Was will der Mann?

Brigitte-Psychologe Oskar Holzberg über die geheimnisvolle Welt der männlichen Sexualität ...

Sexualität spielt sich nicht zwischen den Beinen ab, sondern im Kopf. Unser wichtigstes Sexualorgan ist das Gehirn. Aber Frauen fragen sich manchmal, ob diese eindeutige wissenschaftliche Erkenntnis auch für Männer gilt. Oder ob Männer es nicht doch im Lauf der Evolution irgendwie geschafft haben, mit ihrem Penis eine Art primitiver Programmiersprache zu entwickeln. Wenn die Hormonlanze nach oben zeigt, heißt es unabhängig von irgendwelchen weiteren Erwägungen: "Sex". Und wenn der Liebespfeil nach unten baumelt: "Kein Sex. Lass mich bitte in Ruhe". Dieses System scheint kaum mit der Außenwelt verbunden zu sein und ganz für sich zu existieren.

Generell scheinen für Männer Beziehungen und Sexualität nicht allzu viel miteinander zu tun zu haben. Sie gehen gern fremd. Sie horten Pornos in der Schublade, im Video-Archiv und auf der Festplatte ihres Computers, in denen Menschen beziehungslos stundenlang miteinander rammeln. Sie überziehen ihr Konto für anonymen Telefonsex, käufliche Liebe und die Hiebe einer Domina. Und wie sich Sigmund Freud einst ratlos fragte: "Was will die Frau?", so fragen sich heute Frauen: "Was will der Mann?"

Denn Frauen kennen auch den ganz anderen Mann, der treu liebt, der Sexualität mit Hand, Mund und Herz und nicht nur mit seinem Lieblingsorgan lebt. Der sich in stundenlangem erotischem Spiel hingibt und nicht nach drei Minuten die Ziellinie im Orgasmus-Rennen überquert, um noch im Zielraum nach der TV-Fernbedienung zu greifen. Den Mann, der Zärtlichkeiten liebt und auch Berührungen genießt, die ihn nicht schärfer machen.

Glücklicherweise wird Sexualität von weitaus mehr als nur von Hormoncocktails und Nervenzellen bestimmt. Menschen wollen sich fortpflanzen. Aber wie sie sich dabei verhalten, wovor sie sich fürchten, ob unrasierte Achselhöhlen oder Beine sie impotent machen und ob sie glauben, der gleichzeitige Orgasmus sei das Maß aller Dinge, ist abhängig von der Kultur, in der sie leben. Und von dem, was sie über Sexualität und ihre Rolle als Mann oder Frau gelernt haben. So etwas wie eine naturgegebene, reine Sexualität existiert nicht.

Männliche Sexualität ist genauso wenig ein instinktives Verhalten wie Sportschaugucken. Sie ist vielmehr eine gelernte Verbindung zwischen körperlichem Erleben und den Vorstellungen von der männlichen sexuellen Rolle. Und die orientiert sich zwar nicht mehr an Rambo, aber auch noch nicht an Woody Allen. Warmduscher und Frauenversteher sind immer noch in Verruf. Und Coolness, Leistungsstärke, Effektivität und Vernunft machen noch immer den Mann aus. Der, um die Kontrolle zu behalten und rational handeln zu können, Nähe weiter meidet.

Innerhalb des Spektrums sexuellen Erlebens, zwischen Masturbation mit der Gummipuppe und erotischer Verschmelzung mit der großen Liebe, sind dem Mann also die unpersönlichen und grenzüberschreitenden Aspekte zugänglicher. Aber der Mann ist dadurch nicht unwiderruflich festgeschrieben. Er hat gelernt, Windeln zu wechseln. Er kann auch über seine Gefühle sprechen und in der Sexualität Begegnung leben. Männer lernen das bereits und erleben, dass es ihnen gut tut. Aber das geschieht nicht am Kneipentresen, sondern in der intimen Beziehung. Sie erfahren, wie tief liebevolle Sexualität sie berührt. Sie lernen. Aber sie sind noch auf Entdeckungsreise. Denn Sexualität sprengt die Grenzen jeder Beziehung, lässt sich auch für Frauen in der größten Liebe niemals völlig ausleben.

Unsere Sexualität verändert sich, Männer und Frauen erweitern und verändern ihre Rollen. Das ist ein langsamer Prozess. Sie entdecken mehr für sich, voneinander und miteinander. Frauen bringen die Nähe mit und die Männer die Freude am Kick. Das könnte doch vielleicht gut werden ...

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