Sex: Mein erstes Mal

Es gibt Momente im Leben, die wir nie vergessen werden. Das erste Mal zum Beispiel. Ganz egal, ob es schön oder schrecklich war, es bleibt im Gedächtnis. Aber wie war der erste Sex für unsere Mütter? Oder unsere Omas? In dem Buch "Mein erstes Mal" erzählen Frauen aus vier Generationen, wie sie ihr erstes Mal erlebt haben

Zerwühlte Laken und verwirrende Gefühle: Das erste Mal.

Wir sitzen auf dem Bett, haben schon ein Gläschen Wein getrunken. Und erzählen von unserem ersten Mal. Bei meiner Freundin war's ganz unromantisch, ruck-zuck auf dem Ledersofa. Mein damaliger Freund hatte noch seine Socken an. Das vergisst man einfach nicht!

Toll, solche Frauengespräche. Die Journalistin Jutta Vey hat jetzt ein ganzes Buch daraus gemacht. Für "Mein erstes Mal" sprach sie mit 22 Frauen zwischen 16 und 86 über ihren ersten Sex. Herausgekommen sind intime Protokolle - und ein spannendes Stück Sexualgeschichte.

Für ihr Buch "Mein erstes Mal" sprach die Journalistin Jutta Vey mit 22 Frauen über ihren ersten Sex.

BYM.de: Wie wichtig ist das erste Mal?

Jutta Vey: Der erste Sex ist auf jeden Fall eine Zäsur, ein Schritt hin zum Erwachsenwerden. Weil es das erste Mal ist, dass wir einen anderen Menschen so nah an uns heran lassen. Einige Frauen sehen das extrem romantisch, andere sind ganz pragmatisch und sagen sich: So, das habe ich jetzt hinter mich gebracht.

BYM.de: Für Ihr Buch haben Sie mit ganz unterschiedlichen Frauen gesprochen. Die Jüngste ist 16, die Älteste über 80. Was war der gravierendste Unterschied zwischen den Generationen?

Jutta Vey: Die Frauen früherer Generationen waren nicht aufgeklärt. Wie Sex genau funktioniert, wussten viele überhaupt nicht. Die Teenies von heute dagegen wissen alles. Manche haben schon Pornos rauf und runter geguckt.

BYM.de: Sie haben zum Beispiel mit einer Frau gesprochen, die mit Mitte 20 noch keine Ahnung hatte, wie Kinder gemacht werden.

Jutta Vey: Ja, das ist schon erschreckend. Deswegen dachte ich auch, dass der Sex für diese Frauen nicht angenehm sein konnte. Und umgekehrt bin ich davon ausgegangen, dass die selbstbewussten Mädels heute eher positive Erfahrungen machen würden. Das war aber genau nicht der Fall! In allen Jahrzehnten gab es schöne erste Male und schlimme erste Male.

>> Auf der nächsten Seite: Überall Sex

Sex ist überall

Das erste Mal ist selten so romantisch wie im Film.

BYM.de: Aber trotzdem hat sich seit den 1960er Jahren doch einiges geändert.

Jutta Vey: Klar, der aufklärerische Hintergrund ist heute ein ganz anderer. Früher gab es keine Bravo, kein Internet. Da kam man an viele Informationen nicht heran. Und die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Früher hieß es: Du bist ein schlechtes Mädel, wenn du vor der Ehe Sex hast. Das ist jetzt anders. Aber die Gefühle, die Angst, die romantischen Vorstellungen über das erste Mal sind geblieben. Ich glaube, teilweise war es für die älteren Frauen sogar von Vorteil, dass sie so wenig wussten. Sie haben nichts erwartet, Sex war für sie ein Mysterium.

BYM.de: Stimmt, wir sehen heute überall Sex: in Filmen, in Zeitschriften, im Internet, in der Musik. Verändert das nicht auch die Erwartungshaltung an das erste Mal?

Jutta Vey: Nicht unbedingt. Die meisten jungen Frauen gehen realistisch an die Sache heran. Aber es gibt auch tatsächlich einige, die sich für ihr erstes Mal eine einsame Berghütte mit prasselndem Kaminfeuer, Kerzen und romantischer Musik wünschen. Da kann man sicher sein, dass es in die Hose geht.

