Porno: Bitte freimachen?

Alles Porno? Noch nie war so viel Pornografie in unserem Leben. Macht uns das an - oder krank? Eine Reise durch die Feuchtgebiete der Republik.

Im Bambiland ist alles rosa: die Wände, die Vorhänge, das Plüsch-Schwein im Regal. Und die Fingernägel, mit denen die junge Frau mit dem Pagenkopf sich zwischen den Beinen reibt. Sie sitzt dabei nackt auf dem Klo, die Schenkel gespreizt, auf dem Knie ein Tittenheft. Sie sieht mir direkt in die Augen. Ich mag die Bilderstrecke. Wie das meiste, was man auf www.bambiland.net für 9,95 Euro pro Monat zu sehen bekommt.

Bambi, so nennt sich die Frau mit dem Pagenkopf, lädt ständig neue Fotos von sich hoch. Die Geschichten, die sie damit erzählt, sind selten jugendfrei, oft bizarr, gelegentlich obszön, aber immer selbstironisch: Bambi putzt, einen Dildo schwingend, in Strapsen die Küche. Bambi lässt beim Nackt-Zähneputzen den Schaum lasziv aus dem Mund tropfen. Bambi fummelt mit Operationsbesteck an ihren gepiercten Schamlippen herum. Sehen wollen das zumindest so viele, dass sich die 25-Jährige damit - und mit gelegentlichen Jobs als Nacktmodell - ihr Politikstudium finanziert. Doch der eigentliche Grund, weshalb sie die Seite vor zwei Jahren als Ein-Frau-Projekt gestartet habe, sei ein anderer, sagt Bambi, die ihren richtigen Namen geheim halten will: "Ich kann dort meine Fantasien ausleben. Und das Drehbuch bestimme ich."

Ab 2030 gibt es keinen Sex mehr: Studie zeigt Gefahr, die wir nicht kommen sehen!

Frauen wie Bambi sind der Partytalk der Saison. Denn, wir erinnern uns, vor einem Jahr hat ein grell pinkfarbenes Buch mit Heftpflaster-Cover die Bestsellerlisten erobert - und sie bis heute nicht verlassen: "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche, ein Roman über die sexuellen Erkundungen einer 18-Jährigen, wurde derart stürmisch gefeiert, als hätte die Autorin damit die erste sexuelle Revolution des neuen Jahrtausends losgetreten und es höchstpersönlich zu verantworten, dass Frauen ab sofort "Ficken" sagen und Pornos gut finden dürfen, ohne sich deshalb gleich als Verräterinnen an der Frauenbewegung selbst zu diskreditieren.

Das sei natürlich Quatsch, findet Bambi. "Die meisten Frauen meiner Generation haben schon immer so über Sex geredet. Und für mich war es auch schon immer ein Ausdruck von Gleichberechtigung, dass ich mir als Frau Pornos ausleihen kann, ohne rot zu werden. Wir sind eben anders mit Sex aufgewachsen als unsere Eltern. Was ein Fetisch ist, wissen wir schon seit Arabella Kiesbauer.

Die Schauspielerin Michaela May hat "Feuchtgebiete" nicht gelesen. Doch sie hat mit der Bremer Rapperin Lady Bitch Ray, der zweiten lautstarken Protagonistin der neuen weiblichen Pro-Porno-Fraktion, diskutiert. In einer Talkshow war das, "Keuschheit oder Porno?" lautete das Thema, noch Tage später wurde die Sendung im Internet diskutiert. Denn Lady Bitch Ray schoss dort mit derart scharfem Vulgärvokabular, dass wohl selbst hartgesottene Hiphop-Kollegen erst mal nach geeigneter Gegen-Munition hätten suchen müssen, wenn sie denn als Counterpart geladen worden wären.

Ist Ihre Fotze Ihre Seele?

Doch stattdessen saß da Michaela May, vorgestellt als Zeitzeugin der "Sex-Welle" der frühen 70er, die irgendwann entgeistert fragte: "Ist Ihre Fotze Ihre Seele?" An die Antwort darauf kann sich Michaela May heute gar nicht mehr erinnern, nur an das Gefühl, das sie damals überkam: "Muss alles immer krasser und brutaler werden? Wir Frauen sind heute doch selbstbewusst genug. Warum müssen wir durch extra aggressives Sprechen über Sex provozieren?" Guckt sie selbst manchmal Pornos? "Nein. Die lähmen meine Fantasie."

