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Alles im Fluss: Umgang mit Transexualität des Kindes

Umgang mit Transexualität: Junge
© Sandra van der Steen / Shutterstock
Bi, hetero, lesbisch: Diese Themen sind unter Jugendlichen mittlerweile oft schon selbstverständlich. Wie aber geht man damit um, wenn das eigene, minderjährige Kind sagt, es würde lieber dem anderen Geschlecht angehören?

BRIGITTE: Das Liebesleben wird bunter und Buntheit normaler – das ist mein Eindruck, wenn ich meiner Teenagertochter zuhöre. In Castingshows werden Transgender-Models zu Stars, im Kino die schwulen Protagonisten. Ein echter Wandel?

DR. VIKTORIA MÄRKER: Es stimmt, in westlichen Gesellschaften gesteht man Jugendlichen heute deutlich mehr zu, sich auszuprobieren. Wenn man keine Diskriminierung mehr fürchten muss, kann man auch unvoreingenommener seinen Weg suchen. Und es hat sich noch etwas geändert: Begehren, Fantasien, auch gelebte Sexualität sind heute vielfach flexibler. Nicht nur in der Pubertät, sondern im Lauf des ganzen Lebens. Das gilt für Frauen und Mädchen noch mehr als für Männer und Jungen.

Sexuelle Orientierung ist ein Prozess, kein Zustand.

Wie das?

Es mag damit zu tun haben, dass weibliche Lust von der Gesellschaft als weniger bedrohlich wahrgenommen wird, oder schlicht als nicht so wichtig – schon als Homosexualität noch unter Strafe stand, betraf das ja nur die Männer. Mädchen und Frauen haben also mehr Freiräume, in sich hineinzuhorchen: Was passiert in meinem Leben, wie passt das zu meinen Fantasien und meiner Entwicklung – ob sie sich mit 13 in eine Mitschülerin verlieben, mit 40 ihren Mann für eine Frau verlassen, oder umgekehrt. Sexuelle Orientierung, sexuelles Begehren ist ein Prozess und kein Zustand, den ich mit einem Label versehen kann. Es ist aber gut möglich, dass Männer nachziehen. Auch ihre Rolle ist ja im Wandel, sie gestehen sich Schwäche zu, haben mehr Kontakt zu ihren weichen Seiten ...

Forscher*innen benutzen dafür auch den Begriff "sexuelle Fluidität" – aber gilt das nicht eher für bestimmte Großstadt- und Gesellschaftsblasen?

Klar gibt es Unterschiede – sehr religiöse Familien tun sich mit der Andersartigkeit ihrer Kinder schwerer als säkulare, die Bevölkerung auf dem Land meist schwerer als Eltern in liberalen Metropolen wie Hamburg oder Berlin. In Russland, wo ich herstamme, ist die Vorstellung weitverbreitet, Männer würden schwul, weil sie als Jugendliche von Älteren missbraucht worden wären. Aus Angst vor Diskriminierung verschweigen deshalb dort viele junge Menschen ihre wahren Gefühle, heiraten, gründen Familien, um den Schein zu wahren.

Was sicherlich für viel Leid sorgt. Kann es umgekehrt sein, dass Jugendliche in offeneren Milieus Teil der Regenbogen-Community sein möchten, weil es gerade "in" ist? Obwohl es nur eine vorübergehende Phase der Identitätssuche ist?

Nein, ich denke eher, die Sensibilität dafür ist einfach gewachsen. Auch wenn es immer noch viele Eltern gibt, die es schwer akzeptieren können, wenn ihr Kind nicht Mainstream ist. Vor allem wenn es um Transsexualität geht. Das ist ja auch eine andere Dimension: Wenn mein Kind sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt, dann muss ich auch damit leben, dass eine ganz grundlegende Annahme über diesen Menschen falsch war. Ja, in der praktischen Arbeit ist es sehr unterschiedlich, wie gut Mütter und Väter damit klarkommen – manche sind sehr unterstützend, andere tun sich schwer. Auch, weil es vielleicht eigene gegengeschlechtliche oder homosexuelle Anteile gibt, die sie stärker verdrängen und die sie verängstigen, wenn sie sich auf diese Weise damit konfrontiert sehen.

Wenn Kinder mit ihrem biologischem Geschlecht hadern: Was sollen Eltern am besten tun?

Neugierig bleiben. Nicht zu sehr nachbohren, aber Fragen stellen, zum Beispiel, wenn die Tochter lieber in der Jungsabteilung nach Kleidung sucht: Was gefällt dir daran, wie fühlst du dich, wenn du das trägst, was bedeutet das für dich? So lange es dem Kind gut geht, solange es sozial gut integriert ist, gibt es auch keinen Grund, zum Arzt zu gehen oder psychologische Beratung zu suchen. Auch Transsexualität ist ja heute kein Stigma mehr, seit 2019 wird es in der Diagnostik offiziell nicht mehr als Störung klassifiziert, sondern als Variante geschlechtlicher Entwicklung.

Aber irgendwann entsteht ja Leidensdruck, spätestens, wenn die Pubertät richtig einsetzt. Wie gehen Sie vor, wenn so ein Kind vor Ihnen sitzt und sagt: Ich bin im falschen Körper?

Zunächst stellen die Kolleg*innen der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine umfangreiche Diagnose, die wir dann an unserem Institut nochmals überprüfen. Wir begleiten die Jugendlichen mit psychotherapeutischen Gesprächen, helfen ihnen beim Outing gegenüber Eltern, Großeltern, Freunden. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Nur wenn wir ganz sicher sind, dass es sich um Transsexualität handelt, ziehen wir weitere Fachärzt*innen hinzu und beraten medizinische Maßnahmen – vor allem die Frage, ob man pubertätsstoppende Medikamente gibt. Denn das erleichtert weitere Schritte wie geschlechtsangleichende Operationen, die dann frühestens bei Volljährigkeit unternommen werden.

Ist das Standard überall in Deutschland?

Nein, es gibt unterschiedliche Ansätze. Die Diagnostik ist dieselbe, aber bei der Frage, ob man den Beginn der Pubertät hormonell hinauszögern oder die geschlechtliche Entwicklung ihren Lauf nehmen lassen sollte, sind sich die Fachleute uneinig. Die Forschungslage dazu ist uneinheitlich, viele Studienergebnisse sind umstritten.

Seit Anfang 2019 gibt es in Deutschland offiziell ein drittes Geschlecht. Hat das Menschen in diesem Prozess geholfen?

Ja, und es erleichtert auch unsere Arbeit. Wir und unsere Klient*innen werden jetzt nicht mehr gezwungen, in diesen Schubladen zu denken – männlich oder weiblich –, es eröffnet die Möglichkeit zu einer Identität jenseits dieser Kategorien. Das macht es einfacher, gemeinsam herauszufinden, womit der Mensch sich wohlfühlt. Manchen reicht es, einfach einen neuen Personalausweis mit der Geschlechtsangabe "divers" zu besitzen, andere belassen es bei einer Hormonbehandlung und merken: Ich bin in Ordnung, wie ich bin, ich brauche nicht das volle Programm samt OP. Von da an geht es meistens in anderen Lebensbereichen wieder aufwärts, Jugendliche haben beispielsweise neue Energie für Schule oder Ausbildung, weil sie sich nicht mehr ständig mit der Frage herumplagen: Wer bin ich und wo ordne ich mich ein?

Für homosexuelle und Transgender-Jugendliche gibt es heute mehr Rollenmodelle, in Filmen, Büchern, Mode, Showgeschäft. Welche Rolle spielt dabei das Netz, vor allem Social Media?

Eine große, vor allem positive. Ich beobachte immer wieder, wie wichtig digitale Peergroups sind: Menschen, die genau verstehen, was der oder die Jugendliche durchmacht, und die auf dem Weg manchmal schon ein paar Schritte weiter sind. Manche Eltern fürchten jedoch, das könnte einen schlechten Einfluss auf ihre Kinder haben, als wären solche Veranlagungen ansteckend.

Kinder sind empfänglich, aber auch resilient.

Im rechtspopulistischen Spektrum äußern sich Gruppierungen, wie die sogenannten "Besorgten Eltern", gegen angebliche "Frühsexualisierung" von Kindern. Was entgegnen Sie denen?

Mir macht es eher Sorgen, wenn Erwachsene ihre Kinder mit ihren Vorurteilen und Fantasien anstecken! Kinder sind empfänglich, aber die meisten sind auch resilient. Das Beste, was wir als Eltern tun können, ist zu vermitteln: Du bist gut so, wie du bist, und wir begleiten dich, so gut wir können.

Dr. Viktoria Märker ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet am Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie am Hamburger UKE, einer der führenden sexualwissenschaftlichen Einrichtungen Europas und die älteste ihrer Art in Deutschland. Zu Märkers täglichen Arbeit gehört auch die Beratung von Jugendlichen aus dem LGBTIQ-Spektrum und ihren Familien.

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BRIGITTE 05/2020

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