BYM.de: Einige Frauen in ihrem Buch hatten relativ früh ihr erstes Mal, mit 13 oder 14. Haben Sie das Gefühl, dass der Druck heute höher ist?

Jutta Vey: Ja. Ich war gerade in München und habe vier Teenager interviewt. Ich arbeite schon am nächsten Buch. Da saß ich dann und dachte: Mein Gott, ihr könnt euch doch nicht so von euren Freunden beeinflussen lassen! Eines der Mädchen hat sich zum Beispiel mit ihrer Freundin verabredet und beschlossen, dass diese Freundin jetzt mal Sex haben müsste. Also haben sie einen Jungen angerufen von dem sie wussten, dass er mitmachen würde, und haben ihn in die Wohnung bestellt.

BYM.de: Das klingt alles andere als romantisch.

Jutta Vey: Ja. Es hat dann auch nicht funktioniert. Der Druck ist tatsächlich höher. Man kann sagen: Heute ist alles möglich, es gibt nichts, was es nicht gibt.

BYM.de: Es ist ja auch ganz einfach, bei YouTube "Porno" einzugeben und sich die Bilder online anzuschauen...

Jutta Vey: Das gilt aber nicht für die Mädels, die laden sich meiner Erfahrung nach keine Pornos im Internet herunter. Bei den Jungs ist das anders. Ich habe neulich einen Jungen gefragt, wie er aufgeklärt wurde. Der meinte: Bravo ist Frauenkram, das sind doch lauter Love-Stories. Er hat durch Pornos im Internet gelernt, wie Sex funktioniert.

BYM.de: Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, ein Buch über das erste Mal zu schreiben?

Jutta Vey: Das fing an, als die 13-jährige Tochter einer Freundin richtig pubertierte. Sie fragte uns pausenlos aus. So kamen wir drei ins Gespräch und haben uns gefragt, wie das wohl früher war für die Frauen. Ich habe darüber nachgedacht und recherchiert. So hat sich die Idee entwickelt. Jetzt arbeite ich an einem Buch, in dem Teenager von ihrem ersten Sex erzählen. Und dann sind die Männer dran.

Mein erstes Mal

Jutta Vey Mein erstes Mal Frauen aus vier Generationen erzählen Schwarzkopf & Schwarzkopf 280 Seiten 9,90 Euro

>> Auf der nächsten Seite: Auszüge aus "Mein erstes Mal"

Auszug aus "Mein erstes Mal"

Fingerübungen zum Warmlaufen

Sarah, 17, Zahnarzthelferin Erstes Mal 2005 mit 15 Jahren

Ich hatte mir total aufreizende rote Unterwäsche gekauft, mit der ich ihn richtig anmachen wollte. Funktionierte auch. Als ich mich zu ihm ins Bett legte, bekam er Stielaugen. Er war ziemlich geil auf Reizwäsche. Wir knutschten und fummelten ein bisschen. Dann hatte ich keinen Bock mehr und drehte mich weg. Ach nö, dachte ich und legte mich auf den Bauch. Da war er ziemlich frustriert, und ich hörte ihn murmeln: "Ach Mann." Dann schlief ich ein. Ich hab' ihn ganz schön abblitzen lassen an dem Abend. So ein bisschen war das auch meine späte Rache dafür, dass er ein paar Monate vorher mit meiner Freundin rumgemacht hatte. Sie hatte ihm einen geblasen. Behauptete sie jedenfalls steif und fest. Er stritt es ab. Am nächsten Tag, es war der 23. Dezember, ließ ich ihn dann aber ran. Da waren wir schon vier Monate zusammen. Die Schwester meiner Oma hatte an dem Tag Geburtstag. Alle gingen hin, nur ich nicht. Ich hatte keine Lust, wollte mich lieber mit ihm treffen. Und dann kam es dazu. Er fing an, mich am Hals zu küssen und machte mich total heiß, wie's halt so ist... Ich war 15, er 17.

