Sexroboter: Ist die perfekte Frau eine Maschine?

Roboter und künstliche Intelligenz haben in der Arbeitswelt längst ihren Platz. Aber in der Liebe? Die britische Anthropologin Kathleen Richardson warnt davor - und hat eine "Kampagne gegen Sexroboter" gegründet.

Die Konferenz, auf der Kathleen Richardson die männlichen Teilnehmer später vor den Kopf stoßen wird, heißt "Liebe und Sex mit Robotern". Der Name ist etwas irreführend, Roboter gibt es nicht zu sehen, Liebe und Sex erst recht nicht. Stattdessen rund 60 Wissenschaftler aus aller Welt - Robotikspezialisten, Informatiker, aber auch Geisteswissenschaftler, Philosophen und Soziologen -, die sich an zwei Tagen im Norden von London darüber austauschen, wie es derzeit um die Mensch-Maschine-Beziehungen intimerer Art steht. 

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Ein niederländischer Philosoph referiert über ein in Japan beliebtes Handyspiel, bei dem man einer virtuellen Freundin Komplimente macht. Eine New Yorker Kunsthistorikerin spricht über die Darstellung von weiblichen Robotern in Filmen, ein amerikanischer Doktorand über den Einsatz des Serviceroboters "Pepper" in taiwanesischen Verkaufsläden. Der am futuristischsten klingende Vortrag widmet sich der Frage, ob dank künstlicher DNA Roboter und Menschen in 100 Jahren gemeinsam ein Baby machen könnten.

Von Sklaverei und Sexrobotern 

Es ist fast ein bisschen langweilig. Bis Kathleen Richardson auf die Bühne tritt, eine kleine Frau Mitte 40 mit Pagenschnitt, Professorin für Roboterethik an der De Montfort Universität in Leicester, außerdem Gründerin der "Kampagne gegen Sexroboter". Der Moderator sagt, man habe Frau Richardson eingeladen, "weil wir sehr aufgeschlossen sind und uns auch gern mit anderen Meinungen auseinandersetzen". 

Sie wirft den Beamer an, der Titel ihrer Präsentation lautet: "Der Mann als Selbstzweck - die Kultur von Sadismus, Pornos und Sexrobotern". Sie hebt an: "Um diese Geschichte zu erzählen, muss ich mit der Geschichte von Herren und Sklaven beginnen." Die Aufmerksamkeit im Saal ist ihr sicher.

Kathleen Richardson redet in der folgenden halben Stunde über Sklaverei, bei der Menschen andere Menschen als reine Werkzeuge gesehen und benutzt haben, "und es galt als normal". Sie zieht eine direkte Linie zur Prostitution, bei der ihrer Meinung nach dasselbe geschieht (erstes Murren im Publikum). Und sie endet bei Sexrobotern - jenen, wie man sie aus zahlreichen Science-Fiction-Filmen kennt: im Allgemeinen eine Maschinen-Frau, die aussieht wie ein Erotikmodell, keine Ansprüche stellt, nur ihrem Besitzer gehört und ihm dient. "Und diese Idee entspringt genau derselben egozentrischen Weltsicht, die Sklaverei und Prostitution möglich machen. Eine Sicht auf die Welt, in der nur die eigenen Bedürfnisse zählen und andere Menschen lediglich dazu da sind, sie zu erfüllen." Und es sei auch klar, wessen Bedürfnisse das seit jeher seien: die der Männer. Allgemeine Unruhe im überwiegend männlichen Publikum.

Später, nach etlichen Nachfragen, ob sie nicht übertreibe und wie man Sklaven und Roboter im selben Atemzug nennen könne - schließlich seien Roboter doch nur gefühllose Maschinen - raucht sie draußen eine filterlose Zigarette und sagt: "Würde man es okay finden, wenn man Roboter oder Puppen in Form eines schwarzen Menschen dem Ku-Klux-Klan überlassen würde? Würde man dann sagen: Macht damit, was ihr wollt, das ist nur ein Gegenstand? Nein, die allermeisten würden das für moralisch falsch und widerwärtig halten. Aber solange es um Frauen geht, mit denen Männer machen können, was sie wollen, ist offenbar alles erlaubt."

"Harmony" - der intelligente Roboterkopf für alle "Real-Dolls"

Kathleen Richardson wehrt den Anfängen. Bislang gibt es keine riesige Sexroboter-Industrie. Aber es ist eben auch nicht alles nur Zukunftsmusik. Längst gibt es beispielsweise die "Real Dolls", lebensechte Puppen der kalifornischen Firma Abyss Creations. Lebensgroß, gelenkig und aus Silikon; Augen- und Haarfarbe, Gesichtsform, Intimbehaarung, Größe der Brüste und Form der Schamlippen werden Kundenwünschen individuell angepasst, Stückpreis 4000 Dollar und weit aufwärts. 

