Pornosucht: "Meine Frau sieht, dass ich nicht schlecht, sondern krank bin"

Heute höchstens zehn Minuten Pornos gucken und dann ist aber wirklich Schluss? Wie ein 52-Jähriger versucht, seine Lust wieder in normale Bahnen zu lenken.

Bei manchen ist es der Alkohol. Oder das Kiffen. Bei anderen das Spielen. Vielleicht auch das Essen, die Arbeit oder das Shoppen. Bei mir war es die Lüsternheit. Ein komisches Wort, aber es trifft diese Gier ganz gut. Sie dominierte mich als Jugendlicher, und sie tat es als erwachsener Mann immer noch. Ich konnte keine Straßenbahn betreten, ohne sofort nach einer Frau in enger Kleidung oder tiefem Ausschnitt Ausschau zu halten. Ich fuhr zum Straßenstrich und ging ins Laufhaus. Und ich sah stunden-, nächtelang Pornos. Ich sah mir selbst bei der Arbeit Pornos auf dem Handy an und onanierte auf der Toilette. Eine richtige längere Beziehung hatte ich weder in meinen 20er- noch in meinen 30er-Jahren.

Der Pornokonsum bestimmte mein Leben

Ich bin 52 Jahre alt, in meiner Jugend gab es noch kein Internet. Da gab es nur ein Pornoheft, das ich mit zwölf oder 13 im Wald fand. Die Bilder fesselten mich. Es war etwas Unbekanntes, Geheimnisvolles, in dem Alter auch etwas Verbotenes. Noch Jahre später radelte ich die Strecke ab, um zu schauen, ob ich wieder eines finden würde. Aber ich fand dort nie wieder eines. Internetpornos sind dagegen heutzutage immer da. Und sie machen es einem Süchtigen wie mir schwerer, von der Sucht loszukommen. Ich weiß, dass viele über den Begriff "Sex- und Pornosucht" nur den Kopf schütteln. Doch es ist eine Sucht wie jede andere. Und so war das Glück, was sie bescherte, nur von kurzer Dauer und zudem trügerisch.

In klaren Momenten versuchte ich daher aufzuhören. Ich baute nachts nach stundenlangem Pornokonsum die DSL-Anlage ab, brachte sie in den Keller und schwor mir: "Nie wieder!" Aber bereits am nächsten Tag konnte ich gar nicht schnell genug nach Hause kommen, um sie wieder zu montieren. Ich machte mir eine Liste mit Punkten wie "Längstens zehn Minuten Pornos gucken und mich schnell selbstbefriedigen". Ich sagte mir: "Ich fahre nie wieder zum Straßenstrich. Die Frau war bestimmt drogenabhängig. Das will ich nicht fördern." Aber wenige Tage später war ich wieder dort. Manchmal redete ich mir die Sucht auch schön: "So bin ich eben. Und ich tue ja nichts Schlimmes!" Dabei hatte ich längst die Kontrolle über meinen Pornokonsum verloren. Er bestimmte mein Leben.

So wie das erste Glas beim Alkoholiker der Beginn zum maßlosen Trinken ist, ist mein 'erstes Glas' der kurze Blick auf den Bildschirm

Natürlich habe ich mich oft gefragt, ob es anderen Männern ähnlich geht wie mir. Wie ich in die Sucht überhaupt reingeraten konnte. Ich bin mit 15 von einem Mann sexuell missbraucht worden. Durch den Missbrauch hatte sich über meine Sexualität ein dunkler Schatten von Scham- und Schuldgefühlen gelegt. Ich hatte das Gefühl, als ob jede Sexualität immer auch missbräuchlich wäre. Im Internet wurde ich 2008 auf die Anonymen Sexaholiker, kurz AS, aufmerksam. Eine Selbsthilfegruppe für Sexsüchtige. Es tat gut, mit anderen darüber zu sprechen, und nach einem Vierteljahr glaubte ich, "es" kontrollieren zu können. Ein Irrglaube.