Ich komme aus einem bayrischen Dorf und bin die jüngere von zwei Schwestern. Ich würde mich zwar als frühreif bezeichnen, aber so schlimm, wie meine Mama manchmal von mir denkt, bin ich nicht. Mt zehn habe ich zum ersten Mal geküsst. Alle waren plötzlich ganz heiß auf Zungenküsse und wollten die ausprobieren. Ich hatte ein Date mit einem Typen ausgemacht. Er war 14, wusste aber nicht, wie alt ich bin. Bevor ich hinging, dachte ich mir, ich sollte das mit dem Küssen vielleicht vorher mal proben, damit das nicht in die Hose geht. Also probierte ich es kurzerhand mit meiner Freundin aus. War aber komisch, weil wir uns beide ziemlich komisch anstellten. Wir mussten ja auch ständig lachen. Den Jungen habe ich übrigens doch nicht geküsst. Ich habe mich nicht getraut.

>> Auf der nächsten Seite: Wie Sarah mit dem Knutschen anfing

Frösche, Sex und Aufklärung

Auszug aus "Mein erstes Mal"

Erst zwei Jahre später, mit zwölf, fing ich mit dem Rumknutschen an. Eine Freundin hatte da ihr erstes Mal schon hinter sich und erzählte oft davon. Allerdings ist sie nie ins Detail gegangen. Sie machte nur irgendwelche Andeutungen: "Heute Abend treff' ich mich mit ihm. Das wird bestimmt wieder total geil..." So ähnlich. Ausführlicher erzählt man das ja erst so mit 15, 16.

Sie und noch eine andere waren aber auch die Einzigen auf unserer Hauptschule, die in dem Alter schon Sex hatten. Die andere allerdings war noch weiter: Sie hatte schon ein Kind. Das war natürlich das Thema. Einmal trafen wir sie in der Stadt mit ­einem Kinderwagen und fragten sie, ob es ein Wunschkind sei. Sie behauptete: "Ja." Sie musste zwar eine Klasse wiederholen, aber schien ganz toll damit zurechtzukommen. Deswegen hat uns das auch überhaupt nicht davon abgeschreckt, mit Jungs rumzumachen. Ich wusste in dem Alter schon eine Menge. Wir hatten ja seit der ersten Klasse Sexualkundeunterricht. Die Geschlechtsteile von Mann und Frau wurden uns anhand von zwei Zeichentrickfiguren gezeigt. Eine hatte einen Busen, die andere Hoden. Ich weiß auch noch, dass wir mal einen Aufklärungsfilm angeguckt haben. Der war aber harmlos. Man sah Frösche bei der Paarung, einer hüpfte auf den anderen drauf. Das war ziemlich komisch.

>> Auf der nächsten Seite: Warum Sandra, 21, Sex liebt

Auszug aus "Mein erstes Mal"

Sarah liebt Sex

Sandra, 21, Speditionskauffrau Erstes Mal 2000 mit 13 Jahren

Ich liebe Sex, weil man sich da richtig nahe sein kann. Sex mit meinem Freund ist für mich das Nonplusultra. Manchmal habe ich Angst, dass es in dreißig Jahren nicht mehr so schön und intensiv ist, sondern so, wie es in Comedy-Serien dargestellt wird: "Hey, es ist Weihnachten, endlich darf ich wieder ran!" Sex ist zwar nicht der Hauptbestandteil einer Beziehung, aber für mich definitiv ein wichtiger. Alex und ich schlafen im Schnitt zweimal die Woche miteinander. Er ist der Erste, mit dem ich richtig Spaß habe. Bis ich dahin kam, war es allerdings ein langer Weg.

Ich bin in Gera, in Thüringen, geboren. Als ich drei war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Mein leiblicher Vater ist für mich nicht mehr als ein Samenspender. Er hat nach der Trennung so gut wie nie angerufen, weder zu Weihnachten noch zu meinem Geburtstag. Zu meiner Mutter hatte ich nie das klassische Mutter-Tochter-Verhältnis. Das lag zum einen daran, dass sie beruflich viel unterwegs war und ich eher von meiner Oma, die mit bei uns im Haus wohnte, großgezogen wurde. Zum anderen hatte sie aber auch Probleme mit der Mutterrolle. Sie ist noch relativ jung, gerade zwanzig Jahre älter als ich. "Ich will lieber deine Freundin sein", hat sie immer zu mir gesagt. Genau das wollte ich aber nicht. Ich habe mir immer eine Glucke gewünscht - so wie meine Oma zu mir war.

