freundschaft zu versichern. Mich irritieren die schlüpfrigen Geschichten jedenfalls nicht nur - ich werde sie auch nicht so schnell wieder los. Sobald mir eine Freundin von einem Liebesabenteuer erzählt, bei dem irgendwann die Wörter "Ekstase", "total erschöpft" und "so richtig schmutzig" fallen, brennen sich bei mir ziemlich eindeutige Bilder ein. Die passen leider häufig so gar nicht zu denen, die ich bislang von den Personen im Kopf hatte, die mir diese Geschichten erzählen. Anne zum Beispiel ist für mich seit Kurzem nicht mehr die Anne, die den besten Kartoffelsalat der Welt auf den Tisch bringt, sondern eine verruchte Liebesgöttin, die ausschließlich rote Spitze im Bett trägt. Und Dirk, dem gemütlichen Dirk, starre ich jedes Mal auf den etwas unförmigen Hintern, wenn er unser Auto wartet, während ich mir vorstelle, wie meine Freundin Monika genau diesen ordentlich mit dem Staubfänger versohlt.

Nein, ich will das nicht mehr. Ich möchte, dass meine Freunde meine Freunde bleiben. Meinetwegen können sie erzählen, welche Creme sie gegen Nagelpilz benutzen, wie ihre Cellulite sich entwickelt und dass der Figurtee zur Entschlackung Durchfall verursacht. Von mir aus höre ich mir auch hundertzwanzigmal an, dass der süße Typ von neulich sich nicht mehr meldet. Aber ich will nicht länger erfahren, wann, wie und wo sie es wie lange getrieben haben.

BRIGITTE Balance 03/08 Foto: Getty Images Illustration: Katharina Gschwendtner
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