Sex im Alter? "Wolke 9" war überfällig!

Der Film "Wolke 9" erzählt die Liebesgeschichte eines alten Paares erzählt - und zeigt sie auch beim Sex. BRIGITTE.de-Autorin Thordis Rüggeberg findet, dieser Film war überfällig.

Ohne den Film "Wolke Neun" von Andreas Dresen bisher gesehen zu haben, rufe ich begeistert: Überfällig! Schon lange warte ich darauf, daß sich jemand ernsthaft und einfühlsam mit diesem Thema beschäftigt, um genau zu sein: seit etwa 15 Jahren. Damals reichte meine Freundin Trish ihre Magisterarbeit über Sex im Altersheim ein. Keine Ahnung, was darin stand. Aber seitdem ist mir klar, daß unsere Libido nicht notwendigerweise ein Verfallsdatum hat.

Doch während man sich im TV vor Schönheits-OPs, Live-Darmspiegelungen und kaltem Drogenentzug eher weniger Prominenter kaum retten kann, scheint die körperliche Begierde im Alter eins der letzten unangetasteten Tabus zu sein.

"Haben Deine Eltern noch Sex?" frage ich meinen Freundinnen. Die Antworten reichen von "schon lange nicht mehr" über "um Himmels Willen" bis "ich will's mir gar nicht ausmalen". Rollator und Inkontinenzhöschen, na gut, aber Liebe machen? Eine geradezu obszöne Vorstellung. Was ist so abwegig an der Lust zweier Menschen aufeinander, die schon ein paar Jahrzehnte mehr auf dem Buckel haben? Gleich einem bauchnabelfreien T-Shirt, scheint sie nur den jungen und schönen Menschen vorbehalten, bei allen anderen fangen wir das Lästern an.

Ich wurde 1968 geboren und wuchs in die Macht-Liebe-Nicht-Krieg-Ära hinein. Zwar protestierten meine Eltern nie gegen Vietnam oder klebten sich die Atomkraft-Nein-Danke-Plaketten der ersten Stunden auf den 2CV, dennoch waren sie progressive Menschen, die mir niemals das Märchen vom Klapperstorch erzählten. Ich wußte von Anfang an zumindest theoretisch, wo der Hase lang läuft, und wurde immer wieder mit der Tatsache konfrontiert, daß meine Mutter und mein Vater Sex miteinander hatten - nicht nur in Form zweier jüngerer Geschwister.

Wenn ich als kleines Mädchen sonntags morgens in Richtung Elternschlafzimmer trabte, hörte ich an der Tür gelegentlich die Geräusche, von denen ich damals schon verstand, daß sie "jetzt gefälligst nicht stören" heißen. Ging ich als Schulkind nachts auf die Toilette, kam ich als Teenager spät von einer Party - immer mal wieder begegnete mir die eindeutige Klangkulisse.

Zum letzten Mal war das am Heiligen Abend. Die Familie verabschiedete sich in die Schlafzimmer, ich lungerte noch ein wenig vor dem Fernseher herum und schaute "Drei Nüsse für Aschenbrödel" - bis die unzweifelhaften Sounds nicht mehr zu überhören waren. Das Fest der Liebe. Diskret verzog ich mich ins Gästebett - und schickte eine SMS an meine Freundinnen. "Mein Vater und meine Mutter haben Sex." Prompt wurde zurückgefunkt: "Miteinander?" "Ich bin grün vor Neid." "Das haben sie sich gegenseitig zu Weihnachten geschenkt." "Sorry, ich habe vergessen, was das ist." Zu diesem Zeitpunkt ahnte niemand von uns, daß meine 70jährigen Erzeuger am nächsten Morgen gleich damit weitermachen würden.

Ich sage: Chapeau! Merkwürdig berührt bin ich nicht. Ist doch toll, dass nach über vierzig Jahren Ehe im Bett immer noch einiges geht. Allerdings zugegeben: meine Bewunderung zolle ich aus der Ferne. Ansprechen werde ich meine Eltern darauf nicht, das ist mir bei aller Abgeklärtheit doch ein zu privater Teil ihres Lebens.

In dem kurzen Ausschnitt, mit dem "Wolke Neun" beworben wird, knetet ein alter Mann die Brust einer alten Frau, beide kichern wie die Teenager. Ich versetze mich in die Frau. Ihr Körper ist füllig, die Haut weich, sie hat an Spannkraft verloren. Sie weiß, dass sie fernab ist von den Modellen auf den Werbeplakaten, weiter weg denn je, und dieses Wissen verleiht ihr eine ungeheure Gelassenheit. Die Zeiten, in denen sie glaubte, mit irgendeinem Ideal mithalten zu müssen, sind vorbei, sie hat lange schon aufgehört, sich messen und vergleichen zu wollen. Deshalb versteckt sie sich nicht. Über eine ungewollte Schwangerschaft muß sie nicht mehr nachdenken. Ebensowenig schweifen ihre Gedanken an den Arbeitsplatz, zu den unerledigten Aufgaben dort, die sie früher immer schnell nervös gemacht haben. Oder zu den Schulproblemen der Kinder. Sie ist ganz bei sich selbst.

Das gleiche gilt für den Mann. Zwei Menschen, für die ihre verblühten Körper so selbstverständlich sind, daß sie keines Gedankens bedürfen. Die sich gegenseitig nichts beweisen müssen. Die in sich nur den Mann und die Frau sehen und sich ganz konzentrieren können auf ihre innere Jugend und den Rausch ihrer Gefühle füreinander. Klingt beneidenswert.

Ob 20 oder 80: Wie "Wolke 9" Frauen verschiedener Generationen gefallen hat, lesen Sie hier!

Darum geht's: Der Film "Wolke 9" + Trailer

Kino: Trailer: Wolke 9

Inge (Ursula Werner) ist über 60 und eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Leben. Sie singt im Chor, näht gern und lebt seit 30 Jahren mit Werner (Horst Rehberg) in einer eingefahrenen, aber freundlichen Ehe. Doch plötzlich bricht die Liebe über Inge herein: Sie verguckt sich in Karl, der auf die 80 zugeht. Karl ist charmant, bringt Inge zum Lachen und löst in ihr die Leidenschaftlichkeit einer 17-Jährigen aus.

Inge hält das Versteckspiel nicht lange aus: Die Glücksgefühle, die der neue Mann ihr beschert, sind so stark, dass sie bereit ist, ihre Ehe aufs Spiel zu setzen. Regisseur Andreas Dresen hat schon bei "Halbe Treppe" und "Sommer vorm Balkon" bewiesen, dass er sehr realistische Milieustudien drehen kann. "Wolke 9" (Start: 4. September) ist so dicht dran, dass der Zuschauer glaubt, neben Inge und Werner auf dem Sofa zu sitzen.

Text: Thordis Rüggeberg
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