Ist es okay, auch mal keinen Sex zu haben?

Alle sprechen über Sex - aber niemand darüber, wie es ist, keinen Sex zu haben. Unsere Autorin ist Single und wünscht sich mehr Offenheit.

Ich bin Single und habe keinen Sex. Das ist die Wahrheit. Allerdings traue ich mich nie, das auch zuzugeben. Verrückt, nicht? Es kommt mir so vor, als wäre keinen Sex zu haben ein größeres Tabu als Fesselspiele, Partnertausch oder Gruppensex.

Ich weiß natürlich, dass viel gelogen wird, wenn es um Sex geht. Aber der Gedanke nimmt mir trotzdem nicht den Druck. Sex fasziniert ja nicht, weil ihn jeder hat, sondern weil alle davon träumen. Ganz egal, wie oft er im wahren Leben passiert. Er gehört anscheinend zu einem guten Leben dazu. Er macht uns attraktiv, selbstbewusst, glücklich und zufrieden.

Ich gebe zu - ich sehe das genauso. Ich würde lieber heute als morgen wieder damit anfangen. Aber das Leben läuft nun mal nicht immer so wie man es gern hätte.

Vor Kurzem saß ich mit ein paar Single-Frauen zusammen und die Nachbarin einer Freundin, die ich bislang noch nicht kannte, erzählte von ihrer neuen Beziehung. "Vorher hatte ich fünf Monate keinen Sex. FÜNF Monate! Könnt ihr euch das vorstellen?" Ich grummelte innerlich. Ja, natürlich kann ich mir das vorstellen, weil ich das selber toppe. Aber die Blöße habe ich mir in der Runde nicht gegeben. Denn obwohl Singles statistisch gesehen am seltensten Sex haben, hält sich das Klischee hartnäckig, dass sie durch die Betten der Nation huschen.

Ich kann Sex und Gefühl trennen

Eine Zeit lang habe ich Sex ohne Verpflichtungen genossen. Nach meiner letzten langjährigen Beziehung wollte ich mich nicht gleich in die nächste stürzen. Also habe ich in lauen Sommernächten Männer in Bars kennengelernt, mich verabredet, auf Partys geknutscht, flüchtige Affären und One-Night-Stands gehabt. Die Zeit war super. Und mir kann keiner erzählen, dass Frauen Sex und Gefühle nicht trennen können. Ich habe mir genommen, was ich wollte und es war mir egal, ob sich die Männer meldeten oder nicht.

Ich finde Sex ohne Liebe nicht verwerflich, ich finde ihn nur gerade nicht mehr interessant. Ich möchte mich wieder verlieben. Ich möchte Herzklopfen haben, weil der Mann, den ich toll finde, den Raum betritt. Und mein Herz nicht nur spüren, weil ich kurz vorm Orgasmus stehe. Ich möchte wieder Sex haben, weil es ein wundervolles Gefühl ist und ich die andere Person ganz nah spüren kann. Ich will mich emotional fallen lassen, mich öffnen, geliebt und verletzt werden. Aber die Liebe lässt sich nicht erzwingen.

Bis die Liebe kommt, verzichte ich auf Sex mit einem Mann, aber nicht auf Orgasmen. In meiner Kommode im Schlafzimmer liegt eine schöne Auswahl an Vibratoren, die mir regelmäßig einen Höhepunkt verschaffen. Grundsätzlich würde ich zwar nicht ausschließen, dass mir am nächsten Wochenende ein Mann über den Weg läuft, den ich nur für die Nacht mit nach Hause nehme. Aber darauf arbeite ich nicht hin. Mir ist viel wichtiger, dass ich keinen Sex haben kann, ohne mich deshalb schlecht zu fühlen, denn mein Leben ist nicht schlecht. Es ist sogar wunderschön. Und wenn ich wieder eine Beziehung und Sex habe, ist es noch ein bisschen schöner.

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