Sex nach Plan?

Zu beschäftigt für die Liebe? Willkommen im Club. Job, Familie, Freizeitstress - wie soll man da noch Zeit für sinnliche Stunden finden. Etwa per Termin im Kalender? Geht nicht! - dachte BRIGITTE BALANCE-Autorin Pia Blum. Und startete trotzdem den Versuch.

Aus und vorbei, wir schaffen es nicht. Wir haben keinen Sex mehr. Dafür aber zwei Kinder, unsere Jobs und noch so etwas wie ein Sozialleben. Soll heißen: Ist der Tag erledigt, sind wir es auch. Nach vierzehn Stunden Dauerdienst an Chefs und Familie (die Nachtschicht nicht mitgezählt) raffen der Mann an meiner Seite und ich uns vielleicht noch dazu auf, auf der Couch sitzend Lakritzschnecken an Rotwein zu konsumieren. Ohne dabei zu reden versteht sich. Oder wie Tom eines abends trocken bemerkte: "Ruhe. Ich hätte nie gedacht, dass Ruhe besser sein kann als Sex." Aber was soll's, dachte ich mir, der Dienst an der Gesellschaft kostet eben Zeit, da wird man doch auf das bisschen Sex verzichten können. Und überhaupt: Wir leben schließlich nicht als Einzige unfreiwillig enthaltsam.

Einer Studie der Uni Göttingen zufolge sind sogar 65 Prozent der deutschen Paare unzufrieden mit ihrem Sexleben. Beide wollen, beide können - eigentlich, fanden die Wissenschaftler heraus. Aber als Erster etwas für das Liebesleben tun, dazu mochte sich dann doch keiner aufraffen. Zu gemütlich die Couch, zu verlockend der Abend in der Sauna. Wen wundert es da, dass irgendwann das Begehren ausbleibt. Schuld an all dem ist mal wieder der Stress.

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Die Aachener Sexualtherapeutin Dr. Ulrike Brandenburg weiß: "Wer sich am Rande des Stress-Managements bewegt, der ist im Allgemeinen taub für Sex und entsprechend auch taub dafür, Raum zu schaffen, dass Lust auf Sex überhaupt entstehen könnte." Dabei haben Tom und ich beide Lust. Nach acht Jahren Beziehung sogar noch aufeinander. Wir wissen nur nicht, wann wir die ausleben sollen. Jede Minute unseres Alltags ist seit Wochen verplant: Montags habe ich meinen Französisch-Kurs, am Mittwoch geht Tom zum Squash, Donnerstag ist Mädels-Abend. Und die restlichen Abende? Genau, Lakritz und Rotwein.

Offensichtlich gibt es in der Erotik auch so etwas wie eine Rushhour: Zu viel muss zur selben Zeit erledigt werden. Da steht dann eben der Sex still. Warum eigentlich? Am Anfang einer Beziehung kümmert es uns ja auch nicht, ob der Wochenendeinkauf schon gemacht ist oder die Kontoauszüge geordnet sind - wichtig ist, dem anderen die Sachen vom Leib zu reißen. In jeder freien Minute, die wir ergattern können. Wenn die nicht zur Verfügung steht, nehmen wir sie uns eben einfach. Irgendwie gehen wir davon aus, auch in einer alltagsgeplagten Langzeit-Partnerschaft würde der Sex uns schon finden - so wie Fünfjährige sicher sind, dass der Osterhase zu ihnen kommt. Absurd. Genau das Gegenteil ist der Fall.

Der Therapeut und Autor Ulrich Clement bringt es in seinem Buch "Guter Sex trotz Liebe"* auf den Punkt: "Erotik wird von selbst schlechter. Man braucht nichts dafür zu tun. Nur warten." Meine Freundin Annie jedenfalls hatte das Warten nach ein paar Wochen Sex- Entzug satt. Sie führte einen "Badetag" in ihrer Beziehung ein: Seit einem Monat verschwinden sie und Jan immer dienstags ab 20 Uhr in der Wanne.

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Gebe ich meine Erotik der Lächerlichkeit preis, wenn ich sie plane wie die halbjährliche Zahnreinigung?

