Neuer Freund: Kann man Sex verlernen?

Nach sechs Solo-Jahren endlich ein neuer Freund. Großartig. Wäre da nicht die Sache mit dem Sex.

Zu den Dingen, die man einmal im Leben lernt und nie wieder vergisst, gehören Fahrrad fahren, schwimmen, sich nicht darauf verlassen, dass der Mensch von der Telekom rechtzeitig kommt und - Sex. Davon war meine Freundin Betty seit ihrem ersten Mal mit 15 jedenfalls überzeugt. Heute, mit 35, vertritt sie nicht mehr ganz so vehement diese Meinung.

Sex im Rollstuhl

Was vor allem daran liegt, dass Betty in den sechs Jahren, die sie nun schon allein verbringt, nicht ein einziges Mal mit einem Mann geschlafen hat. Dabei verfügt meine Freundin über etliche Wettbewerbsvorteile, die für die Welt der einsamen Herzen von Nutzen sind. Sie hat blonde schulterlange Haare, ein überzeugendes Dekolleté und ist äußerst tolerant. Außerdem findet sie das Leben in der Regel großartig, so etwas kommt bei den Menschen immer an.

Warum sie trotzdem in all dieser Zeit nicht ein einziges Mal zwei Körper das hat tun lassen, wofür sie die Natur ursprünglich vorgesehen hat, erklärt sie folgendermaßen: "Natürlich hätte ich oft Sex haben können. In fremden Badezimmern oder sogar in einem Weinkeller. Aber entweder fehlten die Kondome, ich bekam meine Tage, oder ich fühlte mich einfach zu alt für solche Spielchen." Wie man aber mit spätestens 35 weiß, wird man für seine Skrupel nicht belohnt, und deswegen hat Betty jetzt ein Problem: Sie glaubt, sie kann es nicht mehr. Außer mit sich selbst. In der Regel würde man das als Neurose einer alleinstehenden Großstadtfrau abtun, aber in diesem Fall gibt es seit Neuestem noch Ben.

Auf der nächsten Seite: Sex ist wie Essen

Ben ist Sportlehrer, Ende 30, groß und lustig - Ben ist ein Traum. Wäre ich nicht glücklich verheiratet, würde ich glatt vergessen, dass Betty meine Freundin ist. Nun aber sind die beiden so etwas wie ein Paar. Wäre da nicht der Sex. Oder wie Betty meint: "Verstehst du nicht?! Hier darf nichts schiefgehen. Ein Fehler, und ich muss wieder sechs Jahre warten!"Dazu sollte man wissen, dass Betty bei ihrem letzten Freund vergessen hatte, den Tampon zu entfernen und danach einige demütigende Momente im Krankenhaus durchleben musste. Unter anderem deshalb hält sie seit fünf Wochen Händchen.

Jedes Mal, wenn ich Betty treffe, lasse ich deshalb meine übliche Motivationsrede los: Sex sei wie Essen.Beides könne man gar nicht verlernen, weil es eine lebenserhaltende Maßnahme sei. Und wenn man das erste Mal mit einem quasi Fremden schlafe, wäre das immer neu, anders, aufregend und irgendwie auch verkrampft. Da würde es überhaupt nicht weiter auffallen, wenn man zwanzig Minuten benötigt, um das Kondom falsch herum überzustreifen oder irgendwann anfängt, die Struktur der Matratze zu loben.

Während ich das beim Italiener neulich zum etwa achten Mal wiederholte, kam mir etwas in den Sinn, was ich vor Kurzem in der Zeitung gelesen hatte: Der Mensch als äußerst anpassungsfähiges Wesen, hieß es, könne sich sehr schnell auf andere Umstände einstellen. Bedeutete das etwa auch: Man stellt sich auf ein Leben ohne Sex einfach ein? Kann man die Liebe verlernen, weil man irgendwann nicht mehr vermisst, was man nicht hat?

