VG-Wort Pixel

Mama, wie war dein erster Sex?


Liebe, Pille, One-Night-Stands: Zwei Gespräche zwischen Müttern und Töchtern

Sally, 19, und Inga, 56

image

Als sich Inga 1967 von ihrem Verlobten trennte, warfen die Eltern sie aus der Wohnung - zu der Zeit tat eine Frau so etwas nicht. Der 56-Jährigen ist wichtig, dass ihre vier Kinder mehr Freiheiten haben als sie damals. Abiturientin Sally ist darüber sehr froh

Sally: Du bist in den Sixties aufgewachsen. Das muss doch eine aufregende Zeit gewesen sein.Inga: Nein, das kam später. Eigentlich waren die 60er Jahre fürchterlich verklemmt. Sex war ein Tabuthema, auch bei uns zu Hause.Aber Freunde hattest du?Klar, aber das ging über wilde Knutschereien nicht hinaus. Mit 19 lernte ich meinen späteren Verlobten kennen. Mit ihm wollte ich mehr, aber da gab es das Problem, dass wir nirgendwo ungestört sein konnten. Wo habt ihr denn das erste Mal miteinander geschlafen?In der Wohnung meiner Eltern, im Bad.Aber Mama!Das hört sich frivoler an, als es war. Er dachte wohl, wenn es Flecken gibt, kann man sie dort leichter entfernen. Ich fand das völlig daneben. Na ja, richtig geklappt hat es sowieso nicht. Kaum hatten wir uns wieder angezogen, kamen meine Eltern zurück nach Hause.Sally: Bei mir war es zum Glück ganz anders. Ein lieber Mensch hatte mir mal eine kleine Herzkerze geschenkt und gesagt, wenn du dein erstes Mal hast, dann zünde sie an, und es wird wunderschön. Als ich zum ersten Mal mit meinem Freund schlief, haben wir das auch gemacht. Es war richtig romantisch.So entspannt hätte ich es auch gern erlebt. Ich wollte, dass ihr es einfacher habt. Deshalb bekamt ihr zur Konfirmation alle ein großes Bett geschenkt - damit ihr es euch mit euren Partnern gemütlich machen könnt. Jeder soll seine Freiheiten haben.Das Problem ist heute nur, dass die meisten Jugendlichen mit der sexuellen Freiheit überhaupt nicht umgehen können. Ich kenne so viele, die nicht wissen, wie man die Pille nimmt oder ein Kondom benutzt. Oder Mädchen, die mit 14 schwanger geworden sind.Und ich habe in dem Alter noch gar nicht gewusst, was Sex ist. Ich dachte, Kinder kriegt man vom Küssen. Aber ich war sowieso eine Spätzünderin. Erst nach der Trennung von meinem Verlobten fing ich an, mich zu emanzipieren. Wobei ich selbst dann recht brav blieb. Ein Jahr nach meiner Heirat ging ich zum ersten Mal ohne BH auf eine Party. Die anderen Frauen fanden das schockierend. Wie kann die nur! Später kam es in meinem Freundeskreis auch vor, dass sich die Pärchen untereinander ausgetauscht haben. Vor Geschlechtskrankheiten musste damals niemand Angst haben.Das ist heute anders. Trotzdem nehmen viele die Gefahr nicht ernst. Ich selbst bin da voll pingelig. Obwohl ich die Pille nehme, verhüte ich zusätzlich mit Kondom aus Angst vor Aids.

Rilana, 20, und Angela, 48

image

Für Rilana ist ihre Mutter ein Vorbild. Denn Angela hat es geschafft, mit Rilanas Vater seit mehr als dreißig Jahren glücklich zu sein. Außer Rilana hat das Paar noch zwei weitere Kinder

Rilana: Stimmt es, dass Papa dein erster Mann war? Angela: Ja, und der Einzige. Was ich mir nie hätte träumen lassen, als ich ihn mit 13 Jahren kennen lernte. Er war mein bester Freund - bis er mir seine Liebe gestand. Wir wurden ein Paar, miteinander geschlafen haben wir aber erst drei Jahre später.Drei Jahre ohne Sex?!Was heißt ohne Sex? Wir hatten Sex miteinander, nur eben keinen Geschlechtsverkehr. Ich bin voll auf meine Kosten gekommen. Im Gegensatz zu vielen von meinen Freundinnen, die ständig mit Männern ins Bett gingen, aber keine Orgasmen bekamen. Außerdem wollte ich nur dann mit einem Jungen schlafen, wenn ich sicher spürte, dass er der Mann fürs Leben ist. Und davon war ich erst mit 19 Jahren überzeugt.Hattest du denn später nie Lust auf einen anderen?Nein, mir fehlte nichts.Ich habe bisher auch nur mit einem Mann geschlafen, und zwar mit meinem Freund, da waren wir vier Monate zusammen. Das ist heutzutage schon lang! Ich kenne viele Mädchen und Jungs, die am Wochenende losziehen, um jemanden abzuschleppen. Nur für einmal und tschüs. Aber das ist nicht mein Ding. Erstens kann ich mich nicht damit identifizieren, und zweitens will ich auf meinen Ruf achten.Ich finde nicht, dass man das davon abhängig machen sollte.Ja, stimmt. Das Problem ist nur, wenn ein Mädchen mit vielen Jungs schläft, wird sie als Schlampe abgestempelt. Jungs, die viel Sex haben, gelten dagegen als tolle Hechte. Diese Doppelmoral steckt in den Köpfen fest.Und das im Jahr 2004! Wir sind von der sexuellen Freiheit noch immer meilenweit entfernt. Die gibt es in den Zeitschriften und im Fernsehen, aber nicht im Denken.Obwohl die Reizüberflutung durch die Medien doch auch nervt. Neulich habe ich einen Modeprospekt durchgeblättert. Da lag eine Frau unter einer Kuh, und die Milch tropfte an ihr runter. Sah aus wie Sperma, total pornografisch.So was finde ich auch abstoßend. Oder diese Fernsehsendungen, wo Sexualität auf pure Geilheit reduziert wird. Ich glaube, dass dadurch viele Menschen ein falsches Bild bekommen.Dabei ist Sex ist etwas Einzigartiges! Nach meinem ersten Mal habe ich mich gar nicht besonders gefühlt. Aber irgendwie muss es doch eine Veränderung gegeben haben. Meine beste Freundin besuchte mich ein paar Tage später, guckte mich an und fragte: "Was ist mit dir los?" - "Nichts!" - "Du hattest Sex!" - "Woher weißt du das?" Sie hat es mir angesehen.

Interview Elke Polomski

Mehr zum Thema