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Beziehung mit einem "Manchild" Das Kind im Mann zerstört die Libido der Frau – und ist unser aller Problem

Kind im Mann: Frau sitzt auf Bettkante
Das "Kind im Mann" ist alles andere als sexy – auf mehreren Ebenen.
© Kenstocker / Adobe Stock
Wenn die Frau sich um den Partner kümmern muss wie um ihr eigenes Kind, bedeutet das am Ende eine Beziehungskrise für uns alle. Was diese Abhängigkeitsbeziehung mit Heteronormativität und Geschlechterrollen zu tun hat.

Herumliegende Socken, dreckiges Geschirr, das sich schon zu Türmen stapelt, zu laute Musik und Videospiele bis in die frühen Morgenstunden – Alltag für viele Frauen, die ein Kind im Haus haben. Nur dass dieses Kind nicht wie eins aussieht: Es ist oftmals behaart, hat einen 40-Stunden-Job und darf meist schon seit vielen, vielen Jahren wählen gehen. Die Rede ist vom "Kind im Mann" (eine recht freie Übersetzung des englischen Begriffs "Manchild") – und jenen Frauen, die mit solch einer Person jeden Tag ihres Lebens zusammenleben. 

Sie kümmern sich um den Haushalt, kochen, waschen, räumen auf, haben alle möglichen To-Do-Listen von sich und dem Partner im Kopf, sind die emotionale Stütze der Familie, haben zumeist noch einen eigenen Job und Alltag zu stemmen und in manchen Fällen obendrauf noch ein "richtiges" Kind, das großgezogen werden muss – unter Umständen auch ohne die Mithilfe des Partners.

Eine Studie hat herausgefunden, was so eine Art von Beziehung mit der Libido der Frau macht, und man darf wohl vorwegnehmen, dass es sich nicht positiv auswirkt. Doch das Problem selbst ist tiefergehender – und betrifft nicht nur rein heteronormative Mann-Frau-Kind-Konstellationen.

Das "Mamasöhnchen" ist unsexy für die Frau

In der Studie wurden über 1.000 Frauen auf der ganzen Welt befragt, die sich in einer Beziehung mit einem Mann befanden und Kinder unter zwölf Jahren hatten. Das Ergebnis: Es gibt einen möglichen Zusammenhang zwischen einer wahrgenommenen Abhängigkeit und dem sexuellen Verlangen. Wenn Frauen mehr Haushaltsaufgaben übernehmen als ihr Mann, war die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie ihren Partner als abhängig wahrnehmen. Und wenn die Frau ihren Mann als von ihr abhängig wahrnimmt, hat das eine negative Auswirkung auf ihre sexuelle Lust gegenüber dieser Person.

Kannst du vielleicht auf das Kind aufpassen? Das kannst du so viel besser.

Die Forscher:innen nennen noch andere mögliche Erklärungen: Es könnte beispielsweise sein, dass Frauen ihre Partner grundsätzlich als abhängig wahrnehmen und aus diesem Grund mehr im Haushalt tun – hierbei kommt der Begriff "strategische Inkompetenz" in den Sinn, der 2007 vom "Wallstreet Journal" etabliert wurde. Der Begriff meint, dass jemand eine unliebsame Aufgabe auf eine andere Person abwälzt, zum Beispiel mit den Worten "Kannst du vielleicht auf das Kind aufpassen? Das kannst du so viel besser" oder "Magst du das Regal aufbauen? Ich bin da nicht so geschickt drin."

Es könnte sich allerdings auch andersherum verhalten: Wenn die Frau ein geringes sexuelles Verlangen für ihren Partner hat, könnte dies auch ihren Blick verzerren und ihn in ihren Augen als abhängiger wirken lassen, als er vielleicht ist. 

Ist das "Kind im Mann" ein Problem von Heterosexuellen?

Kind im Mann: Frau sitzt im Flur
Ist eine Abhängigkeitsbeziehung nur das Problem von Heterosexuellen?
© kenchiro168 / Adobe Stock

Die Frage ist auch, ob es sich beim "Kind im Mann" nur um ein Problem handelt, dass Frauen und Männer in heterosexuellen Beziehungen haben. Eine Meta-Studie untersuchte wissenschaftliche Arbeiten über die Aufteilung von Haushaltsaufgaben bei lesbischen Paaren. Demnach teilen lesbische Paare die Arbeit im Haushalt gleichmäßiger auf und würden sich häufig dafür entscheiden, die "traditionelle geschlechtsspezifische Aufteilung" der Hausarbeit zugunsten von anderen Faktoren aufzugeben, wie den eigenen Fähigkeiten.

