Sex-Diaries: Warum ich mit unattraktiven Männern schlief

Ja, ich habe ein Sex-Tagebuch. Und nein, darin finden sich nicht nur Hotties – im Gegenteil …

Ich war nicht verliebt in ihn. Und ich fand ihn auch nicht übertrieben hot. Sein Bauch war eher schwabbelig als straff, leichte Pölsterchen quollen über den Hosenbund. Ja, er war ein Charmeur. Aber dass unsere Gespräche mich besonders beseelt zurückließen, kann ich nicht behaupten. Trotzdem ging ich mit ihm ins Bett – mehr als einmal. Und er war nicht der einzige Kandidat aus dieser Kategorie: Männer, mit denen ich schlief, obwohl ich sie nicht attraktiv fand.

Dabei war es kein guter Sex. Bleiben wir beim Wampen-Mann: Der schob seine Zunge in meinen Mund, als wollte er eine Kuchenteig-Schüssel ausschlecken, und drückte dabei so fest gegen meinen Schädel, dass mein Kopf entweder das Kissen fast zweiteilte oder ich ’ne Nackenstarre vom Gegenhalten bekam.

Warum tat ich das? Mich Männern sexuell hingeben, von denen ich weder Liebe noch heiße Schäferstündchen erwartete? 

Lieber "Geiler Fick" von 'ner Gesichtsgrätsche als gar kein Kompliment

"Weil man das für ihn macht", sagt dazu Ann-Marlene Henning. Die Sexologin, Paartherapeutin und Bestsellerautorin erklärt das Phänomen mit der Bestätigung, über die wir uns als Frauen oftmals definieren. "Wenn er glücklich wird, sagt mir das: Ich bin toll", meint Henning. Finde ich keine positive Anerkennung in mir selbst, hole ich mir anderswo Lob ab – von meinem Sexpartner. Das Gefühl, eine gute Liebhaberin zu sein, pusht das Ego. Selbst wenn dafür das eigene Lustempfinden komplett hinten ansteht. Zugespitzt formuliert: Von der größten Gesichtsgrätsche ein "Geiler Fick!" zu hören, ist immer noch besser, als gar kein Kompliment zu kriegen.

Krasse Erkenntnis. Ich nahm also in Kauf, mit einem mäßig bis gar nicht attraktiven Typen zu pennen, und dabei selbst nicht nur nicht auf meine Kosten zu kommen, sondern sogar Abneigung zu überwinden – alles, damit ER denkt: Wow.

Das war mir zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht klar.

Das vermeintlich wahnsinnige Verlangen, das ich glaubte, nach meinen Sex-Partnern zu spüren, war also eigentlich die Suche nach Bestätigung. Tatsächlich war ich einfach konditioniert auf das Lob von Männern. Leuchtet mir irgendwie ein: Als Kind bei einem grandiosen, bisweilen aber äußerst strengen alleinerziehenden Papa großgeworden – ein "gut gemacht" war für mich als kleines Mädchen die Welt. Diese Programmierung ist nicht so leicht zu überschreiben.

Aha-Moment: "Da waren schon zu viele dran"

Wie aber raus aus diesem Unsicherheits-Ego-Push-Kreis? Drei Dinge sind bei mir passiert. Erstens der Kommentar des Freundes (mittlerweile Ehemann und eigentlich ein netter Kerl) einer guten Freundin. Bei einer Party sprachen wir über Singles im Freundeskreis. Bemerkung bezüglich meiner Person: "Nee, da waren schon zu viele dran." Ouch. Das saß.

Zweitens hatte ich irgendwann tatsächlich einfach das Gefühl, genug rumgekommen zu sein. Nicht, dass ich dem Sex abgeschworen hätte. 😉  
Aber dem mit – nun ja, sagen wir’s, wie es ist – wahllosen Männern. Mit der Erfahrung (denn die sammelte ich dabei tatsächlich, aber das ist eine andere Geschichte) wuchs mein Selbstvertrauen, mein Körperbewusstsein, mein Gespür dafür, was ich mochte und was nicht. Und ich suchte mir meine Sex-Partner fortan sehr gezielt aus – um auch auf meine Kosten zu kommen. 

Und drittens bin ich mittlerweile in einer festen, sehr glücklichen Beziehung. Mit einem äußerst attraktiven Kandidaten – gute Gespräche und Herzklopfen inklusive. 😌

Sexologin und Autorin: Ann-Marlene Henning.


 



Die Autorin ist irgendwas zwischen Mitte 20 und Anfang 30 und schreibt für BRIGITTE.de. 

Ann-Marlene Henning (Foto) hat sie ihre Sex-Diaries offenbart – und gemeinsam mit ihr analysiert. Von ihren Erfahrungen als Sexologin erzählt Henning in ihrem aktuellen Buch "Liebespraxis"

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