Yagmur über ihre Homosexualität

Ein Auszug aus "So ist das, meine Schöne". Yagmur ist 27 Jahre alt und Soziologin.

Die Frage zu meiner Homosexualität, die mich am meisten aufregt, ist diese: "Bist du dir sicher?" Ja, bist du dir sicher, daß du heterosexuell bist ? Letztens haben zwei meiner homosexuellen Freunde diskutiert, warum wir denn homosexuell sind. Ich glaube nicht, daß es dafür einen Grund gibt, ich habe das einfach in mir, der Unterschied ist, wann und wie es sich bei den einzelnen herausstellt.

Orgasmus-Garantie

Die Geschichte zu meiner Sexualität liegt schon eine Weile zurück. Im Kindergarten hat mich meine Mutter dabei erwischt, wie ich mich berührt habe. Sie ist in große Panik verfallen. Einmal habe ich es auch mitten im Klassenzimmer ganz öffentlich gemacht. Sie waren der Meinung, daß das ein bisschen viel war und brachten mich zu einem Psychologen. Ich erinnere mich mehr schlecht als recht daran. Der Psychologe hat mich bedroht: "Wenn du nicht damit aufhörst, ziehen wir dir eine Unterhose aus Plastik an, dann kannst du dich gar nicht mehr anfassen." Das ist mein Alptraum geworden. Aber natürlich habe ich damit weitergemacht, ich hatte nur begriffen, daß man es nicht öffentlich machen durfte.

Mit einer gleichaltrigen Freundin haben wir Dinge gemacht, die man Erkundungen nennen kann. Ich habe ihre Bluse aufgeknöpft, ihre Brüste angefasst. Im Magazin Kelebek erschienen erotische Fotoromane, sich küssende Pärchen und so. Mit einer Freundin haben wir die gern nachgeahmt. Weil wir neugierig waren, wie es funktioniert, was man dabei fühlt, haben wir uns geküßt. Wir haben uns gestreichelt. Dann haben wir festgestellt: "Da passiert ja gar nichts." Ich war nicht besonders an einem Freund interessiert. In der Mittelschule haben sie immer gesagt : "Warum hast du keinen Freund, guck mal, der sieht doch gut aus". Als ich auf dem Gymnasium war, hatte drei Freunde, und jede Beziehung hat jeweils höchstens ein, zwei Wochen gedauert. Mein erster Freund hatte mich gefragt: "Darf ich dich küssen?" und ich habe geantwortet: "Na gut, aber mach es kurz."

Neben der Schule bin ich zur Prüfungsvorbereitung ins Dershane gegangen, dort haben alle immer über dieses Themen gesprochen, über die Beziehungen zwischen Mädchen und Jungs. Es gab auch Jungs, die mir gefallen haben, aber dann ist auf einmal etwas anderes passiert. Ich hatte eine Klassenkameradin. Ich habe sie mit der Zeit immer mehr bewundert. Am Anfang habe ich nur gedacht: "Ein tolles Mädchen, sie sieht so erhaben aus." Aber ich habe sie die ganze Zeit beobachtet, im Unterricht und so. Wenn ich sie gesehen habe, hat mein Herz angefangen schneller zu schlagen. Ich habe übers ganze Gesicht gegrinst. Ich bin nur noch wegen ihr ins Dershane gegangen. Ich habe mich gefragt: "Was passiert hier?" Solche Gefühle hätte ich für einen Mann entwickeln müssen, aber ich hatte noch nie ähnliches für einen Mann gefühlt. Es war auch nicht mehr nur Bewunderung, meine Gefühle gingen weit darüber hinaus. Ich war richtig verknallt.

