Keine Lust auf Sex? Egal oder nicht egal?

Was tun, wenn man keine Lust auf Sex hat? Und wie viel braucht eine Partnerschaft überhaupt? Ein Gespräch mit der Psychotherapeutin Kirsten von Sydow, die seit Jahren die rätselhafte Beziehung zwischen Liebe & Begehren erforscht.

BRIGITTE.de: Schließen sich sensationeller Sex und eine lange Beziehung aus?

Kirsten von Sydow: Ich jedenfalls kenne keine einzige Langzeit-Beziehung, in der man dauernd tollen Sex hat. Im besten Fall erlebt man ihn ab und zu, aber der Dauerzustand ist nicht spektakulär. Ich habe darüber mit vielen Klienten gesprochen und sehr viele Frauen und Männer für meine Studien befragt. Es gibt zwei ganz starke Effekte: das Alter und die Beziehungsdauer. Wenn man zehn, 20 oder 30 Jahre zusammen ist, geht die Häufigkeit sexueller Aktivitäten deutlich zurück. Das ist ein fundamentaler wissenschaftlicher Befund. Dazu kommt, dass mit zunehmendem Alter beim Mann die Erektionsfähigkeit abnimmt und Frauen oft Probleme mit dem Feuchtwerden haben.

BRIGITTE.de: Namhafte Therapeuten behaupten aber, seltener Sex sei ein sicheres Zeichen für Probleme in der Beziehung.

Kirsten von Sydow: Quatsch. Dieses Denken macht bloß Druck - und das ist der Lustkiller schlechthin. Klar, seltener Sex kann Anzeichen für eine Krise sein, muss es aber nicht. Meist ist es doch so: Wer frisch verliebt ist, hat viel Sex und das Gefühl, seine verlorene Hälfte wiedergefunden zu haben. Man scheint sich ganz einig zu sein. Aber wenn man länger in einer Beziehung lebt, findet man unweigerlich heraus, dass man verschieden ist. Nicht nur in Bezug auf Sex. Und dann ist die spannende Frage, wie man mit der Unterschiedlichkeit umgeht. Neben Sex gibt es ja noch viele andere Dinge, die für Menschen wichtig und sinngebend sind: Freundschaft, Kinder, Arbeit...

BRIGITTE.de: Das Problem ist doch aber auch: Wir sollen miteinander über Sex reden und ihn danach wieder locker angehen. Wie kann das funktionieren?

Kirsten von Sydow: Oft reichen nach einem klärenden Gespräch kleine, klare Signale, die dem anderen zeigen: Ja, das mag ich. Denn natürlich kann man nichts einfordern. Aber man kann dem anderen zeigen, was einem gefällt und wovon man sich mehr wünscht. Zu einem offenen Gespräch gehört zudem auch die Bereitschaft, die Antworten auszuhalten. Und die können sehr weh tun, wenn man erfährt, warum der andere so wenig Lust hat.

BRIGITTE.de: Zumal das Gefühl, begehrt zu werden, ja auch immer sehr viel mit unserem Selbstwertgefühl zu tun hat, oder?

Kirsten von Sydow: Stimmt. In uns allen gibt es eine große Sehnsucht, sich angenommen zu fühlen. Und oft wird das Angenommensein an Sex gekoppelt, an die Erfahrung, begehrt zu werden. Deshalb verletzt es uns so sehr, wenn wir das Gefühl haben, dass wir diese Sehnsucht beim anderen nicht finden oder erfüllen können.

BRIGITTE.de: Sexuelle Probleme hängen also doch mit vielen Faktoren zusammen...

Kirsten von Sydow: ...sie sind zumindest ein Anlass, um in sich hineinzuspüren: Was fehlt mir wirklich? Ist es Geschlechtsverkehr? Oder Zärtlichkeit? Oder Interesse an mir? Wenn man das geklärt hat, sollte man sich fragen: Was macht das mit mir? Die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber spielt eine große Rolle. Wenn eine Frau zum Beispiel merkt, dass ihr Selbstbewusstsein wesentlich davon abhängt, von ihrem Partner begehrt zu werden, bringt sie sich in eine schwache Position. Dann sollte sie erst mal daran arbeiten, mit sich selbst ins Reine zu kommen.