Frauen und Pornos. Herrje, wurde dazu nicht längst alles gesagt? Wer das glaubt, frage mal probehalber im Freundinnenkreis nach: Die Verwirrung ist so groß wie die Vielfalt der Stimmen. Denn auch wenn die meisten die Doggy- Stellung nicht mehr für die Kapitulation vor dem Patriarchat halten und Youporn für eine Kaugummisorte - so ganz geheuer ist vielen trotzdem nicht, was ihnen aus den Tiefen des Internets oder auf diversen TV-Kanälen rund um die Uhr entgegenstöhnt. Sind Pornos nun die Musthaves eines zeitgemäßen Feminismus - oder doch nur "die Darstellung von sexualisiertem Frauenhass", wie Alice Schwarzer in ihren PorNo-Kampagnen seit 20 Jahren nicht müde wird zu wettern? Machen uns die Dauererektionen in Internet, Fernsehen und Werbung an oder krank? Brauchen wir neue Gesetze oder vielleicht einfach neue Ideen?

An der Pornofront herrscht Dunkelheit. Stacheldraht spannt sich über die Seite, darunter Links wie Türschilder: "Extrem", "Torture", "Gezwungen". Google hat mich hierhergeleitet, der durch keine Abartigkeit zu erschütternde Lotse im Pornodschungel. Ich hatte "Gewalt" und "Porno" eingegeben, und einer der 150000 Links, die die Suchmaschine ausspuckte, führte mich zu www.pornofront.com.

Wenn wir mit ihnen fertig sind, brauchen sie einen Psychiater!

"Hier bekommen diese verdammten Schlampen genau das, was sie verdienen!", brüllt mir die Überschrift entgegen. Darunter ein Foto, auf dem ein Mann mit Totenkopfmaske einer heulenden Blondine seinen erigierten Penis in den Mund rammt. "Wenn wir mit ihnen fertig sind, brauchen sie einen Psychiater. . . " Befremdet drücke ich den Back-Button. Bei allem Respekt für SM-Fantasien: Geht's noch?

Wer will, findet heute im Internet alles: vom Analverkehr in Nahaufnahme über Fäkalien essende Brasilianerinnen bis zum Sex mit Blumenvasen oder Schäferhunden. Sicher: Sex war noch nie politisch korrekt, Pornografie als Bild oder Buchstabe gewordene Sex-Fantasie erst recht nicht; die Lust auf Unterwerfungsszenarien gilt schon lange nicht mehr als Beleg für einen grundsätzlich devoten Charakter, und von Tabubrüchen wusste bereits Marquis de Sade, dass sie der Pfeffer sind, der am besten reizt. Neu ist jedoch die Allgegenwärtigkeit der Filme, Bilder und Texte, in denen es zur Sache geht. Und zwar - auch das ist neu - mit wachsender Brutalität gegenüber beiden Geschlechtern: Wer sich Sidos "Arschficksong" je bis zur letzten Strophe angetan hat, weiß, dass dort die Jungs mindestens genauso hart rangenommen werden wie die Mädchen.

Und was machen die Bilder und Texte mit uns? Werden Männer durch sie zu dauergeilen Brutalofickern und Frauen zu devoten Opferlämmern? Schlittern wir gar "Deutschlands sexueller Tragödie" entgegen, wie es der Gründer des Berliner Kinderhilfswerks "Die Arche" Bernd Siggelkow in seinem aktuellen Buch über die angeblich grassierende "Pornoseuche" unter "sexuell verrohten" Teenagern orakelt? Seriöse Wirkungsstudien zu Pornografie gibt es kaum. Einig sind sich die Forscher nur in einem Punkt: Das Credo der Porno- Gegnerinnen der 80er, "Pornografie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis", stimmt sicher nicht. Bei Erwachsenen verhält es sich sogar oft umgekehrt, hat die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung Ulrike Brandenburg beobachtet: "Wenn Sex überall verfügbar ist, verliert er den Glamour und lässt unser Begehren sterben." Vor allem Männer kämen immer häufiger in ihre Aachener Praxis. "Lustlosigkeit ist derzeit unser größtes Problem."

Und das Rudelrammeln der Porno-Kids aus Hellersdorf, über das sich Pädagogen und Pastoren in den Talkshows so gern die Köpfe heiß reden? "Das ist wirklich eine Randerscheinung", sagt Ulrike Brandenburg. "Die meisten Jugendlichen können zwischen Realität und Fiktion sehr gut unterschieden." Wenn Pornos das Sex Verhalten so extrem bestimmten, liege das weniger an den Pornos selbst als an einem verkümmerten sozialen Umfeld: "In manchen Familien reden Eltern und Kinder kaum mehr miteinander. Das ist aber eine soziale Tragödie, keine sexuelle."