>> Auf der nächsten Seite lest ihr, warum es Sarah peinlich ist, Tampons zu kaufen

Aufklärung und Tampon-Kauf

Auszug aus "Mein erstes Mal"

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mit irgendwelchen Pubertätsfragen zu meiner Mutter zu gehen. Von ihrer Seite kam aber auch nichts. Aufklärung - Fehlanzeige! Wenn man mal von dem Kinderbuch absieht, das ich als kleines Mädchen bekommen hatte. Da war in kindgerechten Zeichnungen und Texten erklärt, wie Babys entstehen. Man sah die Eltern abends ins Bett gehen, morgens wieder zusammen aufstehen und, bums, hatten sie einen Braten in der Röhre. Man sah jedenfalls, dass etwas in ihrem Bauch entstanden war. Auf jedem weiteren Bild wurde er dann größer und größer.

Als ich in die Pubertät kam, war mir alles, was meine Mutter in Bezug auf meinen Körper sagte, peinlich. Das lag daran, dass sie keine Spur einfühlsam war, sondern alles immer rambomäßig rüberbrachte. Mit elf Jahren, als bei mir die ersten Härchen anfingen zu sprießen, gab es mal eine Situation im Schwimmbad, die deutlich macht, wie unsensibel sie war. Als ich mich umzog, meinte sie plötzlich laut: "Guck mal, da hast du ja ein Haar unterm Arm..." Sie sagte es so, wie es vielleicht eine Freundin sagen würde. Aber eben keine Mutter. Das war einfach nur albern.

Zwei Jahre später, mit 13, wieder so eine Situation. Ich hatte gerade meine Tage bekommen und ging notgedrungen zu ihr. Ihre einzige Reaktion: "Hast du was drin?" Völlig unsensibel und ohne weitere Erklärung. Weil ich die Binden- und Tampon-Proben, die damals der Bravo beilagen, immer sammelte - ich wusste ja, dass es auch bei mir irgendwann losgeht -, war ich zum Glück fürs Erste versorgt. Ich hab' die Proben immer in einen Teddybären gestopft, der auf meinem Bett saß. Später habe ich in seinem Bauch Zigaretten versteckt.

Am nächsten Tag ist meine Mutter mit mir in den Supermarkt gegangen und verlangte von mir, dass ich Binden kaufte. Als wir vor dem Regal standen, meinte sie zu mir: "So, jetzt nimm mal eine Packung." Ich war völlig überfordert. Damit an die Kasse zu gehen, undenkbar! Deshalb sagte ich: "Nee, das mach’ ich nicht. Die kann ich nicht kaufen." Schließlich hat sie es dann gemacht. Mir ist es heute noch peinlich, Tampons zu kaufen.

>> Auf der nächsten Seite: Für Ruth, 78, war das erste Mal eine Demütigung

Das erste Mal - eine Demütigung

Auszug aus "Mein erstes Mal"

Ruth, 78, Schauspielerin Erstes Mal 1948 mit 19 Jahren

Mein erstes Mal war eine Demütigung. Deshalb konnte ich mich beim Sex jahrzehntelang nicht entspannen. Erst mit knapp fünfzig traf ich einen Mann, bei dem ich mich fallen lassen konnte. Er war mein fünfter Liebhaber. Insgesamt hatte ich sechs. Guter Durchschnitt für eine Frau meines Alters, denke ich. Ich bin schließlich in einer ganz anderen Zeit als heute aufgewachsen. Körperlichkeit, Aufklärung, Sex - darüber wurde so gut wie nicht gesprochen. Die dreißiger und vierziger Jahre waren eine verklemmte, strenge Zeit.

