Warum schlechter Sex wichtig ist

Schlechter Sex und sexuelle Probleme gehören auch zu langen Beziehungen. Zum Glück, sagt der amerikanische Sexualtherapeut David Schnarch.

BRIGITTE: Sie haben alles, was wir über Liebe, Sex und eine lange, glückliche Partnerschaft zu wissen glaubten, auf den Kopf gestellt. Warum?

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David Schnarch: Weil es nicht richtig ist. Es ist vollkommen normal, dass normale, gesunde Paare in ihrer Beziehung ab einem bestimmten Punkt sexuelle Probleme bekommen.

BRIGITTE: Und dann?

David Schnarch: Nicht an der Beziehung arbeiten, sondern an sich selbst.

BRIGITTE: Da werden viele Paare sich bedanken.

David Schnarch: Richtig, das sehen die meisten Leute nicht ein. Sie haben ja kein Problem mit sich selbst, denken sie, sondern mit ihrem Partner. Das Letzte, was Leute wollen, ist, mit sich selbst konfrontiert zu werden.

BRIGITTE: Warum ist das so wichtig?

David Schnarch: Eine starke und eigenständige Persönlichkeit entsteht eben nicht dadurch, was andere von uns denken, sondern durch uns selbst, indem ich mich immer wieder mit mir selbst konfrontiere: Ist es richtig, was ich tue, oder ist es falsch? Ist es richtig, was ich denke, oder ist es falsch? Wer bin ich, und wie will ich leben? Das macht uns zu einer starken Persönlichkeit, erst dann können wir wirklich lieben, erst dann können wir guten Sex haben, erst dann sind wir wirklich zur Intimität fähig.

BRIGITTE: Was bedeutet das für Sex-Probleme, wenn zum Beispiel der Mann mehr Sex will als seine Partnerin?

David Schnarch: Er muss sich fragen, warum das so ist. Vielleicht will er damit andere Bedürfnisse befriedigen, das Bedürfnis nach Selbstbestätigung oder das nach Nähe. Das muss er sich eingestehen. Als Nächstes: Ist es einfacher für ihn zu sagen, dann hau doch ab? Oder ist es einfacher zu sagen, bleib doch? Oder will er, dass alles so bleibt, wie es ist, damit er sich an seiner Partnerin rächen kann? Soll sie sich schlecht fühlen, weil sie nicht oft genug mit ihm schläft?

BRIGITTE: Und wie ist das aus Sicht der Frau, die weniger Sex will?

<antwort name = "David Schnarch">Die kann sich fragen, ob der Unterschied in den sexuellen Interessen wirklich so groß ist oder ob es eher darum geht, dass er sie dominieren will und so tut, als würde ihr Körper ihm gehören? Warum reagiert sie auf dieses Gefühl mit Rückzug und Verweigerung? Sie könnte erkennen, dass ihr geringeres Interesse an Sex in Wirklichkeit kein geringeres Interesse an Sex ist, auch kein geringeres Interesse am Partner ist, sondern mit ihr selbst zu tun hat.</antwort>

BRIGITTE: Und was sollte sie Ihrer Meinung nach dann ihrem Liebsten sagen?

David Schnarch: Sie sollte nicht sagen: Ich bin zu müde. Sondern: Ich habe das Gefühl, dass du dir meiner zu sicher bist. Ich habe das Gefühl, du denkst, mein Körper gehört dir, und ich möchte keinen Sex mit dir haben, weil es für mich kein guter Sex ist. Zum Beispiel.

BRIGITTE: Harte Worte.

David Schnarch: Mutige Worte, es braucht eine Menge Selbstbewusstsein, sich hinzustellen und so etwas zu sagen. Die meisten Leute trauen sich das nicht, sondern fragen sich stattdessen: Wer bin ich denn, dass ich so was so deutlich sagen darf? Was, wenn ich ihn verletze, was, wenn er sauer auf mich ist, was, wenn wir nie wieder Sex haben werden? Und halten den Mund.

BRIGITTE: Also raus mit der Wahrheit. Gilt das auch für sexuelle Fantasien?