Ein Ende der Sprachlosigkeit - das fordert auch Tatjana Hörnle. Allerdings nicht in den Familien, sondern in den Staatsanwaltschaften. Ich treffe die Strafrechtsprofessorin in ihrem Büro im fünften Stock der Bochumer Uni. Vom Fenster aus geht der Blick weit ins Land, über Wiesen und Wälder, und vielleicht liegt es ja an dieser entspannten Aussicht, dass die Sicht der 44-jährigen Expertin für Sexualstrafrecht auf die erhitzte Pornografie-Debatte auch recht entspannt ist.

"Bevor wir immer neue Anti-Porno-Gesetze fordern", sagt Hörnle und rührt gelassen in ihrem Milchkaffee, "sollten wir die bestehenden Paragrafen erst mal umsetzen." Die Pornos, die alle so abstoßend fänden, sprich: die besonders brutalen Gewaltfilme, stünden nämlich ohnehin unter Strafe. "Dazu müsste man die Fälle vor Gericht natürlich erst einmal verhandeln. Hier gibt es aber dramatische Lücken." Sie legt eine Tabelle auf den Tisch: Rund 1500 Verurteilungen pro Jahr gibt es derzeit wegen Kinderpornografie - doch nur 47 wegen Gewaltpornografie. "Wer im Internet recherchiert, weiß: Diese Relation kann einfach nicht stimmen." Schuld daran sei vor allem die dünne Personaldecke: "Um die Kinderpornografie kümmern sich Extra-Abteilungen in den Staatsanwaltschaften, um die Gewaltpornografie nicht. Das muss sich ändern. Sonst herrscht hier weiter Schweigen."

Auf Youporn wird nicht geschwiegen. Die Leute quasseln und stöhnen und dirtytalken, was die Mikros der Digicams hergeben - und was man sich aus dem letzten Mainstream-Porno so abgehört hat. Nach drei Clips bin ich schon vom Zusehen erschöpft: Wer hat hier noch mal wem was wo eingeführt? Beim wievielten Stellungswechsel sind wir mittlerweile angelangt? Wippt da am Bildrand tatsächlich ein Fuß in Bärchensocken - und das beim 69er? Anregend ist das nicht, eher anrührend: Youporn ist der fast schon verzweifelte Versuch, das, was uns in Pornos, Filmen oder Werbung als Granatensex verkauft wird, möglichst präzise nachzuturnen. "Do it yourself" in der Urform sozusagen. Leider so platt, emotionsfrei und grausam ausgeleuchtet, dass das Ergebnis eher abals antörnt. Aber ließe sich aus der Idee nicht Originelleres basteln?

Corinna Rückert hat es versucht: Die Kulturwissenschaftlerin drehte selbst einen Porno. Kurz nach ihrer Doktorarbeit zum Thema "Frauen und Pornografie" war das, ihr Fazit lautete damals: Wir brauchen nicht unbedingt weniger Pornos, aber andere. Mit schöneren Darstellern, authentischeren Settings, weniger Brutalität - vor allem aber mit Frauen, denen man ansieht, dass sie nicht nur als stereotyp stöhnende Rammböcke ihren ergebenen Dienst tun, sondern beim Sex Spaß haben. Der Film, den sie daraufhin als Low-Budget-Produktion auf den Markt brachte, wurde zwar kein Kassenschlager, dafür verkauft sich die Reihe mit erotischen Geschichten, die die 40-Jährige seither für den Rowohlt-Verlag schreibt, hervorragend.

Offensiver über Pornographie sprechen

Sie sagt: "Wir müssen lernen, offensiver über Pornografie zu sprechen. Die Bilder und Fantasien sind ja da. Wenn das Reden darüber ein Tabu bleibt, schadet das vor allem uns Frauen - weil wir dann bestimmt nicht die Filme und Bücher kriegen, die uns gefallen. Und es gefährdet die Teenies - weil die dann nicht lernen, mit Pornos kritisch umzugehen, sondern meinen, jetzt müssten sie sich erst recht so viel wie möglich reinziehen." Ihrem 14-jährigen Sohn habe sie erklärt, mit dem Pornogucken sei es wie mit Autofahren: Erst wer eigene Erfahrungen gesammelt habe, dürfe ans Steuer. "Das fand er logisch."

