Myrthe Hilkens: "Wir brauchen eine neue sexuelle Revolution"

Myrthe Hilkens, 31, hat genug von der schier grenzenlosen Freizügigkeit. Die niederländische Journalistin fordert Zensur - und eine neue sexuelle Revolution. Mit ihrem Buch "McSex" hat sie in ihrer Heimat eine heftige Debatte ausgelöst. Jetzt ist es auch bei uns erschienen. Lesen Sie einen Auszug aus "McSex"

Myrthe Hilkens

BRIGITTE: Was haben Sie gegen Sex?

Myrthe Hilkens: Überhaupt nichts. Sex ist wunderbar. Ich habe nur etwas gegen die gängige Darstellung von Sex in Pornos. Frauen kommen dabei schlecht weg. Sie sind nicht stark und frei, sie müssen sich untertänig fügen, werden "genommen", sind reduziert auf "schön" und "willig".

BRIGITTE: Es muss sich ja keiner Pornos ansehen.

Myrthe Hilkens: Aber es tun ganz viele, 80 Prozent aller Jugendlichen gucken ab dem elften Lebensjahr solche Filme. Das heißt, die haben die Bilder im Kopf, bevor sie das erste Mal geküsst haben. Das Problem ist: Pornos sind leicht zugänglich, und wir werden überall damit konfrontiert. Ich habe selbst erlebt, wie bei einer Party Sado-Maso-Filme auf Großleinwänden gezeigt wurden - und mich nicht getraut, etwas dagegen zu sagen. Auch in der Hiphop- und Rap-Szene sind die Texte und Videos oft total sexualisiert und frauenverachtend.

BRIGITTE: Dabei mögen Sie gerade diese Musik besonders gern, haben viele Jahre über Hiphop und Rap geschrieben.

Myrthe Hilkens: Ja, ich habe mein Geld damit verdient, aber die teilweise fiesen Texte und Bilder störten mich schon immer. Nur habe ich nicht gewagt, darüber zu schreiben, mich lieber auf Bassläufe oder den Sound konzentriert. Das war wie ein Tabu - als wäre man unmodern, prüde oder zickig, nur weil man solche Darstellungen ablehnt. Irgendwann dachte ich: Das ist doch schizophren. Ich höre Musik, die Frauen niedermacht, und sage nichts dagegen. Warum denken wir, das sei liberal? Ich habe dann mit anderen jungen Frauen aus der Kulturszene ein Manifest verfasst.

BRIGITTE: Ihr Aufruf wurde von 10 000 Leuten unterschrieben - Ihr Buch über die "Pornofizierung der Gesellschaft" hat eine gewaltige Debatte ausgelöst.

Myrthe Hilkens: Ich war selbst erstaunt über die Resonanz. Natürlich kriegte ich auch Mails von Männern, die meinten, sie müssten es mir mal richtig besorgen. Aber die meisten Reaktionen waren positiv, nach dem Motto: Endlich sagt das mal jemand. Ich wurde in Talkshows, Schulen und von Politikern eingeladen, immer mit der Frage: Was können wir tun?

BRIGITTE: Und? Was schlagen Sie vor? Es nützt ja bekanntlich sehr wenig, wenn man etwas verbietet.

Myrthe Hilkens: Klar, Verbote helfen nichts, dafür sind solche Filme auch viel zu verbreitet. Ich denke, Eltern und Lehrer müssen mit den Jugendlichen reden - nicht zu persönlich natürlich, das wäre ja peinlich. Aber im Sexualunterricht sollte zum Beispiel angesprochen werden, wie solche Filme entstehen, wer daran verdient, dass Sexualität viel bunter, kreativer und mit Liebe verbunden sein kann und dass man nie etwas mitmachen muss, was man nicht will. Schon heute sagen laut einer niederländischen Studie 18 Prozent aller niederländischen Mädchen, dass sie zum ersten Sex überredet oder sogar gezwungen wurden. Das finde ich erschreckend.

BRIGITTE: In Ihrem Buch sprechen Sie sich sogar für Zensur aus. Dafür bekommen Sie bestimmt Applaus von Konservativen...

Myrthe Hilkens: Wer mich richtig verstehen will, weiß, dass ich nicht konservativ bin. Aber es gibt Pornos - und damit meine ich noch nicht mal die schrecklichen Bilder missbrauchter Kinder -, die sind absolut kriminell, da werden Frauen vergewaltigt, gewürgt, geschlagen. Solche Filme müssen verboten werden. Warum denken wir, Freiheit bedeutet, solche Pornos sehen zu können? Ich finde, Freiheit heißt auch, ohne Pornobilder im Kopf Sexualität im eigenen Tempo ausprobieren zu können.

BRIGITTE: In Ihrem Buch fordern Sie eine neue sexuelle Revolution.

Myrthe Hilkens: Lustvolle Sexualität für Frauen hat mit dem, was wir in solchen Filmen gezeigt bekommen, nichts zu tun. Da ist die Gleichberechtigung noch lange nicht angekommen. Das Frauenbild in gängigen Pornos ist einfach unerträglich. Davon müssen wir uns befreien.

Coole Aufklärerin

Myrthe Hilkens schrieb als Musikredakteurin über Hiphop und Rap. Jetzt arbeitet sie beim Radio und als Kolumnistin. Für ihr Buch hat sie mit vielen Jugendlichen und Wissenschaftlern gesprochen; sie sagt, "sexuelles Fastfood" zwinge junge Frauen und Männer heute in ein neues Korsett, weil es ihr Selbstwertgefühl und ihre Einstellung zur Liebe beeinflusse. "McSex: Die Pornofizierung unserer Gesellschaft" (240 S., 18 Euro, Orlanda)

Interview: Silke Baumgarten ein Artikel aus der Brigitte 08/10

Wer hier schreibt:

Silke Baumgarten

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Myrthe Hilkens, 31, hat genug von der schier grenzenlosen Freizügigkeit. Die niederländische Journalistin fordert Zensur - und eine neue sexuelle Revolution. Mit ihrem Buch "McSex" hat sie in ihrer Heimat eine heftige Debatte ausgelöst. Jetzt ist es auch bei uns erschienen. Lesen Sie einen Auszug aus "McSex"

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