Am Ende kann jede:r das Kind in einer Beziehung sein – sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität sind nebensächlich

Wie es sich in Beziehungen von schwulen Männern oder anderen queeren Person mit verschiedenen Geschlechtsidentitäten verhält, ist aktuell noch nicht näher untersucht. Im Interview mit "Vice" spricht Psychotherapeutin Jordan Dixon auch lieber von "erwachsenen Kindern" als vom "Kind im Mann", schließlich könne jede:r das Kind in einer Beziehung sein, unabhängig von sexueller Orientierung und Identität.

Allerdings sehe sie diese Dynamik tendenziell eher in Beziehungen mit heteronormativen Gendervorstellungen. So würden Männer unter sozialem Druck stehen, sich Geschlechterstereotypen anzupassen – und historisch gesehen würden diese eben keine Haushalts- und Erziehungsarbeit beinhalten. 

Der "Gender Care Gap": Die Frau, das fürsorgliche Wesen – ob sie will oder nicht

Auch die Frau kennt sich mit Geschlechterstereotypen und Erwartungshaltungen aus. Eine von vielen: Die Frau hat sich zu kümmern. Ob Kindererziehung, die Pflege von Angehörigen, die Hausarbeit oder ehrenamtliche Tätigkeiten: Wie der Zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung 2019 feststellte, verbringen Frauen im Durchschnitt 52,4 Prozent mehr Zeit mit unbezahlter Sorgearbeit als Männer. Der sogenannte "Gender Care Gap" bedeutet demnach für eine Frau pro Tag im Durchschnitt vier Stunden und 13 Minuten unbezahlte Sorgearbeit. Männer leisten pro Tag im Schnitt zwei Stunden und 46 Minuten.

Nur jede dritte Frau arbeitet in Vollzeit

Wer nun nachrechnet, kommt schnell zu dem Ergebnis, dass der Frau vom Tag nicht mehr viel Zeit für andere Dinge bleibt – vor allem nicht für bezahlte Arbeit, was wohl mit ein Grund dafür ist, dass Männer im Jahr 2019 zu 93,6 Prozent Vollzeit gearbeitet haben – Frauen hingegen nur zu 33,8 Prozent

Der Gleichstellungsbericht und die Vollzeitquoten sind beide aus 2019 – die Corona-Pandemie hat die Situation für Frauen nicht verbessert, eher im Gegenteil. Der Anteil der Paare, in denen die Frau das Kind nahezu allein betreut hat, verdoppelte sich 2020 im ersten Lockdown, wie aus einem Bericht vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin hervorgeht, auf 16 Prozent.

Die Frau, die ausbrennt: Wie können wir das verhindern?

Es ist zu einfach und nicht fair, dem erwachsenen Kind in der Beziehung die reine "Schuld" zuzuweisen – genauso wenig zielführend ist es, der Frau die alleinige Verantwortung für ihre Situation zu geben. Ob wir nun in einer heterosexuellen oder queeren Beziehung sind: Niemand von uns führt ein Leben in einer Blase, wir alle sind umgeben von heteronormativen Denkmustern: in den Medien, in der Gesellschaft, in unserem sozialen Umfeld.

Und wir alle sind letztlich Opfer von Gender-Stereotypen und den damit einhergehenden Zwängen und vermeintlichen Grenzen. Es liegt an jeder einzelnen Person, genau das kritisch zu hinterfragen:

  • Warum übernehme ich die Rolle des Elternteils gegenüber meinem:meiner Partner:in?
  • Warum verlasse ich mich bei bestimmten Themen/Aufgaben so sehr auf die andere Person in meiner Beziehung? Wie könnte ich mehr Eigenverantwortung übernehmen in Bezug auf unser gemeinsames soziales Umfeld, den Haushalt, die Kindererziehung?

"Das Kind im Mann" ist ein Problem von uns allen – nicht nur von heterosexuellen Paarbeziehungen. Wir müssen uns alle darüber klar werden, dass die Grenzen, die wir uns setzen und die Aufgaben, die wir uns auferlegen, in unserer Macht stehen und nicht etwa von der Gesellschaft bestimmt werden, die uns umgibt.

Verwendete Quellen: theconversation.com, vice.com, tandfonline.com, link.springer.com, bmfsfj.de, diw.de, de.statista.com

Brigitte

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