Corinna Rückert schreibt Erotik-Geschichten für Frauen

Pornos? Pfui, das ist doch unterste Schublade! Billiger Schmuddelkram, und Frauen verachtend noch dazu. Oder? Die Kulturwissenschaftlerin Corinna Rückert räumt mit ein paar Vorurteilen auf. Und schreibt selbst erotische Geschichten für Frauen

Es gibt diesen Witz: "Warum gucken Frauen Pornos immer bis zum Schluss? Weil sie auf die Hochzeit warten." So weit, so falsch, meint Corinna Rückert. Die Kulturwissenschaftlerin hat ihre Doktorarbeit über Frauenpornografie geschrieben. Und zum Beispiel herausgefunden, dass Frauen und Männer in punkto Porno ganz ähnliche Wünsche haben.

Beiden geht es darum, Menschen beim Sex zuzusehen, Gestöhne und genitale Großaufnahmen inklusive. Die sexuellen Fantasien unterscheiden sich lediglich in der Perspektive: Im üblichen Mainstream-Porno steht die Frau als Lustobjekt im Mittelpunkt. "Dabei kann man den Spieß auch einfach umdrehen", erklärt Rückert und zieht einen Bildband der Fotografin Charlotte March aus ihrem Bücherregal. Auf den meisten Fotos räkelt sich ein junger Mann splitternackt am Strand. "Er ist das Lustobjekt der Fotografin", kommentiert sie beim Blättern. Das Gegenstück zum Playboy-Bunny also.

"Pretty Woman" mit mehr Sex wäre ideal

Corinna Rückert

Völlig unverkrampft plaudert die Wissenschaftlerin in ihrem Lüneburger Wohnzimmer über SM-Fantasien und Oralverkehr. Kein Wunder, hat sie doch in den letzten Jahren unzählige Pornos gesichtet, Bücher gelesen und einschlägige Messen besucht. Sie ist Expertin auf einem Gebiet, um das viele Frauen lieber einen großen Bogen machen.

Ihr geht es vor allem darum, Pornos nicht zu verteufeln. Warum auch sollten sie nicht Teil der weiblichen Lust sein? In Befragungen fand sie heraus, was Frauen sich wünschen: Schummriges Licht, attraktive Darsteller und eine aufwändige Ausstattung. Außerdem ist Frauen Plausibilität wichtig. Sie wollen nicht unbedingt eine schöne Geschichte erzählt bekommen. Aber es sollte zumindest einen überzeugenden Grund dafür geben, warum die Menschen im Film jetzt Sex haben. "Was die meisten nicht wollen, ist diese typische Porno-Situation: Eine Frau kommt in die Autowerkstatt und zack, bumm geht’s gleich los." Ideal wäre eine Story wie "Pretty Woman", nur mit Sexszenen.

Auf der nächsten Seite: Qualität statt Massenware

Qualität statt Massenware

Bei ihren Recherchen merkte Corinna Rückert schnell, dass es in Deutschland neben der billigen Massenware kaum anspruchsvolle Pornografie zu kaufen gibt. "Die Qualität der meisten Filme ist einfach nur grottig." Kurzerhand drehte sie selbst einen Porno, um die Ergebnisse ihrer Arbeit praktisch umzusetzen. Die Darsteller suchte sie per Anzeige. "Unglaublich, was wir da für Zuschriften bekommen haben." Einige Bewerber schickten gleich Fotos von ihrem Penis mit.

Das Ergebnis des Drehs heißt "Das Geburstagsgeschenk". In dem Film bekommt ein Mann von seiner Freundin zum Geburtstag einen flotten Dreier geschenkt. Geredet wird wenig, dafür haben die drei viel Sex. "Mich macht der Film nicht an. Es scheiterte letztendlich an den Darstellern", so ihr Resümee.

Inzwischen hat sich Corinna Rückert aufs Schreiben verlegt. Ihren Erzählband "Lustschreie" bezeichnet sie selbst als Hardcore-Pornografie. Ob man das nun erotisch findet, ist Geschmackssache. "Das sind ja nicht meine eigenen Fantasien, die ich da aufschreibe", betont die Autorin. Ihre Erotik für Frauen liest sich zum Beispiel so:

Mit einem Keuchen kippte Mark vornüber, legte seinen schönen Kopf auf Toms zitterndes Knie. Ich strich über seinen schweißnassen Rücken, während Tom von hinten zärtlich meine Hüften streichelte.

Auf der nächsten Seite: Mehr als Blümchensex

Mehr als Blümchensex

In den Geschichten geht es ganz schön zur Sache. Da feiern Ehepaare Orgien, lässt sich eine Frau von einem Unbekannten im Dampfbad verführen. Die Autorin scheut sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. "Es ist ja meistens so, dass man über gewisse Praktiken nicht spricht. Aber mal ehrlich: Welche Frau hat ihr Leben lang Blümchensex?"

Die gängigen Vorurteile gegen Pornografie lässt Corinna Rückert nicht gelten. Pornos sind nicht automatisch Frauen verachtend oder stiften zur Vergewaltigung an. Sie zeigen sexuelle Fantasien, kein Abbild der Realität. Als Beispiel nennt sie eine klassische Szene: Der Postbote klingelt, eine Frau im Negligé macht die Tür auf und guckt verführerisch. "Ich möchte mal einen Mann sehen, der da nicht schreiend wegrennt."

Warum Frauenrechtlerinnen wie Alice Schwarzer ein Porno-Verbot fordern, kann sie nicht verstehen. "Das ist der falsche Weg." Statt sich über den Schund aufzuregen, der oft als Pornografie verkauft würde, solle man lieber bessere Pornos machen. "Wir Frauen haben so viel Macht, wir könnten da so viel verändern." Corinna Rückert ist schon dabei. Im Moment arbeitet sie an neuen Erzählungen. Der Titel des Bandes: "Er stöhnt, sie stöhnt."

Übrigens: Wir verraten euch, wo ihr lustvolle Pornos für Frauen anschauen könnt.

Fotos Clipart/privat
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen