Warum hat er keine Lust, mit mir zu schlafen?

Männer wollen immer? Nein. Warum hat er keine Lust mit mir zu schlafen? BRIGITTE-Autor Jan Körfer klärt auf.

Das größte und älteste Klischee über Männer, gewissermaßen also die Mutter aller Männerklischees, ist, dass Männer immer Lust auf Sex haben. Egal, welche amerikanische Sitcom, welchen Mittwochsfilm, welchen Popsong und welche Sprücheklopfer in Männerrunden man sich zu Gemüte führt: Immer warten die Typen nur darauf, dass die Freundin oder Frau sich mal kurz lasziv an den Kühlschrank lehnt, um gleich von null auf hundert zu sein und sich dann glucksend, eine Ober- und Unterbekleidungsspur hinterlassend, ins Schlafzimmer aufzumachen. Denn: Männer. Wollen. Sex.

Einige Männer müssen sich allerdings, wenn diese Bilder im Fernsehen laufen und sie neben ihrer Frau auf dem Sofa sitzen, ein wenig unwohl, vermutlich auch missverstanden oder unter Druck fühlen. Denn natürlich gibt es Männer, die diesem Klischee nicht entsprechen. Und zwar, wenn man den Forschungsergebnissen glauben möchte, immer mehr. Das Hamburger Institut für Männergesundheit am Universitätsklinikum Eppendorf hat schon 2008 in einer großen Studie nachgewiesen, dass beispielsweise Männer zwischen 41 und 50 Jahren deutlich weniger häufig Sex - und deutlich weniger Lust auf Sex - haben als in der Generation davor: Die männliche Sex-Frequenz ist binnen 30 Jahren von sechs- bis zehnmal im Monat auf zwei- bis dreimal gesunken. Frank Sommer, der Institutsleiter, geht davon aus, dass die Lustlosigkeit der Männer weiter zunehmen wird.

3 Stunden andauernder Höhepunkt

Die Lustlosigkeit der Männer nimmt zu

Zum Teil liegt das ganz einfach daran, dass ab 35 Jahren der Testosteronspiegel sinkt. Aber das war schon immer so. Was jedoch zunimmt, sind laut Sommer "äußere Faktoren" wie mangelnde Bewegung, falsche Ernährung - und Stress: Wer seine Leidenschaft im Job aufbraucht und schon abends im Bett an die Aufgaben des nächsten Tages denkt, hat den Kopf nun mal nicht frei für Sex. Die tendenziell für alle Beteiligten kränkende Frage, warum ein Mann keine Lust auf Sex hat, wäre damit scheinbar beantwortet: Zu viel Junkfood und zu wenig Bewegung killen die Hormone, und die Arbeitssucht erledigt, was dann noch von der Lust übrig bleibt. Vielleicht ist das entlastend, denn in einem sind sich alle Fachleute einig: Lustlosigkeit bei Männern hat nichts damit zu tun, dass sie sich weniger von ihrer Partnerin angezogen fühlen. Es hat immer mit den Männern selbst zu tun. Von wegen "Du begehrst mich nicht mehr", die Wahrheit lautet: "Du begehrst gar nichts mehr." Dies führt zu einem anderen Klischee, das allerdings auch nicht viel angemessener ist als das vom allzeit bereiten Karnickel-Mann: das vom gestressten, bocklosen Trauerkloß, dessen Bewegungsenergie gerade noch ausreicht, sich hin und wieder anständig selbst zu befriedigen.

Kann es sein, dass Männer lieber zu Pornos masturbieren?

Nun hat kürzlich die amerikanische Sexualtherapeutin Laurie Watson von der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina, Autorin des Buches "Wanting Sex Again", in ihrem Blog eine These aufgestellt, über die es sich ein wenig nachzudenken lohnt. Watson redet nämlich von "sexueller Autonomie", also, kein Wortspiel beabsichtigt: der Eigenständigkeit im Bett. Möglicherweise möchte der Mann, schreibt sie, "beim Sex nicht verhandeln und nimmt sein Verlangen deshalb buchstäblich in die eigene Hand: Er masturbiert zu Pornos oder seinen eigenen Fantasien, weil es schnell und effizient ist".

