Sex im hohen Alter? "Solange der Mensch atmet, will er Sex!"

Die amerikanische Psychologin und Psychoanalytikerin Arlene Heyman veröffentlichte mit über 70 Jahren ihr erstes belletristisches Werk – und gleich einen Bestseller: sieben Kurzgeschichten über die Liebe im fortgeschrittenen Alter. 

Schon wenn man sich am bulligen Concierge des wuchtigen Großbürger-Palazzos auf der Upper West Side New Yorks vorbeikämpft, fühlt man sich wie in einem Woody-Allen-Film. Ein Effekt, der sich steigert, wenn man aus dem Aufzug tritt und von Arlene Heymans Assistentin in den großen Salon gebeten wird. Hohe Decken, Holzboden, unendlich viele Bücher in Regalen, auf Tischen, auf Stühlen, neben Sofas, auf dem Boden. Gedeckte Farben, nur wenige skandinavisch anmutende Möbel, Familienfotos, Gemälde, nichts passt zueinander und erweckt doch den stimmigen Eindruck gediegener, intellektueller Lebenskultur. In "Hannah und ihre Schwestern" könnte in solch einem Raum der Truthahn an Thanksgiving kredenzt werden, und alle an der Tafel würden durcheinander sprechen, vielleicht über eine Galerie in SoHo, eine Aufführung an der Metropolitan, das letzte Buch von Paul Auster. Und über Sex natürlich, weil Woody Allen weiß, dass es darum am Ende ja immer geht.

Polyamorie: So wirkt sich der Liebestrend auf deinen Körper aus

Mir war schon klar, dass ich mit meinen Geschichten ein sensibles Thema berühre

BRIGITTE WIR: Hat auch Arlene Heyman darauf spekuliert, als sie ihr erstes Buch mit diesem Titel veröffentlichte?

Arlene Heyman: Das sollte man denken, nicht wahr? Sex sells. Tatsache ist, dass ich schon lange vor "Scary Old Sex" Romane und Kurzgeschichten geschrieben habe, nur wollte sie keiner drucken. Ich habe mal was in einem wichtigen Magazin veröffentlicht, das hielt mich sozusagen bei der Stange. Je älter ich wurde, umso mehr haben mich beim Schreiben auch die Aspekte beschäftigt, die mit dem Alter korrespondieren, eben auch der Sex. Ich hatte keine Ahnung - und auch keine Absicht -, dass das nun ausgerechnet das Thema werden würde, mit dem ich heute erfolgreich bin.

Dann sind Sie vom großen Interesse der Öffentlichkeit quasi überrascht worden?

Einerseits schon, damit darf man ja als Autorin, als literarische Debütantin in meinem Fall, nicht ausgehen. Andererseits war mir schon klar, dass ich mit meinen Geschichten ein sensibles Thema berühre.

Und das ist noch untertrieben ausgedrückt. Sie schreiben über den Sex, den ältere Menschen miteinander haben. Und Sie tun das nicht mit dem Weichzeichner.

Ist es nicht erstaunlich, dass die Tatsache, dass man überhaupt darüber schreibt, immer noch ein Tabu ist? Obwohl wir doch alle wissen, dass Sex im Leben immer eine - oft zentrale - Rolle spielt. Solange der Mensch atmet, will er Sex haben, zugespitzt formuliert.

Wie erklären Sie sich dann, dass niemand darüber sprechen will, dass man zur Generation über 60 gehören und weiterhin sexuell aktiv sein kann?

Es hat eine ödipale Note, glaube ich. Sie wissen doch: Mit sechs Jahren gibt es nichts Schöneres für einen kleinen Jungen, als mit seiner Mutter im Bett zu liegen, und auch nichts Natürlicheres. Aber mit 16, 17 Jahren wird er solch eine Situation intuitiv abstoßend finden. Vor allem für Männer überlagern sich bei der Vorstellung, Sex mit Frauen in ihren Sechzigern oder Siebzigern zu haben, die Bilder. Sie denken dabei unweigerlich an ihre Mutter, und gleich zieht sich bei ihnen alles zusammen: Yaaaargh! Es ist das Inzest-Tabu, das in uns eine Wand errichtet.

