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Über Sex reden So findest du die richtigen Worte

Über Sex reden: Mann und Frau sprechen auf dem Bett
© Halfdark / Getty Images
Nein, Sex ist längst kein Tabuthema mehr. Aber oft genug finden wir nicht die richtigen Worte, um miteinander drüber zu sprechen – weil es eben doch so intim ist. Aber zum Glück tut sich was.

Es gibt eine Menge Mythen zum Thema Sex, und wohl kaum eine hält sich so hartnäckig wie die Vorstellung, körperliche Liebe sei eine ganz natürliche Sache. Weil es um Bedürfnisse geht, Instinkte, Hormone – müsste es da nicht von selbst laufen, ohne Worte? Nach dieser Logik dürfte es allerdings auch keine Foodblogs und -magazine geben, auch Mode wäre kein Thema, ginge es nur darum, zu überleben und sich warm zu halten.

"Ja" kultivieren

Denn wir sind komplizierte Wesen: Gerade da, wo es zutiefst menschlich wird, hilft uns reden und ausprobieren, um zu finden, was uns schmeckt und zu uns passt. Ob in der Küche, vor dem Spiegel oder im Bett. Und wenn wir solo wissen, was wir wollen, können wir uns auch selbstbewusster auf einen Partner oder eine Partnerin einlassen.

Derzeit ist ein Klimawandel in Sachen Sex im Gange, ausnahmsweise zum Guten. Erstens: Die MeToo-Bewegung tritt in eine neue Phase ein. Anfangs ging es darum, eigene Grenzen nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu wahren. "Nein heißt Nein", das war eine überfällige Absage an all jene, die Frauen zum Objekt machten, durch Blicke, Sprüche, Berührungen. Aber in den letzten zwei, drei Jahren hat der Begriff "sexpositiv" Karriere gemacht, auf Social Media, in Podcasts und Buchtiteln: Nach so viel "Nein" lernen wir jetzt, das "Ja" zu kultivieren. Ein Ja zu sexueller Vielfalt und zum eigenen Begehren, das selbstbewusst macht und stark.

Sexualität kann Empowerment bedeuten, wenn sie uns nur schwach macht, wo wir gerne schwach werden wollen. Denn wenn wir wissen, was wir wollen, und es klar sagen können, übernehmen wir die Verantwortung für unsere Lust. Unabhängig davon, ob wir in einer Zweierbeziehung nach neuer Verbundenheit suchen, uns auf eine Person anderen Geschlechts einlassen, als wir es bisher kannten, oder uns zum Bonding-Wochenende anmelden. Authentisch sein ist das neue Sexsymbol.

Richtige Kommunikation schafft Nähe

Zweitens, als direkte Folge: das Comeback der Liebe. Nicht nur im Sinne von Hochzeit in Weiß, sondern in allen Facetten, von Selbstliebe bis zu einem wachsenden Bewusstsein dafür, dass das Gegenüber verletzlich ist. Das gilt für den langjährigen Partner genauso wie für die flüchtige Datingportal-Bekanntschaft. Man muss keinen gemeinsamen Bausparvertrag abschließen, um achtsam mit Gefühlen wie Lust oder Zurückweisung umzugehen. Und reden schafft Nähe, ob für einen Abend oder fürs ganze Leben. So lädt die Dating-App Tinder neuerdings zu "Swipe Nights" ein, bei denen man sich im Chat bei einem Krimi-Ratespiel kennenlernt. Das ist ein Schritt weg von jenem Körperkapitalismus, der Menschen einteilt in solche, die man in sein Bett einlädt, und solche, die man von der Bettkante stößt. In Zeiten von Diversity ist es ohnehin nicht mehr cool, wenn nur die dünnsten, blondesten und jüngsten Frauen das Recht haben auf Ekstase.

Das heißt natürlich nicht, dass jetzt alles gut ist und alle Probleme gelöst, schon gar nicht unsere Kommunikationsprobleme. Scham und Sprachlosigkeit lösen sich nicht von heute auf morgen auf, mancher Mann (und auch manche Frau) ist verunsichert über die neuen Spielregeln. Auch die Sichtbarkeit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt kann verwirren. Und ob sich Themen wie Sextoys oder Lustflaute fürs große Hinterhoffest eignen oder zu peinlich berührtem Schweigen führen, das kommt auf die Nachbar:innen an.

Verena Carl Brigitte

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