Ich bin in Hamburg-Eilbek großgeworden. Dort lebte ich mit meinen Eltern in einer Mietwohnung. Meine Mutter war Diät­köchin im Krankenhaus. Mein Vater fuhr erst zur See, dann machte er sich selbstständig als Fuhrunternehmer. Er war nicht viel zu Hause. Von der Ehe der beiden habe ich deshalb auch nicht viel mitgekriegt. Sie kann aber nicht gut gewesen sein, denn meine Mutter hat oft geweint. Vielleicht ist sie deshalb auch so hart geworden. Sie sagte immer: "Die Liebe ist wie Leberwurst. Die kannst du dir aufs Brot streichen. Das ist nur ein großes Wort. Da steckt nichts dahinter."

Zu Hause führte sie ein strenges Regiment. Mit 14 musste ich abends um 19 Uhr zu Hause sein. Wenn ich mal nicht pünktlich da war, setzte es was. Kam ich zum Beispiel nur zehn Minuten zu spät, dann hatte ich, sobald unsere Wohnungstür aufging, schon - wumms! - die Hand meiner Mutter im Gesicht. Wenn ich mal was nicht essen wollte, dann sagte sie zu mir: "Der nächste Schritt, mein Fräulein, ist die Erziehungsanstalt. Die haben da Gummiwände, da kannst du schreien, soviel du willst." Sie hat oft gedroht. Aber so richtig aufsässig bin ich eigentlich sowieso nie gewesen. Ich habe immer gemacht, was mir gesagt wurde. Manchmal allerdings habe ich sie mit meinen Fragen zur Verzweiflung gebracht. Das war, als ich in die Pubertät kam und eben bestimmte Fragen aufkamen.

Ich weiß noch, ich spielte mit 13 mal mit einer Schulfreundin auf der Straße, als die Tochter vom Nachbarhaus vorbeikam. Da raunte mir meine Freundin zu: "Die treibt sich rum." Ich: "Was ist das denn?" Darauf sie: "Die geht schon mit Männern. Pass mal auf, die kriegt auch bald ein Kind." Da fragte ich ganz neugierig: "Wovon kriegt man denn ein Kind?" Da antwortete sie verschwörerisch: "Ich weiß es nicht genau, aber ich glaub’, vom Küssen." Am gleichen Tag habe ich meiner Mutter das erzählt. Da sagte sie nur: "Ja, so ist das."

>> Auf der nächsten Seite: Sex war ferkelig

Sex war ferkelig

Auszug aus "Mein erstes Mal"

Unglaublich, aber wahr: Ich habe das eine ganze Weile lang auch geglaubt. Wir wurden damals weder zu Hause noch in der Schule aufgeklärt. Dafür haben wir viel untereinander geredet und aufgeschnappt. Aus Eltern, Lehrern und anderen Erwachsenen war so gut wie nichts herauszukriegen. Denen war das hochnotpeinlich und sie wanden sich immer drumherum. Irgendjemand erzählte mir mal: "Wenn du auf der Straße eine Frau mit einem dicken Bauch siehst, dann ist sie schwanger und bekommt ein Kind." Als mir und meiner Mutter dann auf der Straße tatsächlich mal eine Schwangere entgegenkam, rief ich begeistert: "Guck mal, Mutti, die Frau ist schwanger!" Meine Mutter daraufhin: "Das hast du Ferkel überhaupt noch nicht zu sehen!" Alles, was mit Sex zu tun hatte, war ein bisschen ferkelig. Aber durch solche Äußerungen wie die meiner Mutter wurde das Thema für mich natürlich noch viel interessanter.

Mit 15 merkte ich, dass sich etwas an meinem Körper veränderte. Das war verwirrend, weil ich überhaupt nicht wusste, was da mit mir geschah. Ein Mädchen aus meiner Klasse erzählte: "Da passiert dann was ganz Komisches, jeden Monat. Man blutet." Ich: "Igitt, wie schrecklich!" Da meinte sie: "Ja, aber ich mag meine Mutter nicht fragen." Da fragte ich, wie sie das denn dann mit der Unterwäsche mache. Darauf sie: "Das wasche ich immer klammheimlich aus."

