Orgasmus auf dem Küchentisch

Sechs Jahre lang ließen sich vier türkische Forscherinnen das Liebesleben türkischer Frauen in der Türkei und in Deutschland erzählen. Mit den Protokollen tourten sie ein Jahr lang durch die Türkei und sorgten für Furore. Jetzt erscheint "So ist das, meine Schöne" auch auf Deutsch. Inklusive Leseproben.

Die Abende, in denen die sexuelle Revolution ihr Land erschütterte, wird Hülya Adak nie vergessen: Rund 70 Frauen drängelten sich am 8. März 2008 in einem kleinen Raum in der konservativen Kurdenmetropole Diyarbakir im äußersten Südosten der Türkei. Es war eng und stickig, und trotzdem blieben alle bis tief in die Nacht wie gebannt sitzen.

Was an diesem Abend passiert, war nämlich eigentlich undenkbar: Mehrere Stunden lang trugen zehn Frauen aus Diyarbakir Texte vor, in denen Türkinnen von zu kleinen Brüsten berichten oder von zu dehnbaren Jungfernhäutchen, man hört von Orgasmen auf dem Küchentisch und von Doktorspielen mit Freundinnen, aber auch von Vergewaltigungen, Schlägen, Ehrenmorden.

Studie: Ein Pärchen nach dem Sex im Bett

Es war das erste Mal, dass in Diyarbakir auf offener Bühne Frauen so unverblümt über Lust und Liebe sprechen. Und vier Wochen später, bei der Wiederholung der Lesung in Istanbul, fing das Publikum nach den Vorträgen sogar selbst an zu erzählen: über Sexfantasien und Masturbationstechniken, Machtkämpfe im Bett und Flirts auf der Straße.

Die Frauen wollten gar nicht mehr damit aufhören.

"Es war, als hätten sie plötzlich begriffen, dass Sex nichts ist, wofür wir uns schämen müssen oder über das wir nicht sprechen dürfen", erinnert sich Hülya Adak. "Für eine muslimische Gesellschaft wie die Türkei war das ein absolutes Novum!"

Hülya Adak ist Literaturprofessorin in Istanbul – und Feministin. Zusammen mit drei Kolleginnen hatte sie die beiden Lesungen organisiert. Es war die Feuerprobe eines Projekts, an dem das Team sechs Jahre lang gearbeitet hatte: Inspiriert von Eve Enslers "Vagina Monologen" hatten sie 50 Türkinnen in der Türkei und in Deutschland über ihr Sexleben befragt. Mit den Protokollen wollten sie nun auf Lesereise gehen und eines der größten Tabus islamischer Gesellschaften brechen: das öffentliche Sprechen über Sex - durch Frauen.

Heute, ein Jahr später, touren sie immer noch. In acht türkischen Städten wurden die Protokolle bereits vorgetragen und diskutiert, das Buch zum Projekt erscheint in der zweiten Auflage. Und die Nachfrage reißt nicht ab. Auch Männer zeigen Interesse, tragen die Bekenntnisse der Frauen bei einigen Veranstaltungen sogar selbst vor – in einer Machogesellschaft wie der türkischen ein gewagtes Unterfangen.

Doch das Publikum ist begeistert. Es scheint, als hätten Adak und ihre Kolleginnen tatsächlich eine Schleuse geöffnet: Eine Gesellschaft beginnt, über Orgasmen, Jungfernhäutchen und Geschlechterrollen zu diskutieren, vor allem aber: Frauen als Wesen zu begreifen, die genau wie Männer das Recht haben, selbst zu bestimmen, wann, wie und mit wem sie ins Bett gehen. "Es ist", sagt Hülya Adak stolz, "wie der Beginn eines neuen Umgangs mit Sex."

Ende März erscheint das Buch zum Projekt auch in Deutschland ("So ist das, meine Schöne", Orlanda-Verlag, 12,90 Euro). Und es ist ihm nur zu wünschen, dass es bei uns ähnlich hohe Wellen schlägt wie in der Türkei.

Nicht so sehr, weil wir unbedingt lernen müssten, uns ungehemmter über Sex auszutauschen. Sondern weil die Protokolle das Bunteste, Vielschichtigste und Authentischste sind, was man in Deutschland derzeit zum Thema Sex und Islam in die Finger bekommt. Und nebenbei schubsen uns diese Frauen mit ihrem Humor und ihrer Offenheit auch noch höchst energisch vom ach so bequemen Klischeesofa.

Sicher, die bekannten Schattenseiten muslimischer Sexualmoral - Ehrenmord, Jungfernkult, Zwangsheirat - sind auch hier Thema. Etwa wenn der transsexuelle Sinem erzählt, wie ihn seine Familie tagelang an die Heizung kettet, ihn wegen seiner sexuellen Neigung fast wie Tier krepieren lässt, nur um die Ehre der Familie zu retten. Archaisch klingt das, wie ein Schauermärchen aus dem vorletzten Jahrhundert.

Doch nur wenige Seiten weiter berichtet die 35-jährige Putzfrau Irem vom Drama ihrer ersten Ehe, von dem Mann, der sie zwar immer wieder schlägt, den sie aber trotzdem so leidenschaftlich begehrt und liebte, dass sein früher Tod sie fast selbst umbringt. Zwar handelt es sich bei Irems Ehe um eine arrangierte, zwar leben die beiden in einer Armut, wie man sie hierzulande kaum findet – und doch: Die Sehnsüchte, Komplexe und Konflikte, mit denen das Paar kämpft, könnte man auch in mancher deutschen Beziehung wiedererkennen.

Selbst wenn die Frauen über Jungfernschaft und weibliche Ehre sinnieren, wirkt das nur auf den ersten Blick exotisch: Da jubelt die 21-jährige Gülfidan zum Beispiel trotzig über den vorehelichen Verlust ihres Jungfernhäutchens – für streng gläubige Muslime eine schwere Sünde. Und doch rebelliert sie damit längst nicht nur gegen religiöse Sittenwächter: "Ich war wütend auf alle, die mir Regeln nur wegen meines Frauseins auferlegten", erklärt sie. "Ich wollte meine Weiblichkeit selbst definieren!"

Und die ebenfalls ledige Studentin Hilda plagen Sorgen, wie sie auch in manchen westlichen Internetforen im Schutze der Anonymität diskutiert werden: Sie wird trotz mehrmaliger Versuche ihre Jungfräulichkeit einfach nicht los – mit 23. Wie peinlich, findet Hilda, zumal die eigene sinnenfrohe Mutter selbst schon mit 13 die ersten Jungs flachlegte und dafür sogar den Zorn ihrer streng muslimischen Familie auf sich nahm!

Es scheint, als seien Sex und Liebe schlichtweg zu universell, als dass sie sich auf Dauer in starre Vorstellungen von Ost und West, Tradition und Moderne pressen ließen. Als müsse man sie stattdessen akzeptieren, wie sie einen immer wieder packen, mitreißen, abheben lassen. Egal ob in Ankara oder Augsburg. "So ist das, meine Schöne", sagt eine der Frauen im Buch irgendwann. Und so ist es vielleicht ja auch gut.

Drei türkische Frauen erzählen: Auszüge aus "So ist das, meine Schöne"

Gülfidan über Jungfräulichkeit

Irem über Gewalt und Liebe

Yagmur, 27, über ihre Homosexualität

Text: Kristina Maroldt

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