VG-Wort Pixel

Psychologie Sexualforscherin verrät: 4 überraschende Faktoren, die deine Lust beeinflussen

Psychologie: Eine nachdenkliche Frau sitzt auf ihrem Bett
© Diego Cervo / Shutterstock
Dass sich Stress, Hormonstatus und Migräne auf unsere Sexualität auswirken, ist bekannt. Aber wer hätte gedacht, dass auch die folgenden Faktoren einen Einfluss haben können ...?

Unser Verständnis von Sexualität hat sich in den vergangenen Jahrzehnten – wie so vieles – stark verändert und weiterentwickelt. Lange Zeit war Sexualität in der Öffentlichkeit ein Tabuthema und extrem schambesetzt (wie viele noch heute gebräuchliche Begriffe wie Schambereich, Schamlippen etc. dokumentieren). Das hat die sexuelle Aufklärung für viele Jahre verhindert bzw. erschwert. So galt etwa nach der WHO-Klassifikation ICD ("International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems") Homosexualität bis 1991 als psychische Störung, Transsexualität wurde erst im Mai 2019 aus dem Verzeichnis entfernt. In der neuesten Version, der ICD-11, widmet die WHO sexueller Gesundheit nun sogar ein eigenes Kapitel, "Conditions Related to Sexual Health", in dem sexuelle Funktionsstörungen wie Lust- oder Schmerzstörungen Erwähnung finden. Hieran sehen wir ganz deutlich: Nach der jahrhundertelangen Tabuisierung und dem Schweigen über Sexualität geht der Trend in eine positive Richtung – doch wir haben immer noch einiges aufzuholen.

Sexualität ist mehr, als wir denken

Dr. Laura Hatzler ist Sexualwissenschaftlerin an der Charité Berlin und leistet mit ihrer Arbeit einen Beitrag zu dieser Aufholjagd. Im Rahmen ihrer aktuellen FDCK-Studie ("Female Desire, Communication and Knowlegde Survey") untersuchen sie und ihr Team die Zusammenhänge von Körperbewusstsein, Kommunikation und Bedürfnissen bei Frauen, um insbesondere die weibliche Sexualität besser zu verstehen. (Spannend: Wer dabei aktiv unterstützen möchte, kann ganz einfach hier anonym an der FDCK-Studie teilnehmen – die Teilnahme nützt nicht nur der Forschung und dem medizinischen Fortschritt, sondern dient auch der Selbstreflexion und Achtsamkeit.)

Während viele Menschen beim Stichwort Sexualität vorrangig an Geschlechtsverkehr, sexuelle Ausrichtungen und vielleicht noch Pornografie und Sex-Toy-Industrie denken, sind sich Wissenschaftler:innen mittlerweile weitestgehend einig, dass Sexualität in Wahrheit sehr viel umfangreicher ist und eine weitaus größere Rolle in unterschiedlichen Lebensbereichen spielt, als uns gemeinhin klar ist. "Sexualität hat verschiedene Dimensionen", sagt uns Laura Hatzler im Interview. "Es gibt den Aspekt der Fortpflanzung, sexuelle Erlebnisse mit anderen Menschen, mit und für sich selbst, als Bestandteil einer Beziehung und als Teil unserer Identität und unseres Selbstverständnisses." Unsere psychische und körperliche Verfassung ebenso wie unser soziales Netzwerk sind ihr zufolge untrennbar mit unserer Sexualität verknüpft. Und so können sich – neben Klassikern wie Stress, Migräne und sonstigen körperlichen Beeinträchtigungen – unter anderem zum Beispiel folgende Faktoren direkt oder indirekt auf unser Lustempfinden, unser Sexleben und andere Dimensionen unserer Sexualität auswirken.

4 überraschende Faktoren, die unsere Sexualität beeinflussen

1. 007, Netflix, Prime und Co.

In einer wissenschaftlichen Untersuchung ist schwer abzubilden, welche Veränderungen die Darstellungen von Sexualität in den Medien genau in den für sexuelles Erleben relevanten Regionen des Gehirns bewirken. Doch dass sich unsere Wahrnehmungsgewohnheiten auf unsere Sexualität auswirken, sei laut Laura Hatzler mehr als wahrscheinlich. Und das kann positive und negative Effekte zugleich haben. "Es ist gut, dass Sexualität zunehmend enttabuisiert wird, allerdings vermitteln uns sehr viele Medien, die wir im Alltag konsumieren, momentan ein eher schmales Bild, und zwar ein idealisiert und normiert lustvolles", so die Wissenschaftlerin.

In den meisten Filmen und Serien läuft beim Sex alles glatt. Ob nach einem Streit zur Versöhnung, als ultimatives Liebesbekenntnis oder weil ja ach so unerwartet doch noch 15 Minuten Zeit sind, ehe jemand zur Arbeit muss – die meisten Leute, die wir sehen, sind mit ihrer Sexualität und Lust offenbar absolut im Reinen und haben keine Probleme damit, Geschlechtsverkehr zu haben und zu genießen. Allerdings entspricht das nicht der Realität einer großen Anzahl von Menschen: Sexuelle Funktionsstörungen treten gerade bei Frauen häufig auf. Und durch die falschen Vorstellungen, die unsere medialen Wahrnehmungsgewohnheiten in unseren Köpfen erzeugen, können diese Störungen oder das empfundene Leiden verschlimmert werden. "Menschen können sich dadurch unter Druck gesetzt fühlen und verunsichert werden", sagt Laura Hatzler. "Aus der Sorge, nicht normal oder nicht begehrenswert zu sein, entwickeln sie Hemmungen, über ihre Wünsche, Bedürfnisse oder Probleme zu sprechen." 

Kurz: Wenn wir immer wieder vorgeführt bekommen, wie Leute das extra Viertelstündchen vor der Arbeit für einen Quickie nutzen, halten wir das irgendwann für normal und zweifeln an uns, wenn wir nicht bei jeder sich unerwartet bietenden Gelegenheit Lust empfinden. Diese Zweifel wiederum stehen uns unter Umständen dabei im Weg, unsere persönliche, individuelle Sexualität zu erkunden und auszuleben.

2. Der Insta-Feed

Und unsere Wahrnehmungsgewohnheiten spielen laut der Sexualforscherin noch in einer weiteren Hinsicht eine Rolle für unsere Sexualität: Sie prägen unser Selbstbild und unser Körpergefühl. Es mag uns rational noch so klar und bewusst sein, dass Schönheit alle möglichen Formen annehmen kann. Wenn wir aber z. B. in unserem Insta-Feed überwiegend durchtrainierte, straffe Körper sehen, macht das etwas mit uns. Es erschwert uns, uns wohl und begehrenswert zu fühlen, sofern wir davon abweichen. Das kann einerseits Hemmungen und Unsicherheiten auslösen, die uns daran hindern, partnerschaftlichen Sex oder Masturbation zu genießen. Andererseits kann es unsere Identität anfechten und ins Ungleichgewicht bringen. Da unsere Sexualität wiederum ein Teil unserer Identität ist, kann sich dieses Ungleichgewicht auch auf sie auswirken und sie in ihren anderen Dimensionen beeinflussen.

3. Klasse 6

Ob in Klasse 6, früher oder später – irgendwann haben wir alle einmal Sexualerziehung bzw. Sexualkundeunterricht in der Schule. Und der kann unsere Sexualität fürs ganze Leben prägen. "Wenn wir als Kinder ausschließlich beigebracht bekommen, wie wir Kondome richtig benutzen und uns vor Krankheiten schützen, kann dadurch ein eher negatives, womöglich sogar angstbesetztes Bild entstehen", sagt Laura Hatzler. Das kann es uns erschweren, einen lustvollen, selbstwirksamen und unbeschwerten Zugang zu Sex, zur eigenen Sexualität und den eigenen Grenzen zu finden. 

4. Verhältnis zu Mama und Papa

Ob wir Mama und Papa als Kinder jemals beim Sex angetroffen haben oder nicht: Wichtig für unsere Sexualität ist laut Laura Hatzler, in welcher Beziehung wir zu ihnen standen, wie gut wir uns zu Hause aufgehoben gefühlt haben und welches Bindungsverhalten unsere Erziehung uns mitgegeben hat. "Welcher Bindungstyp wir sind, wirkt sich etwa darauf aus, wie wir unsere Bedürfnisse kommunizieren, wie viel Nähe und Intimität wir zulassen und als angenehm empfinden, oder wie wichtig es uns ist, andere zufriedenzustellen", sagt die Wissenschaftlerin. So mag beispielsweise eine Person mit einem ängstlichen Bindungsstil ihre eigenen Wünsche und ihre Sexualität stets zurückstellen, um ihrem:r Partner:in zu gefallen, während sichere Bindungstypen sowohl Grenzen setzen als auch Fantasien ausleben werden (hier erfährst du, welche Bindungstypen man in der Psychologie unterscheidet).

Verwendete Quellen: bptk.de, who.int, Exklusiv-Interview mit Dr. Laura Hatzler

sus Brigitte

Mehr zum Thema