Als ich dann meine Periode bekam, habe ich aber meine Mutter gefragt. Aber anstatt mich beiseite zu nehmen und mir mal zu erklären, was da eigentlich mit mir passierte, sagte sie nur kurz und knapp: "Sollte ich einmal ein schmutziges Wäschestück hier finden, dann setzt das was." Wir waren damals in diesem Alter noch völlig harmlos. Wenn wir mit Jungen unterwegs waren, dann immer in der Clique. Da war nix mit Küsschen hier, Küsschen da. Das höchste der Gefühle war Händchenhalten im Kino.

Mit fast 16 lud mich mal ein Junge ins Kino ein. Ein Marika-Rökk- oder Zarah-Leander-Film, glaube ich. Seine Eltern hatten eine Eckkneipe bei uns in der Straße. Ich fand ihn zwar nicht sonderlich attraktiv, aber ins Kino gehen, das war immer gut. Als wir zurückkamen, blieben wir noch kurz vor meiner Haustür stehen, und da gab er mir dann einen Kuss. Und was mache ich? Renne sofort schreiend in den dritten Stock und schreie laut hoch: "Mutti, Mutti, ich kriege ein Kind!" Meine Mutter ist natürlich vor Schreck fast zusammengebrochen. "Wieso das denn?", fragte sie. Da zeigte ich ihr, wo er mich geküsst hatte. Sie: "Und nu kriegst du ein Kind. Das machst du aber nicht wieder." Ich: "Nein, nein." Sie dann wieder: "Also, davon kriegst du kein Kind." Und damit war das Thema für sie erledigt.

>> Auf der nächsten Seite: Roswitha, 54, hatte noch nie guten Sex mit einem Mann

"Dieses Gerammel finde ich abstoßend"

Auszug aus "Mein erstes Mal"

Roswitha, 54, Sekretärin Erstes Mal 1972 mit 19 Jahren

Brauche ich Sex mit einem Mann? Nein. Hatte ich schon mal richtig guten Sex mit einem Mann? Nein. Bin ich deswegen unglücklich? Überhaupt nicht! Ich bin zufrieden mit meinem Leben und möchte mit niemandem tauschen. Dass ich Sex nicht will oder brauche, belastet mich in keiner Form. Es ist mir wohl einfach zuwider. Schon die Bewegung, dieses Gerammel. Eklig. Abstoßend. Widerlich. Das bin ich nicht. Sagen wir mal so: Es ist für mich kein Bedürfnis wie für viele andere. Das ist auch nicht eingeredet. Das ist einfach nicht so eingebaut. Das heißt aber nicht, dass ich Sexualität generell verabscheue. Ganz im Gegenteil. Sex mit mir selber ist wunderbar.

Ich bin im August 1953 in einer niedersächsischen Kleinstadt zur Welt gekommen. Als ich drei Jahre war, zogen meine Eltern dann mit mir und meiner ein Jahr jüngeren Schwester Andrea nach Bremen. Ich wurde katholisch getauft. Mein Vater, der evangelisch ist, hielt zwar nicht viel davon. Meine Mutter aber war katholisch und musste dem Pfarrer bei der Heirat versprechen, dass sie ihre Kinder taufen lässt. Ein evangelischer Mann - das ging damals eigentlich nicht. Mischehen waren verpönt, ja, geradezu skandalös. Für meine Mutter war ihr Versprechen dann auch innerlich Gesetz. Sie war ja ohnehin sehr fromm erzogen worden und war überzeugt davon, dass alles, was sie macht und denkt gegen Gott und die Zehn Gebote, Sünde ist und irgendwann bestraft wird. So denkt sie heute, mit 78, immer noch.

Mein Vater, ein Maurer, war in unserer Drei-Zimmer-Wohnung der Herr im Haus. Wenn er da war, mussten wir still sein und kuschen. Ich kann mich an kein einziges richtiges Gespräch mit ihm erinnern. Wenn wir mal allein mit ihm in der Stube waren, schickte er uns mit Sätzen wie "Nu mach mal Schularbeiten!" oder "Wasch mal ab!" gleich wieder raus. Er konnte nichts mit uns anfangen.