Man muss sich dann eben gründlicher auf den Sex vorbereiten - mental, aber auch körperlich

Das ist eine Antwort, die man von einer Psy­choanalytikerin erwarten kann. Aber steckt nicht noch mehr hinter der Verleugnung sexueller Lust im Alter? Die Angst davor, nicht mehr jung genug, nicht mehr schön genug zu sein für romantischen Sex? Und auch ein gewisser Jugendwahn?

Unsicherheit ist sicher ein Faktor, das stimmt. Es ist kompliziert. Möglicherweise spielt selbst der religiöse Aspekt unterschwellig mit: Sex ist nur dann gut und akzeptabel, wenn er der Fortpflanzung dient. Denn darum geht es beim Sex von älteren Menschen ja wirklich nicht mehr. Aber ich glaube nicht, dass unsere Vorstellungen von einer gewissen erotischen Ästhetik bei der Tabuisierung von Sex im Alter eine große Rolle spielen, das ist nur das oberflächliche Cover.

Was ist es dann? Die Übereinkunft, dass Sex, Liebe und Leidenschaft, also der romantische Überbau zwischenmenschlicher Beziehungen, im fortgeschrittenen Alter gar nicht mehr so eng verzahnt sind?

Machen wir uns nichts vor: Sex von älteren Menschen ist nicht mehr in erster Linie romantisch und leidenschaftlich, auch wenn sich dieses Gefühl hoffentlich nicht völlig verflüchtigt. Aber unser Körper funktioniert ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach nicht mehr so geschmeidig und so elegant wie mit 20 Jahren. Man muss sich dann eben gründlicher auf den Sex vorbereiten - mental, aber auch körperlich.

Oh ja, das haben Sie in der Geschichte "Die Lieben ihres Lebens" ja auch sehr plastisch beschrieben. Der Mann, sein Name ist Stu, fragt erst einmal offiziell an, ob man mög­licherweise gleich Sex haben könnte, und wirft dann nach einem positiven Bescheid erst mal eine Viagra ein, während seine Frau Marianne ab jetzt noch eine Dreiviertelstun­de aufrecht sitzen muss, weil sie nach dem Essen immer einen Säurereflux hat. Das ist das unspontanste Vorspiel zum Sex, das man sich vorstellen kann ...

Na ja, das mag sein, aber muss es dann hinterher deshalb auch schlechter Sex sein? Und ist solch eine zielführende, wenn auch etwas mühselige Vorbereitung nicht besser, als gar keinen Sex zu haben?

Sex ist in jedem Alter gruselig!

Jetzt lacht Arlene Heyman fröhlich, fast ein wenig verschmitzt und mädchenhaft. Sie trägt ein beiges Kleid, offene, sorgfältig frisierte Haare, silberne Ohrringe, in den Sandalen nackte Füße und strahlt, dezent geschminkt, eine gediegene, sympathische Souveränität aus. In diesem Raum hier empfängt die Psychoanalytikerin auch ihre Patienten; es beruflich ruhiger angehen zu lassen ist für sie keine Option: "Ich liebe es, die ganze Bandbreite menschlicher Gedanken und Gefühle hier frei Haus geliefert zu bekommen." Paare mit Problemen allerdings betreut sie ganz bewusst nicht: "Ich nehme immer nur einen von beiden, das würde ich sonst nicht ertragen." In Interviews zu ihrem Buch hat sie einen bemerkenswerten Satz immer wieder angebracht: "Sex ist in jedem Alter gruselig!" Wie meinen? Man ist beim Sex ja ganz bei sich selbst, da fallen die Masken. Das muss man aushalten können. Und das ist keine Frage des Alters.

Aber Sie machen sich doch auch über die Äußerlichkeiten beim "Altensex" Gedanken und zeichnen diese Szenen zuweilen, sagen wir, unbarmherzig. Ihre Protagonistin Marianne beschreibt jede Falte ihres Mannes Stu, bescheinigt ihm einen kleinen grauen Schwanz, vergleicht ihn mit einem Bild des Malers Lucian Freud und findet generell, dass niemandem über 40 Sex bei Tageslicht gestattet sein sollte. Das klingt nun wirklich nicht sehr freundlich.