An Laurie Watsons These ist vor allem eines interessant: die große Sehnsucht nach Selbstbestimmung, danach, selbst entscheiden zu können. Sex ist ja eigentlich zu einem großen Teil das genaue Gegenteil davon. Beim Sex verschwimmen die Grenzen zwischen den Individuen, man gibt Kontrolle und Eigenständigkeit ab, man gibt sich hin, auf und her. Wie also konnte es so weit kommen, dass Männer den Sex mit sich selbst als eine Art Zufluchtsort entdecken, als perfekte Möglichkeit, sich allem zu entziehen?

Denn wenn Watsons These stimmt, dann geht es den Männern, die keine Lust auf Sex mit der Partnerin haben, nicht darum, sich speziell dieser Partnerin zu entziehen. Es geht ihnen darum, sich aus allem rauszuziehen. Nach dem Motto: Nirgendwo darf ich mehr selbst entscheiden, da will ich wenigstens beim Sex mal bestimmen, was läuft. Lustlose Männer haben also schlichtweg keine Lust mehr darauf, sich in jedem Lebensbereich fremdgesteuert zu fühlen.

Man könnte natürlich darüber diskutieren, warum Laurie Watson ihre These nicht auch auf Frauen ausdehnt. Denn vermutlich geht es vielen Frauen ähnlich: Unser Alltag ist ein einziger Angriff auf unsere Autonomie, es gibt immer weniger Nischen, in denen man sich noch selbständig und frei fühlen kann. Die Arbeitsbelastung hat in den letzten zwanzig Jahren messbar zugenommen, zugleich verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben; der Druck, sich in der Kindererziehung mit Lehrern abzustimmen und mit anderen Eltern zu vergleichen, wird immer größer; überhaupt ist durch soziale Medien der Drang und der Zwang, sich mit anderen zu vergleichen, stärker geworden. In kaum einem Teil unseres Lebens sind wir noch selbstbestimmt und nur uns selbst Rechenschaft schuldig.

Sex will nicht schnell und effizient sein

Eigentlich ist es naheliegend, wenn ausgerechnet der Sex zu dem Bereich wird, in dem man sich dann am Ende doch abschottet, um endlich wieder was Eigenes zu haben. Denn gerade wo Nähe und Erreichbarkeit so zentral sind, wird es umso schwerer, sie zuzulassen - wenn schon das ganze übrige Leben aus verschwimmenden Grenzen und ständiger Erreichbarkeit besteht.

Die Tragödie daran ist natürlich, dass jeder, der unbewusst seinem fremdbestimmten Leben entfliehen will, indem er keine Lust auf Sex mit einem anderen Menschen hat, auf das verzichtet, was das größte Gegengewicht oder Gegengift gegen das Leben in der Tretmühle der Fremdbestimmtheit sein könnte: die ausgelassene Selbstvergessenheit des Sex. Denn wenn Sex, wie die Sexualtherapeutin Laurie Watson sagt, scheinbar "schnell und effizient" ist, sofern man ihn nur noch mit sich selber macht, dann ist er ja nur noch wie alles andere, was einem sonst abverlangt wird. Schnell und effizient muss man ja überall sein. Dabei war Sex doch eigentlich die eine Sache im Leben, wo es ausnahmsweise mal trödelig und unkontrolliert und ineffizient sein konnte.

Die Sehnsucht nach Selbstbestimmtheit

Ob die von der Wissenschaft bekundete abnehmende Sex-Frequenz und Libido bei Männern wirklich bedauerliche Lustlosigkeit ist oder einfach ein schönes Leben mit lediglich anderen Prioritäten - das kann nur beurteilen, wer es erlebt. Aber sobald jemand am lustlosen Mann leidet, und sei es er selbst, ist es vielleicht ein Trost, dass hinter der fehlenden Lust nicht die Abwesenheit von Sehnsucht, sondern eine andere Sehnsucht stecken kann: die nach Selbstbestimmtheit. Und vielleicht kann man die Lustlosigkeit als Warnsignal lesen, am Leben insgesamt was zu ändern: sich in anderen Bereichen mehr Freiräume zu verschaffen, sich bei der Arbeit - und wo es sonst noch geht - unabhängiger zu machen von den Ansprüchen und Anweisungen anderer. Damit man am Ende womöglich wieder Lust darauf bekommt, sich ab und zu mal aufzugeben.

Text: Jan Körfer
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