Bis vor Kurzem waren die "Real Dolls" einfach nur sehr teure, hyperrealistische Puppen mit Öffnungen. Doch Firmenchef Matt McMullen wollte mehr. Er tat sich mit Computerspezialisten zusammen, und daher gibt es jetzt "Harmony": die intelligente Sexpuppe, die eine echte Partnerin sein soll (auch wenn "Harmony" nur ein Roboterkopf ist, montierbar auf jeden von McMullens Puppenkörpern). "Harmony" kann ihre Augen und Lippen bewegen, sie kann bei Berührung stöhnen, und man kann mit ihr dank Spracherkennungssoftware und künstlicher Intelligenz Gespräche führen: Sie merkt sich Namen, Vorlieben und Hobbys, sie sagt unaufgefordert Sätze wie "Ich bin so einsam ohne dich" oder "Ich möchte die Frau werden, von der du immer geträumt hast". Wie redselig oder gar intellektuell sie ist, darf ihr Besitzer per App selbst feinjustieren. 

Trotzdem ist "Harmony" nur eine Puppe, und man vergisst es nie. Sie kann lächeln und mit den Augen klimpern, aber die Nuancen einer menschlichen Mimik fehlen ihr, und auch die Unterhaltung mit ihr hat Grenzen. Menschen sind nun mal verdammt komplex, und zum Glück ist es noch längst nicht so weit, dass Roboter überzeugend die Illusion von menschlichen Gefühlen, Einfühlungsvermögen, Kreativität und Intelligenz erzeugen können. 

Man ist daher geneigt, Männer, die etwas wie "Harmony" als Partnerin ansehen können, für arme Würstchen zu halten. Erfinder Matt McMullen widerspricht dem noch nicht mal. Aber es gebe nun mal Männer, die nicht in der Lage seien, eine Bindung zu einer echten Frau aufzubauen und die sich einsam fühlten. Die Technologie könne ihnen helfen.

Wenn Kathleen Richardson dieses Argument hört - und sie hört es oft -, reagiert sie mit einer Mischung aus verhaltener Wut und leichter Erschöpfung. "Ja, das sagt mir jeder: Es ist harmlos und sowieso eine Nische, und die armen, einsamen Männer. Aber es ist doch widersinnig, ein Problem im zwischenmenschlichen Bereich mit einer Maschine lösen zu wollen. Und wer darin allen Ernstes eine Lösung sieht, hat einen sehr entseelten Blick darauf, was Menschsein heißt."

Einsatz von Robotern in der Therapie

Kathleen Richardson hat in Cambridge Anthropologie studiert. Roboter haben sie sehr früh fasziniert, sie tun es noch heute - ihr Büro an der Universität in Leicester ist plakatiert mit Roboterdarstellungen aus den 20er- und 30er-Jahren, angefangen mit dem "Maschinenmensch" aus Fritz Langs Film "Metropolis". Eine ihrer ersten Forschungsarbeiten als Postdoktorandin beschäftigte sich mit Robotern, die in der Therapie von autistischen Kindern eingesetzt wurden. Weil diese Kinder vom Umgang mit Menschen überfordert schienen - so jedenfalls der Gedanke dahinter -, sollte ihnen ein kleiner Roboter, der mit ihnen einfache Unterhaltungen führt oder pädagogische Spiele spielt, das Erlernen sozialer Fähigkeiten erleichtern. 

Kathleen Richardson sah diesen Therapieansatz zunehmend kritisch: "Die Kinder mochten die Roboter. Aber ich habe kein Kind kennengelernt, was wirklich den Roboter einem echten Menschen vorgezogen hätte. Nur war das nie ein Thema." Sie hatte eher das Gefühl, dass eine Technologie vorangetrieben werden sollte, weil sie langfristig einfach günstiger sein würde als Therapien mit Pferden, Hunden oder ausgebildeten Fachleuten mit beschränktem Zeitbudget. 

Vor allem die Pflegeroboter sind es, die derzeit die größten Marktchancen haben. Im technikgläubigen Japan wird fieberhaft an der Weiterentwicklung dieser Robotertypen gearbeitet; sie sollen nicht nur den alten Menschen das Essen bringen und sie aus dem Bett heben, sondern auch mit ihnen durch den Park gehen und ihnen die Zeit vertreiben. In einigen Pflegeheimen weltweit wird "Paro" eingesetzt, eine kulleräugige Roboter-Plüschrobbe. Sie reagiert auf Berührungen, kann wohlige Laute von sich geben und herzzerreißend gucken, ist aber, anders als eine Katze, absolut stubenrein. 