BRIGITTE.de: Und dann läuft plötzllich wieder alles?

Kirsten von Sydow: Na ja, Menschen, die Freude am eigenen Leben ausstrahlen, werden als attraktiver wahrgenommen und besitzen einfach eine größere Anziehungskraft.

BRIGITTE.de: Manche Therapeuten raten Paaren ja auch dazu, sich zum Sex zu verabreden - Liebe nach Plan sozusagen.

Kirsten von Sydow: Ich persönlich bin davon nicht überzeugt. Klar, für Eltern von kleinen Kindern oder anderweitig sehr beschäftigte Menschen kann es sinnvoll sein, sich Zeiten zu organisieren, in denen man überhaupt ungestört Zeit miteinander verbringt - was die Chancen für Sex steigert. Aber Sex nach Plan, das kennen wir Therapeuten von Paaren mit Kinderwunsch, ist oft desaströs für eine Beziehung. Sich zu Sex verpflichtet zu fühlen ist für viele Frauen und Männer abturnend. Dann lieber seltener, aber gewollt.

BRIGITTE.de: Wie wichtig ist denn Treue für guten Sex? Man könnte ja auch auf die Idee kommen, die unerfüllten Wünsche außerhalb der Beziehung zu befriedigen.

Kirsten von Sydow: Die meisten Menschen in Deutschland sagen, dass sie Treue in ihrer Beziehung brauchen - einige leben zwar nicht danach, aber immer noch sind die meisten die meiste Zeit treu. Ich glaube, in jedem von uns ist eingebaut, dass wir für neue Reize empfänglich sind. Aber genauso ist eben auch eingebaut, dass wir - jedenfalls die allermeisten - eine Sehnsucht nach einer emotional sicheren, exklusiven Beziehung haben. Und dass es sehr weh tut, betrogen zu werden.

BRIGITTE.de: Ein ziemlicher Teufelskreis.

Kirsten von Sydow: Wir Menschen sind nun mal komplex, es gibt nicht für alles eine Lösung. Klar, es ist ein Dilemma, das zu inneren Konflikten oder auch zu Beziehungskonflikten führen kann, wenn man sich auf die anderen Reize einlässt. Viele denken, gute Sexualität in der Partnerschaft schützt vor Untreue - aber dafür gibt es keine empirischen Beweise. Auch in guten Partnerschaften und in Beziehungen mit lebendiger Sexualität kommt Untreue vor. Und neue Studien belegen, dass noch ein ganz anderer Faktor offenbar eine große Rolle spielt: das Geld. Wenn der Mann sehr viel mehr verdient als die Frau, ist er häufiger untreu - aber wenn er sehr viel weniger verdient, auch. Bei Frauen hingegen ist es interessanterweise anders: Sie sind zwar auch ein bisschen häufiger untreu, wenn sie mehr als ihr Mann verdienen - aber sie sind ganz besonders treu, wenn sie sehr viel weniger verdienen.

BRIGITTE.de: Sex ist also auch ein Machtmittel?

Kirsten von Sydow: Sex ist eine komplizierte Sache; man kann aus ganz unterschiedlichen Gründen Lust bekommen oder Lust verlieren: Macht und Ohnmacht spielen eine Rolle, aber auch die emotionale Bindung, das eigene Selbstwertgefühl. Insofern gibt es keine einfachen Antworten. Aber vielleicht ist es ja gerade das, was Sex nicht immer, aber im besten Fall immer mal wieder spannend sein lässt.

Interview: Silke Baumgarten BRIGITTE 9/2013

Wer hier schreibt:

Silke Baumgarten
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