Stirbt eine Beziehung, wenn man keinen Sex mehr hat?

Sie hat keine Lust mehr auf ihn. Er auf sie dagegen immer noch. Können sie trotzdem noch ein Paar bleiben?

Das letzte Mal Sex hatten Matthias und ich vor etwa eineinhalb Jahren, eines der wenigen Male in langer Zeit. Es war sogar sehr schön, ich habe mich jedenfalls nicht gelangweilt. Ich verstehe mich selbst nicht: Wenn man ein leckeres Essen hatte, möchte man doch öfter was davon - müsste es mit Sex nicht genauso sein? Aber ich habe einfach keine Lust. Das macht es nicht einfach.

Kennen gelernt haben wir uns 1998, wir spielten hobbymäßig in einer Band. Anfangs waren wir nur Freunde, später hatten wir eine sehr kurze Beziehung. Er war sehr verliebt in mich, ich bekam Panik und machte Schluss. Danach sahen wir uns zwei Jahre nicht mehr. Bis wir uns eines Tages zufällig auf der Straße wiederbegegneten - und ich hingerissen war. Ich weiß noch, wie ich dachte: "Ich glaube, ich habe mich in Matthias verliebt. Das kann doch nicht sein, das ist doch nicht mein Typ?!" Das ist jetzt sieben Jahre her.

Nach zwei Jahren wurde der Sex weniger

Anfangs waren wir beide sehr verliebt, hatten viel Sex. Nach zwei Jahren wurde es deutlich weniger, aber das ist ja auch normal. Dann hatten wir sehr bald gar keinen Sex mehr - so ist es bis heute. Er hat immer noch Lust auf mich, aber ich eigentlich nie. Wir kuscheln zusammen, übernachten aber nicht mehr in einem Bett - auf seinen Wunsch hin. Er sagt, das sei zu schwierig für ihn.

Ich finde das schade, kann es aber nachvollziehen. Wir hatten früher lange zähe Diskussionen deswegen, mittlerweile klammern wir das Thema Sex meistens aus - es zieht uns beide zu sehr runter. Anfangs dachte ich: Na ja, wenn er unbedingt will, könnte ich ja trotzdem ab und an mitmachen, ihm zuliebe. . . aber er merkt das, ich kann ihm nichts vorspielen. Und wenig Sex führt zu noch weniger Sex. Je seltener wir Sex haben, umso abstruser wird für mich die Vorstellung, Sex zu haben. Er fehlt mir nicht. Ich befriedige mich auch kaum noch selbst.

Ich habe keine Ahnung, warum ich so bin

"Wir klammern das Thema aus, es zieht uns runter"

Dabei liebe ich Matthias. Er und ich sind uns sehr nah, vielleicht zu nah. Er ist tatsächlich mein bester Freund, ich kann alles mit ihm teilen. Ich finde das schön. Manchmal denke ich, dass genau das das Problem ist. Dass ich vielleicht mehr Lust hätte, wenn ich mit so einem blöden Alphamännchen zusammen wäre, mit dem ich nicht so viel gemeinsam lachen und nicht so viel tolle Filme zusammen gucken könnte, mit dem ich nicht so auf einer Wellenlänge bin.

Ich habe eine Ahnung, warum ich bin, wie ich bin, und in einer kuscheligen Beziehung sexlos bin. Ich bin sehr stark reglementiert aufgewachsen, meine Mutter erzählte mir immer, wie scheiße Männer sind, und ich glaube, ich habe das aufgearbeitet, indem ich 20 Jahre lang nur Affären hatte, die höchstens drei Monate hielten. Sex war Mittel zum Zweck: Ich wollte mir beweisen, dass ich kein Mauerblümchen bin, ich wollte, dass Männer in mich verliebt sind. Und wenn sie es dann waren, wurden sie in Nullkommanichts unattraktiv für mich. Oder sie waren nicht verliebt in mich, und das machte sie für mich noch interessanter. Sex bedeutete für mich: Leidenschaft, Habenwollen, Unerreichbarkeit. Für Matthias aber ist Sex Liebe. Und es ist nicht einfach für ihn, dass ich ihm das vorenthalte.

Eine offene Beziehung wollen wir nicht

Ich habe ihn gefragt, ob er eine offene Beziehung möchte, auch wenn ich nicht weiß, wie ich damit umgehen würde, wenn es dazu käme. Er hat sich sogar mal bei einem Dating-Portal angemeldet und mit zwei, drei Frauen getroffen. Aber er sagte danach: Ich will nicht einfach Sex haben, ich will Sex mit dir haben.

Auch ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit jemand anderem lieber zusammensein würde. Wären wir kein Paar, wäre ich vermutlich glücklicher Single.

Wir haben mehr als eine Freundschaft mit Anfassen. Eine Beziehung besteht ja noch aus vielen anderen Dingen. Mein Vater lebt im Pflegeheim, und Matthias kommt oft mit und unterstützt mich, weil ich das allein nicht gut verkrafte. Wir sind füreinander da, und ich merke, dass diese Beziehung belastbarer ist als eine Freundschaft. Matthias macht mir keinen Druck, aber ich weiß nicht, wie ich die Situation ändern soll. Eine Paartherapie hat uns nichts gebracht. Ich hoffe immer noch, dass wir eine Lösung finden. Obwohl ich im Moment keine Ahnung habe, wie die aussehen soll.

*Name geändert

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Protokoll: Sonja Niemann Ein Artikel aus BRIGITTE Heft 02/2015
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