Zugegeben, als Annie mir eröffnete, dass sie sich zum Sex mit ihrem eigenen Mann im Badezimmer verabredet, fand ich das albern, peinlich und durch und durch spießig. Sex nach Plan - das klang nach mindestens genauso viel Tristesse wie eine Sitzung des Zentralkomitees der chinesischen Kommunisten. Wenn man sich als Paar sogar schon fürs Bett verabreden muss, so mein Urteil, dauert es nicht mehr lange, und man beginnt darüber nachzudenken, gemeinsam einen Swinger-Club zu besuchen. Andererseits musste ich zugeben, dass Annie seit Einführung des Badetags definitiv schon mehr Sex hatte als ich im gesamten letzten Jahr.

Mein Widerwille schwand gänzlich, nachdem ich ein paar Wochen lang immer wieder mittwochs in ihr strahlendes Gesicht schaute, und eigentlich sprach doch nichts dagegen, sich für die Liebe einen festen Termin in der Woche freizuhalten . Genauso wie für den Pilates-Kurs, den Restaurantbesuch mit der Freundin oder den wöchentlichen Serienabend.

Paartherapeuten finden jedenfalls, Sex nach Plan sei eine ziemlich klasse Idee. Ulrike Brandenburg sagt dazu: "Wenn zwei Liebende aus Erfahrung wissen, dass ihnen Sex guttut, dann halte ich es für eine gute Idee, wenn sie diesen auch aktiv gestalten. Denken wir doch nur mal an eine unserer letzten Einladungen. Kurz vorher überkommt einen gähnende Unlust. Wir würden alles lieber tun, als uns jetzt aufzubrezeln. Aber wir haben schließlich zugesagt. Wenn man dann einmal da ist, wird es auch ganz nett." Sie hat ja recht. Kennt man doch selbst vom Sport: Hinterher fühlt man sich immer großartig.

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Meine Entscheidung stand also fest. Seltsamerweise reagierte der Mann erstaunlich gelassen auf meine Ankündigung, ab jetzt immer freitags ab 21 Uhr mit ihm im Bett verschwinden zu wollen. Wobei ich mir zunächst nicht ganz sicher war, ob er wirklich verstanden hatte, dass "ins Bett gehen" nicht gleichbedeutend mit "einschlafen" war.

Zwei Tage vor unserem ersten Mal bekam ich Skrupel. Ich dachte, ich gäbe meine Erotik der Lächerlichkeit preis, wenn ich Leidenschaft plane wie die halbjährliche Zahnreinigung. Außerdem: Würde sich geplanter Sex überhaupt gut anfühlen? Oder würde er einfach nur so spießig und langweilig sein, wie er sich anhört?

Am großen Tag war ich fast so aufgeregt wie vor unserem ersten Date. Ich fühlte mich frei. Unabhängig. Zehn Jahre jünger. Bei der Beinrasur achtete ich darauf, wirklich alle Härchen zu erwischen, nach Monaten benutzte ich mal wieder Parfüm und nachmittags auf dem Spielplatz erwischte ich mich bei wunderbar dreckigen Gedanken. Ach, das Leben fühlte sich verrucht und sexy an, und ich mochte mich plötzlich auch ganz gern wieder leiden. Überall in meinem Körper kribbelte es. Nur für dieses Gefühl in meinem Bauch - allein dafür hatte sich der Plan schon gelohnt. Und der Freitagabend? Nun ja, Details behalte ich für mich, aber das Wichtigste:

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Tom hatte mich sehr wohl verstanden, und, ja, ich war trotz Projektstress und Bügelwäsche noch ein sexuelles Wesen. Nach den ersten Minuten, in denen wir, zugegeben, etwas nervös und unbeholfen im Bett lagen, nicht recht wissend, ob diese Aktion nicht doch zu peinlich sei, nutzten wir die Gelegenheit. Wenn nicht jetzt, wann dann? Diese Zeit war unsere, und wir kosteten sie aus. Bei der Wiederholung am Freitag drauf hielten wir uns gar nicht erst mit zögerlichen Gedanken auf.

Nach ein paar Wochen kann ich jedenfalls sagen: Auch geplanter Sex ist guter Sex. Außerdem sollte man die Kraft des Rituals nicht unterschätzen, Regelmäßigkeit schürt das Feuer. Das Planen wird übrigens irgendwann ohnehin überflüssig, weil man dann weiß, womit man zwanzig unerwartet freie Minuten verbringen könnte ...

* Ulrich Clement: "Guter Sex trotz Liebe", Ullstein Verlag, 276 Seiten, 18 Euro

BRIGITTE BALANCE: 1/08: Foto: Mauritius
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