Pornos und Autos - kann man das überhaupt vergleichen? Wieso nicht. Vielleicht ist es sogar die beste Methode, der ideologischen Schotterpiste der letzten Jahre endlich zu entkommen und sich dem Thema auf dem ruhigeren Weg der Sachlichkeit zu nähern. Wer Pornos nämlich nicht mehr als moralisches Statement überhöht oder hinter ihnen gar eine bewusst gesteuerte Attacke patriarchalischer Geheimbünde wittert, wer sie stattdessen ganz nüchtern als das sieht, was sie nun mal sind: Konsumartikel, unterworfen den Gesetzen von Angebot und Nachfrage - der merkt schnell: Für uns Frauen läuft es zur Zeit gar nicht so übel.

Klar, die libidinöse Leistungsshow auf allen Kanälen und die gerade unglaublich angesagte Vermarktung an sich öder Produkte oder Ideen durch mal eben aufgepappte "Porno"-Labels nervt oft tierisch. Doch das Phänomen hat einen interessanten Nebeneffekt: Je normaler es nämlich wird, über die neuesten Stellungswechsel von Promis und Normalos für lau informiert zu werden, desto verzweifelter wird die Lage für die, die mit dem Tabubruch eigentlich mal richtig Geld machen wollten: Händeringend sucht die Pornobranche derzeit nach neuen Zielgruppen - und immer deutlicher wird, dass dabei die Frauen den Sieg davontragen könnten.

Zum Beispiel bei Europas größtem Erotikkonzern Beate Uhse. Vor einem Jahr hat der seine Strategie komplett überarbeitet, statt auf verschwitzte Kabinen-Voyeure konzentriert man sich jetzt vor allem auf Frauen und Paare. Schließlich - dieses Ergebnis einer Studie der Uni Amsterdam dürfte mittlerweile auch den Erotik-Strategen bekannt sein - sorgt Sex-Gucken nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen für Kribbeln im Genitalbereich. Sie wünschen sich bloß oft ein anderes Ambiente. Beate Uhse setzt diese Erkenntnis nun erwartungsgemäß konventionell um: mit edlen Boutiquen statt Schmuddelshops und mit einer neuen Filmfirma, die Sexfilme drehen soll, deren männliche Darsteller nicht mehr aussehen wie eben am Bierstand gecastet. Es ist zumindest ein Versuch.

Wenn Pornografie gesellschaftsfähiger wird, lockt das aber zum Glück auch die aufs Parkett, von denen man Spannenderes erwarten darf als die übliche Rauf-Rein-Raus-Abspritzen-Übung: Den Dogma-Regisseur Lars von Trier etwa, in dessen "Innocent Pictures"-Pornos man keinen Mann je auf das Gesicht einer Frau ejakulieren sah - im Mainstream-Porno die übliche Schlussszene, die vielen Zuschauerinnen das gesamte Opus jedoch gründlich verdirbt.

Oder den US-Pornofilmer Andrew Blake, der seine Sexorgien mit Drum'n'Bass-Rhythmen unterlegt und fast wie akrobatische Tanzstücke choreografiert. Und manche, wie die deutsche Regisseurin Petra Joy, haben sich sogar explizit der weiblichen Lust verschrieben und drehen nur noch "Frauenpornos".

"Ich träume ja von einer Edelporno-Revolution", sagt die 25-jährige Journalistin Meredith Haaf, die schon vor einem Jahr als " Alphamädchen"-Autorin die Lanze für anspruchsvollere Sexfilme brach. "Mit Qualitätssiegel, Fair-Trade und Käuferinnen, die genau wissen, was sie wollen. Wieso soll das, was bei Schokolade klappt, nicht auch bei Pornografie funktionieren?" Den Appetit auf erotisches Naschzeug sollten wir uns nicht verderben lassen. Egal, wie viel minderwertige Discounter- und Gratis-Ware derzeit den Markt flutet.

Wieso das Feld denn genau dann räumen, wenn sich dort endlich mal was bewegt? Andererseits (der Kalauer muss sein): Alles schlucken muss keine. Wem die Massenware zu klebrig, das Premiumsegment zu speziell und der Grabbeltisch zu niveaulos ist, der sollte sich seine sexuellen Sahnetörtchen, bitteschön, nach wie vor selber backen dürfen. Nämlich im Kopf. Ohne Kamera, Mikrofon, Publikum und allgemein zugängliche Kommentarfunktion. Zum Vernaschen kann dann ja gern wieder jemand vorbeikommen.

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Text: Kristina Maroldt Foto: Getty Images ein Artikel aus der BRIGITTE 07/09

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt
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