Die Menschen, die "Paro" mal in der Hand hatten, hätten die Robbe sehr lieb gewonnen, heißt es. Aber ist die Robbe genauso unbedenklich wie der Lieblingsteddy eines Kindes? Oder ist es zynisch, Einsamkeit mit einem seelenlosen Objekt lindern zu wollen, das Gefühle vorspielt, die es gar nicht haben kann - vor allem, wenn demente Leute das vielleicht gar nicht mehr einordnen können?

Gegen die Objektivierung von Frauen

Kathleen Richardson hat diese Fragen eindeutig für sich beantwortet. Während sie allerdings die Leute bedauert, die einen "Paro" auf den Schoß gesetzt bekommen, gilt den Männern, die sich eine von Matt McMullens Puppen kaufen würden - ob mit künstlicher Intelligenz oder nicht - eher ihre Verachtung. Für sie sind es Männer, die generell nicht viel von Frauen halten. Und dass ausgerechnet diese Männer etwas in die Hand bekommen, was wie ein Pornostar aussieht und alles widerspruchslos mitmacht, mache es nicht besser: "Diese Puppen entspringen einer sehr objektivierenden Sicht auf Frauen. Und sie tragen auch wiederum dazu bei."

Matt McMullen stellt zwar auch männliche Puppen her (bislang noch keine Roboter), dies ist jedoch nur eine kleine Nische innerhalb einer Nische, und auch hier sind die Käufer Männer. Das mag damit zu tun haben, dass allein aus technischen Gründen heterosexuelle Frauen mit einer männlichen Puppe nicht richtig viel anfangen können, die noch nicht mal ihren Unterkörper bewegen kann. Aber auch damit, glaubt Kathleen Richardson, dass einige Männer Frauen ohnehin eher als Gegenstände betrachten, die man kaufen kann, während es umgekehrt nicht der Fall sei: "Daher gehen Frauen auch nicht zu Prostituierten. Und wie bar jeden Mitgefühls muss man sein, um jemanden Geld zu geben, damit man ihn so benutzen kann?"

Gegner schimpfen sie aufgrund solcher Sätze in Mails als "Feminazi" und schicken ihr pornografisches Material. Sie beantwortet diese Mails nicht, aber löscht auch keine, "alles Material für ein neues Buch".

Kathleen Richardson ist in ihren Äußerungen eindeutig, manchmal in einer Weise, bei der auch viele Feministinnen nicht komplett mitgehen. Sie hält grundsätzlich jede Form von Pornografie für etwas, was verboten gehört, sie hält auch übereinstimmend von den Beteiligten gewollte sadomasochistische Praktiken oder Rollenspiele für eine Entgleisung, die direkt aus der Folter kommt. Sex ist für sie etwas, was ausschließlich zwischen zwei Menschen stattfinden soll, die eine Beziehung zueinander haben, um eben diese Beziehung zu stärken. Die triebhafte Seite von Sex spielt für sie keine Rolle. Sie weiß, dass sie damit heutzutage eher eine Minderheitenmeinung vertritt, und sie ist stolz darauf: "Alles, was sich als gut für die Menschheit herausgestellt hat, kam durch Widerstand gegen Unterdrückung." Sie hat ihre Kampagne "gegen Sexroboter" genannt, weil Roboter nun mal ihr Fachgebiet sind, aber eigentlich geht es ihr um viel mehr. 

Sucht man einen Mittelweg zwischen Porno und Richardsons Liebespurismus, landet man bei Kate Devlin. Sie arbeitet als Wissenschaftlerin an der Computerfakultät der Londoner Goldsmith University, ihr Spezialgebiet ist Mensch-Computer-Interaktion und Künstliche Intelligenz. "Ich sehe wie Kathleen Richardson die Objektivierung von Frauen als großes Problem", sagt Devlin. Deshalb möchte sie, dass "Roboter" im Zusammenhang mit Sex anders definiert wird: "Im Prinzip geht es ja nur um etwas, was körperliches Vergnügen bereitet."

Mehr körperliches Vergnügen für alle Geschlechter

Devlin veranstaltet regelmäßig "Hackathons", Veranstaltungen, bei denen Programmiererinnen und Programmierer, Designerinnen und Designer gemeinsam in kurzer Zeit kreative technische Lösungen zu einem bestimmten Thema finden sollen, in diesem Fall: mehr körperliches Vergnügen für alle Geschlechter. Heraus kamen dabei beispielsweise die Ideen, Schlafsäcke zu kreieren, die einen Menschen umarmen können, oder feine Tentakel, die aus der Ferne gesteuert werden, um eine andere Person zu berühren. "Sexroboter können flauschig sein, pelzig, schleimig oder anderes. Sie können jede Form haben. Und sie müssen wirklich nicht aussehen wie eine Gummipuppe mit Riesenbrüsten", sagt Kate Devlin. "Aber die Technologie ist in Männerhand, und Männer designen für Männer." Jedenfalls noch.

Wer hier schreibt:

Sonja Niemann
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