Ich frage mich, ob ich Punkt, Punkt, Punkt bin

Ich habe mich die ganze Zeit selbst hinterfragt, es war die reinste Folter. Ich habe jede Nacht im Bett geweint und mich gefragt : "Wie ist das denn passiert? Wie ist das bloß passiert?" Ich war wütend auf mich selbst. Weil ich damals mit niemandem reden konnte, habe ich ein Tagebuch geschrieben. Aber das habe ich nicht hineinschreiben können. Ich habe es so geschrieben: "Ich frage mich, ob ich Punkt, Punkt, Punkt bin." Schließlich habe ich allen meinen Mut zusammengenommen und habe mir gesagt: "Ich muß 'ja' schreiben." Und ich habe das geschrieben. Ich habe eine gute Freundin angerufen und gesagt: "Ich werde dir etwas vorlesen, aber bitte höre zu, ohne mich zu verurteilen oder etwas zu fragen." Ich habe ihr mein Tagebuch vorgelesen. Beim Lesen habe ich geweint. Schließlich hat mich meine Freundin angeschrien: "Bist du bescheuert, heulst du etwa deswegen? Ich habe schon gedacht, es sei etwas passiert. Was soll denn sein, du bist entweder lesbisch oder bisexuell. Meine Güte, hast du denn gedacht, daß du das rausfindest, indem du nur darüber nachdenkst? Warte einfach ab, was passiert." Ich war schockiert, das hatte ich wirklich nicht erwartet. Als sie anfing mich anzuschreien, bekam ich erst Angst, aber dann war ich überrascht über das, was ich zu hören bekam. Das hat mir auf eine Art richtig gut getan. Sie war die einzige, der ich es erzählt habe. Warte einfach ab, was passiert, hatte sie gesagt, das erschien mir sehr einfach.

Ich habe mich dem Mädchen aus dem Dershane nie offenbart. Mit der Zeit war ich nicht mehr so verliebt. Ich habe abgewartet, was passiert, aber ich habe auch aufgehört, mich selbst zu hinterfragen. Ich kann sogar sagen, daß das zu meiner Lebensphilosophie geworden ist. Ein wenig um eine Reaktion von den Leuten zu bekommen, und ein wenig um mich ein bisschen zu entspannen. Im ersten Jahr auf der Uni hatte ich einen Freund. Er hat gesagt, daß ich ihm gefalle. Das erste, was ich zu ihm gesagt habe, war: "Es kann sein, daß ich bisexuell bin." Er hat mir gesagt: "Okay, das ist kein Problem für mich." Das ging so einen, oder anderthalb Monate. Aber in einer Nacht, in der wir uns nähergekommen sind, habe ich ihn mir als eine Frau vorgstellt. Ich wollte, daß er sofort aufhört, und habe mich von ihm getrennt. Das hat mich gleichzeitig glücklich gemacht und gleichzeitig habe ich mich gefragt: "Was ist denn jetzt?" Ich habe angefangen zu denken: "Kann es vielleicht sein, daß ich mehr zu einer Seite neige?"

Ich habe Soziologie studiert. [...] Ich bin zu Kaos GL gegangen, sie haben mir von " Sappho'nun Kizlari / Sapphos Mädchen " erzählt, einer Gruppe lesbischer Feministinnen. Mit deren Unterstützung ist es eine sehr gute Studie geworden.

Und für mich hatte eine Zeit begonnen, in der ich Frieden mit mir selbst schloß. In jener Zeit habe ich mich in eine Frau verliebt, die ich kennengelernt hatte und gleichzeitig erlebte ich meine erste Liebesbeziehung. Ich merkte, daß ich mich endlich gefunden hatte. Ich hatte immer gesagt: "Den Männern fehlt irgendetwas." Später habe ich verstanden, daß ihnen nichts fehlte, sondern daß es einfach das falsche Geschlecht war, für mich waren Frauen das richtige. Wenn man das erkennt, will man es anfangs überall herumerzählen: "Ich bin lesbisch." Ich hatte wirklich das Gefühl, mich endlich selbst entdeckt zu haben und war wütend auf mich selbst, daß ich das nicht eher erkannt hatte.

"So ist das, meine Schöne": Artikel zum Buch lesen

Ein Auszug aus "So ist das meine Schöne" Orlanda-Verlag 12,90 Euro Erscheinungstermin: Ende März

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