Wir wurden beide auf eine katholische Schule geschickt und mussten auch jeden Sonntag in die Kirche gehen. Meine Mutter, die nur innerlich katholisch war, ließ sich da aber nie blicken, was für mich dann mehr und mehr zum Nachteil wurde. Alle anderen Eltern nahmen aktiv am Gemeindeleben teil. Der eine Vater war Messdiener, eine Mutter kümmerte sich um die Blumen, die andere backte auf Festen Kuchen. Nur meine Eltern beteiligten sich nicht. Ein Lehrer meinte mal zu mir: "Deine Eltern kommen ja auch nicht in die Kirche." Da klang mit: "Wenn sie das mal täten, wärst du hier auch angesehener." Dieses Abfällige zwischen den Zeilen fühlt und spürt man als Kind natürlich ganz besonders.

In der Schule wurde uns eingetrichtert, dass Sexualität etwas absolut Schmutziges, Verwerfliches sei. Es hieß immer: "Du sollst keine unkeuschen Gedanken haben." Das setzte sich bei mir fest. Wenn ich mich als Kind zum Beispiel aus Versehen nackt im Spiegel sah, dachte ich, jetzt muss ich wieder beichten. Überhaupt hatte man durch diese verdrehte moralische Erziehung eigentlich bei allem, was man dachte und machte, das Gefühl: "Das ist jetzt falsch. Du hast gesündigt." Das war ganz furchtbar.

>> Auf der nächsten Seite: Seltsame Stöhnlaute

Seltsame Stöhnlaute

Es gab unter meinen Mitschülern aber auch welche, die anders waren, das heißt ziemlich unverblümt über Sexualität redeten und daran nichts Schlechtes fanden. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das vier Jahre älter war und das ich ganz toll fand. Sie wirkte schon so reif und wusste so viel. Das meiste, was sie mir erzählte, habe ich auch erst mal geglaubt. Einmal sagte sie: "Wenn man’s von hinten macht, kriegt man einen jungen Hund." Das hat mich ganz lange beschäftigt. Damals war ich 13. Auf der anderen Seite fand ich es natürlich auch cool, dass ich überhaupt schon etwas über Sex wusste. Ich weiß noch, dass mich meine Schwester mit 16 doch tatsächlich fragte, ob man vom Engtanzen schwanger werden kann. Darüber habe ich mich totgelacht.

Was meine ältere Freundin anging: Die durfte ich von meinen Eltern aus natürlich nicht treffen. Das war strengstens verboten. Sie konnten mich aber nicht aufhalten, denn ich bin immer schon vor der Schule zu ihr hingegangen. Da war meine Mutter schon lange weg. Sie ging morgens immer putzen. So um zehn vor sieben bin ich aus dem Haus und dann gleich zu ihr hin. Ihre Mutter war dann auch schon aus dem Haus. Manchmal kam auch ein Junge aus der Nachbarschaft vorbei. Der war viel älter, schon 19. Dann saßen wir in der Küche und haben gequatscht. Einmal, das werde ich nie vergessen, meinte meine Freundin plötzlich zu mir: "Bleib du mal hier und pass auf das Meerschweinchen auf. Wir kommen gleich wieder." Dann gingen die zwei ins Elternschlafzimmer. Irgendwie ahnte ich da schon was und dachte nur, das kann doch jetzt nicht angehen. Ein paar Minuten später hörte ich sie dann, diese seltsamen Stöhnlaute. Ich fand das so furchtbar und abartig, dass ich nur noch wegwollte und danach auch nie mehr hingegangen bin. Abartig, schmutzig, eklig - auch das setzte sich bei mir fest.

Mit 13 hat mich mein Vater dann von der Schule genommen. Der ausschlaggebende Punkt war, dass ich in Religion eine Fünf hatte, was natürlich ein ganzes Zeugnis versaute. Ich war einfach kritischer als andere, hatte immer eine große Klappe. Ich weiß noch, dass ich einmal zu meiner Religionslehrerin sagte: "Das versteh’ ich nicht mit Adam und Eva und dass wir alle Brüder sind. Wo kommen denn die Indianer her?" Sie sagte nichts, antwortete nicht. Das war wohl frevelhaft, gotteslästerlich von mir. Das waren Zweifel, die da nicht hingehörten.

Fotos Clipart / privat
Themen in diesem Artikel