Sollte Bettys "Problem" wirklich ein Problem sein?! Zum Glück gibt es für solch verzwickte Fälle Experten wie die Psychologin und Sexualtherapeutin Claudia Clasen-Holzberg aus Hamburg. Die meint: "Sex an sich kann man nicht verlernen. Aber Frauen, die allein leben, suchen sich oft bewusst oder unbewusst Ersatz für ihre Lust. Viel ihrer Energie fließt dann in andere Bereiche, in den Beruf, in ein kulturelles oder soziales Engagement, in Hobbys. Das macht auch Spaß und erfüllt." Betty betreibt zwar leidenschaftlich gern Yoga, aber so gern, dass sie darüber ihre Lust vergisst? Kann ich nicht glauben. Ich starte einen neuen Versuch: "Bei euch beiden regelt sich das doch von allein. Er will dich, du willst ihn ..."

Auf der nächsten Seite: Man kann verlernen, seinem Bauch zu vertrauen

Obwohl ich auf Beispiele aus dem Tierreich dann doch verzichte, schaut mich meine Freundin mitleidig an und legt los: dass sie sich nicht mehr vorstellen könne, selbstbewusst Hand an einen männlichen Körper zu legen. Sie erzählt von der Angst, sich nackt zu zeigen, sich von fremden Händen berühren zu lassen. Dass sich wahrscheinlich alles falsch anfühlen würde, weil sie in den Jahren mit sich allein gemerkt hat, was ihr tatsächlich Spaß macht. Dass sie fürchtet, gar keine Lust empfinden zu können. Typisch für jemanden, der eine ganze Weile keinen Sex hatte, meint Claudia Clasen-Holzberg. "Je länger die Abstinenz dauert, umso größer werden die Zweifel an der eigenen Attraktivität, an der sexuellen Potenz und oft daran, sich unverkrampft auf körperliche Nähe einlassen zu können. Das ganze Kopfkino der Versagensängste und Selbstzweifel kann da leider tatsächlich jede Lust ersticken."

Anscheinend habe ich Betty die ganze Zeit über Unrecht getan: Egal, wie erfolgreich, klug oder schön - für das Selbstbewusstsein scheinen sexlose Zeiten so überflüssig wie ein Kropf zu sein und so nachhaltig wie Nikotinsucht. Als Betty mir am Ende unseres italienischen Abends dann noch von ihrer Befürchtung erzählt, sofort nach dem Beischlaf unter die Dusche zu springen und nach Hause zu fahren, ist mir klar, wohin die Reise wirklich geht.

Nicht der Sex spielt die Hauptrolle in diesem Drama. Betty hatte wegen etwas anderem die Hosen gestrichen voll: wegen dem Davor und dem Danach. Wegen dem Zulassen und dem Aushalten einer Intimität und Nähe, die nichts mit Lust, sondern mit Gefühlen zu tun hat. Sie weiß: Bei echter Hingabe wäre sie wie ein offenes Buch, in dem Ben nach Herzenslust lesen, das er aber auch ohne Vorwarnung zuschlagen könnte - und ihre in sechs Jahren eroberte innere Unabhängigkeit wäre schnell dahin. "Jeder hat Nähe schon mal als gefährlich oder verletzlich erlebt. Was geschieht, wenn ich jemanden emotional und körperlich in mein Leben lasse? Kann ich eine Enttäuschung verkraften? Was muss ich aufgeben? Je offener und intimer die sexuelle Beziehung ist, desto größer das Risiko. Dazu gehört Mut und Selbstvertrauen", erklärt die Psychologin.

Man kann also nicht verlernen mit jemanden ins Bett zu gehen. Aber man kann verlernen, seinem Bauch zu vertrauen. Weil das aber kein Zustand für die nächsten 35 Jahre sein kann, beschließe ich, sanften emotionalen Druck auszuüben: Betty könne ja weiterhin jammern, aber dann wüsste ich eine wirklich nette Frau, der ich Ben gern vorstellen würde - sie selbst könne sich ja stattdessen eine erstklassige Sammlung an Vibratoren zulegen. Ich will mich ja nicht loben, aber die beiden haben in dieser Nacht ihre Hände endlich mal anderweitig benutzt.

BRIGITTE BALANCE 02/08: Text: Pia Blum Foto: Getty Images
Themen in diesem Artikel