Ich finde nicht, dass Marianne diese Szene besonders brutal oder lieblos beschreiben würde. Es spielt sicher ein wenig Nostalgie mit, weil sie sich an ihren ersten Mann er­innert und diese Bilder möglicherweise im Rückblick verklärt. Ansonsten aber haben auch jüngere Menschen solch einen, wie Sie sagen, unbarmherzigen Blick auf ihre Partner, ich würde ihn eher nüchtern nennen in manchen Momenten. Es ist der Blick von ganz normalen Menschen, die eben zufällig älter sind.

Hmm. Lassen Sie mich ein anderes Beispiel nennen. In der Geschichte "Nichts Menschliches" beschreibt eine Frau den Körper ihres Mannes, der gerade mit einer Maske gegen das Schnarchen neben ihr liegt. Sie betrachtet sein "altersnoppiges Fleisch", seine Auswüchse - Knötchen, Papillome, Warzen, Muttermale, seine dünner werdenden Achsel- und Schamhaare ... Nun?

Sie dürfen in diesem Kontext dann nicht verschweigen, wie es weitergeht. Meine Protagonistin sagt ja auch, dass diese "Aus­wüchse" wunderschön sein können, wenn man ein Auge dafür hat. Der persönliche, im besten Falle wohlwollende Blick auf den Menschen vor dir ist entscheidend. Dazu eine Geschichte: Ein Afroamerikaner hat einmal im Spaß zu mir gesagt, dass wir Weißen alle Farbigen gleich aussehend finden, dabei sähen doch in Wahrheit alle Weißen gleich aus. Nicht, wenn du einen von uns liebst, habe ich geantwortet, und das ist das ganze Geheimnis: Wenn du einen Menschen liebst, dann siehst du diese Person, egal welcher Rasse sie angehört, wie alt, gebrech­lich und gezeichnet sie auch sein mag.

Wir brauchen mehr von solchen Büchern

Das heißt, der Titel "Scary Old Sex" hat auch einen ironischen Subtext. Und er ist in Wahrheit ein Plädoyer dafür, sich nicht von all den albernen, gesellschaftlichen Normen gängeln zu lassen?

Das wäre ein sehr idealistischer Gedanke, der mir zwar grundsätzlich gefällt. Aber ich bin nicht mit der Mission angetreten, eine Sexberatung zu schreiben, auch nicht im weitesten Sinne. Ich habe einfach wie jeder gute Autor versucht, die Welten und Ge­danken abzubilden, die ich in meinem und im Leben meines Umfelds wahrgenommen habe. Natürlich nicht detailliert autobio­grafisch ...

Das müssen Sie ja jetzt sagen, schon allein im Hinblick auf Ihre Familie und Ihre Patienten ...

(Lacht) Natürlich sind viele meiner Erfah­rungen subtil in die Geschichten eingeflos­sen, aber nicht wiedererkennbar, das wäre ja auch nicht redlich.

Aber stimmt es, dass Ihre Familie schockiert auf "Scary Old Sex" reagiert hat?

(Lacht) Schockiert ist übertrieben. Aber mei­ne Söhne - sie leben beide in New York und wir haben ein sehr herzliches Verhältnis zueinander - haben es abgelehnt, das Buch zu lesen. Sie freuen sich über meinen Erfolg, sind stolz auf mich und weisen mich auch darauf hin, wenn sie einen Artikel zu mei­nem Buch in einer Zeitung finden. Aber selbst lesen, wie ihre alte Mutter sehr ex­plizit über Sex schreibt, das wollten sie dann doch nicht.

Ist das nicht der beste Beweis dafür, dass es mehr solcher Bücher braucht? Damit es irgendwann ganz normal ist, dass auch Senioren über ihr Sexleben reden können, ohne dass Augenbrauen hochgezogen werden?

Da muss ich Ihnen recht geben. Von mir allerdings wird es vorerst kein Buch zu diesem Thema mehr geben. Mein nächstes Buch wird ein Roman sein, in dem die Rol­le der Frau in der Wissenschaft im Vordergrund steht. Ich habe fürs Erste genug über Sex gesprochen.

Brigitte WIR 01/2019

Wer hier schreibt:

Harald Braun
Themen in diesem Artikel