David Schnarch: Je langweiliger unser Sex-Leben ist, desto mehr fantasieren wir. Die entscheidende Frage ist: Will ich, dass mein Partner mich wirklich kennt? Es geht um Intimität. Die meisten Menschen denken, Intimität ist wundervoll, beruhigend. Das stimmt nicht. Wirkliche Intimität geht mit der Angst einher, ob mein Partner mögen wird, was ich ihm enthülle. Und darum geht es bei sexuellen Fantasien: Wie weit lasse ich meinen Partner wirklich in mich hineinsehen? Und: Wird er mögen, was er sieht? Die meisten Menschen werden sagen: Bist du wahnsinnig? Nie im Leben! Wir sind viel eher bereit, jemanden in unseren Körper zu lassen als in unsere Gedanken. Und unsere sexuellen Fantasien sind so individuell wie unser Fingerabdruck. Sie können Ihrem Partner vorwerfen, dass Sie diese oder jene Position beim Sex nicht mögen, aber Sie können ihm nicht vorwerfen, dass er Ihre sexuellen Fantasien nicht kennt oder teilt. Die meisten Menschen haben Angst: Wenn mich mein Partner wirklich kennt, kann er mich nicht mehr lieben. Es kann sinnvoll sein, über sexuelle Fantasien zu sprechen - weil ich damit diese Angst überwinden kann und wirkliche Intimität mit meinem Partner herstelle.

BRIGITTE: Sind Paare damit nicht überfordert? Die meisten haben doch schon Schwierigkeiten zu sagen, wie sie gern angefasst werden möchten...

David Schnarch: Völlig richtig. Die meisten Menschen finden es schwer, mit ihrem Partner überhaupt über Sex zu sprechen. Wenn Paare aber sexuelle Probleme bekommen und sich ihnen stellen, werden sie sich bewusst, wie paradox das eigentlich ist: das Leben, das Bankkonto und alle Probleme zu teilen, aber ausgerechnet über Sex nicht zu sprechen.

BRIGITTE: Zu Ihnen kommen Paare, die seit Jahren keinen Sex mehr hatten. Männer, die seit ihrer Pubertät unter vorzeitigem Samenerguss leiden, Frauen, die in ihrem Leben noch keinen Orgasmus hatten. Nach maximal vier Tagen reisen diese Paare wieder heim und sagen: Diese Therapie hat unser Leben verändert. Was machen Sie mit den Menschen?

David Schnarch: Ich will es an einem Beispiel erklären: Ein Paar kam zu mir. Beide stammten aus eher unguten Verhältnissen, sie waren beide mit 15 von zu Hause abgehauen und früh zusammengekommen. Sie hatten keine sexuellen Erfahrungen als miteinander. Ihr Sex war über die Jahre so stagniert, dass sie es mit ihm nur noch ertrug, wenn sie sich schlafend stellte. Und er tolerierte das. Während der Therapie gestand er ihr, dass er während einer Dienstreise zu einer Prostituierten gegangen ist. Das war für beide der Beginn einer neuen Beziehung.

BRIGITTE: Hört sich eher nach dem Ende an. Wie hat seine Frau reagiert?

David Schnarch: Sie musste sich an ihren Schwur erinnern und sich entscheiden: Muss ich zu diesem Schwur stehen, oder kann ich selbst entscheiden, was ich tun will? Sie hat sich schließlich für die Beziehung entschieden, weil sie begriff, wie wichtig ihrem Mann die Beziehung war.

BRIGITTE: Das hört sich aber riskant an.

<antwort name = "David Schnarch">Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Sie können Ihre Beziehung auch beenden, die nächste beginnen und auch hier wieder in der Stagnation landen. Oder Sie lassen alles so, wie es ist: kein Sex, schlechter Sex, Vorwürfe, Gegenvorwürfe. Oder, die beste Möglichkeit, Sie beschließen, etwas zu ändern. Fragen Sie sich, wer Sie sind und was Sie wirklich wollen. Überwinden Sie Ihre Angst und sagen Sie es Ihrem Partner. Und vor allem: Halten Sie den Konflikt aus. Und den nächsten und den danach. Jeden. Daran werden Sie wachsen und eine wirkliche Intimität zu Ihrem Partner bekommen.</antwort>

BRIGITTE: Und der Sex?

David Schnarch: Sie werden den Sex Ihres Lebens haben.

BRIGITTE: Ehrlich?

David Schnarch: Ehrlich. Und wissen Sie was?

BRIGITTE: Was?

David Schnarch: Er wird immer besser, je älter Sie werden.

Buchtipp

David Schnarch: "Die Psychologie sexueller Leidenschaft", Klett-Cotta, 511 S., 29,50 Euro

Interview: Mark Kuntz Fotos: Odilie Hain BRIGITTE Heft 19/2006
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