Sexualität – egal ob Selbstbefriedigung oder mit einer Frau zu schlafen – war immer noch unauflösbar verbunden mit einem Zweck: ich nutzte sie ausschließlich, um wegzukommen, abzutauchen, zu vergessen. Und ich konnte sie nicht kontrollieren. Eine Zeit lang setzte ich mir das Ziel, zumindest mein "Ansehen" zu retten. Ich fasste den Vorsatz, wenigstens nicht mehr in der Stadt, in der ich wohne, ins Laufhaus zu gehen. Ich verkaufte sogar mein Auto, weil ich so nicht mehr zum Straßenstrich fahren könnte. Aber natürlich führte dies nicht zu mehr Kontrolle, sondern nur zu einer Verlagerung der Sucht. Denn an Pornografie zu kommen ist leicht, ein paar Klicks auf der Tastatur reichen.

 

Studie: Ein Pärchen nach dem Sex im Bett

So landete ich wieder bei meinen alten Mustern. So wie das erste Glas beim Alkoholiker der Beginn zum maßlosen Trinken ist, ist mein "erstes Glas" der kurze Blick auf den Bildschirm. Diese Art von Lüsternheit ist unersättlich. Durch sie kann es keine wirkliche Verbindung mit dem anderen Menschen geben. Der andere Mensch, Sexualität an sich, sind nur Mittel für den Rausch. Auch wenn ich oftmals glaubte, es käme beim Schauen von Pornos "nur" auf die Art oder den Zeitraum an – die Selbstkontrolle war nicht mehr möglich, wenn die "Sauftour" mit dem ersten Glas erst einmal in Gang gesetzt worden war.

Als ich meiner Frau die Sucht gestand, verurteilte sie mich nicht

Im Jahr 2010 lernte ich eine Frau kennen. Wir wurden ein Paar und zogen ein Jahr später sogar zusammen. Ich glaubte: "Jetzt wird alles gut. Endlich habe ich eine Partnerin, die ich liebe und die mich liebt. Nun werde ich lernen, eine 'normale' Sexualität zu haben." Die Freude über das Zusammensein mit einem anderen Menschen nach über 20 Jahren Single-Leben halfen mir tatsächlich erst mal, die Sucht zurückzudrängen. Aber es hielt nicht lange an.

Bald stand ich wieder nachts auf und schaute auf dem Handy Pornos, während meine Frau nebenan schlief. Nach anderthalb Jahren des Zusammenseins musste ich mir eingestehen, dass ich durch die Beziehung nicht "geheilt" wurde. Mitte 2012 beschloss ich, wieder zu den AS zu gehen. Und: Ich vertraute mich meiner Frau an. Als ich ihr sagte, dass ich jetzt bei den AS bin, weil ich Schwierigkeiten mit Pornografie und Selbstbefriedigung habe, sagte sie: "Gut, dass du etwas dagegen tust. Ich habe gemerkt, dass es dir schlecht geht, und wusste nicht, was los war." Das sie mich nicht verurteilte, hat mir sehr geholfen. Denn Scham treibt nur noch weiter in die Sucht. Bloß weg, alles vergessen können – das ist das Versprechen jeder Sucht, aus dem man mit noch mehr Scham wieder aufwacht.

Ich bin kein schlechter Mensch, der gut werden will. Sondern ich bin ein kranker Mensch, der einfach gesund werden will.

Bei den AS bin ich in das sogenannte Zwölf-Schritte-Programm eingestiegen. Das Programm beruht auf exakt denselben Prinzipien wie das der Anonymen Alkoholiker. Ich ging mindestens in zwei Meetings pro Woche und fand dort Wegbegleiter, Vorbilder und Zeugen – Zeugen, zuerst meines Leides und dann meiner fortschreitenden Genesung.

Trotzdem gibt es im Alltag Situationen, die mich herausfordern: Ich sitze mit meiner Frau in einem Café und bemerke, dass ich direkt in Richtung einer Frau mit einem kurzen Rock schaue und die aufkommenden Fantasien nicht ausblenden kann. Meine Frau und ich müssen dann die Plätze tauschen. Besonders schwierig ist das Thema Paarsexualität. Meine Frau hilft mir, indem sie sexuelle Abstinenzzeiten akzeptiert. Ich möchte keinen Sex mit meiner Frau, wenn Lüsternheit im Spiel ist. Dass meine Frau mich stützt, statt mich zu verurteilen, ist mir eine große Hilfe. Und es war für mich entscheidend, mir zu sagen: Ich bin kein schlechter Mensch, der gut werden will. Sondern ich bin ein kranker Mensch, der einfach gesund werden will.

Mit bestem Dank an den Autor des Blogs meinwegausdersexsucht.info

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BRIGITTE 13/2019

Wer hier schreibt:

Nicole Maibaum
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