Wie "61MinutenSex" aufklärt

Blasen, fingern, lecken - sagt man nicht? Die beiden tun's. Auf dem YouTube-Kanal "61MinutenSex" erklären Jan und Gianna, was es mit dem Liebesspiel auf sich hat - und revolutionieren nebenbei die Aufklärung.

Jan und Gianna klären auf - im Internet

Alles begann auf einem Sofa in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Zwischen Scheinwerfern, Kabeln und Mikrofon spricht der Sexualpädagoge Jan Winter über Oralsex bei Frauen und macht daraus ein Video für YouTube, das sich keine 50 Leute anschauen.

Drei Jahre später sieht Jan Winters Welt schon anders aus. Mit der Studentin Gianna Chanel an seiner Seite dreht er in einem Studio rund drei Videos pro Woche. Die beiden diskutieren vor der Kamera, ob man Sperma schlucken sollte, zeigen an einem Holzgriff, wie man ein Kondom überzieht, geben Tipps, wie man die Freundin befriedigt - und erreichen damit Millionen Teenager und Erwachsene. Ihr Erfolgsrezept: ein ernsthafter Dialog mit den Zuschauern, fundierte Kenntnisse und ungezwungene Gespräche. Im Interview sprechen die beiden über Unsicherheiten beim Sex, die Tücken von YouTube und die Zukunft der Aufklärung.

BRIGITTE: Im Internet gibt es jede Menge Sex - was habt ihr zu bieten, was die anderen nicht haben?

Gianna: Seriosität und Anonymität. Die Zuschauer stellen uns Fragen, die sehr viele Menschen interessieren, und bleiben dabei unerkannt. Und wir liefern konkretes Wissen, keine visualisierte Sexualität, so wie viele andere. Und das Wissen kann man direkt in die Praxis umsetzen.

Jan: Dabei gehen wir trotzdem sehr persönlich auf die Zuschauer ein. Es bringt ja nichts, fachlich korrekte Antworten zu geben, mit denen der Zuschauer nichts anfangen kann. Es geht darum, bei der Lösung von sexuellen Problemen Unterstützung zu bieten.

Entstehen eure Ideen für die Videos aus dem Kontakt mit den Zuschauern?

Jan: Mittlerweile ausschließlich. Anfangs haben wir noch selbst Ideen entwickelt. Mit der Zeit wurde aber die Interaktion mit den Zuschauern so gut, dass wir nur noch filtern, welche Themen besonders gefragt sind. Daran orientieren wir uns und entwickeln die Inhalte der Videos teilweise mit den Zuschauern zusammen. Wir haken nach, was sie wirklich interessiert. Denn es ist nicht sinnvoll, jemanden wahllos mit Informationen zu überhäufen. Die Inhalte sollen sich danach richten, was die Zuschauer ganz genau wissen wollen.

Wen wollt ihr mit euren Videos erreichen?

Gianna: Natürlich war die Idee, Jugendliche anzusprechen. Aber es sind wirklich Leute jeden Alters und jeden Geschlechts, die wir mit unserem Kanal erreichen.

Jan: Wir haben überlegt, dass wir die Jugendlichen erst mal in den Fokus stellen und damit die Basis legen. Aber wir wollen trotzdem die sexuell erfahreneneren Menschen nicht ausschließen.

Jan und Gianna erklären auf YouTube den Orgasmus bei Frauen

Welche Fragen stellen Erwachsene?

Jan:Sie fragen zum Beispiel, wie sie mehr Abwechslung in ihr Liebesleben bringen können. Damit der Sex wieder vergleichbar wird mit jenem, den sie anfangs hatten. Mittlerweile haben wir viele Zuschauer zwischen 45 und 60. Es sind auch über 70-Jährige dabei. Offenbar wissen viele selbst im Erwachsenenalter nicht, an wen sie sich sonst wenden können.

Manchen Eltern ist es unangenehm, ihre Kinder aufzuklären. Übernehmt ihr das jetzt?

Gianna: Teilweise. In meiner Jugend hatte ich Hemmungen, meine Eltern auf verschiedene Dinge anzusprechen. Das war ja peinlich. Ich hätte mir damals solch einen Kanal gewünscht, wie wir ihn jetzt aufgebaut haben.

Jan: Gefahrenprävention beim Sex und Körperaufklärung sind Themen, die viele Eltern noch kommunizieren können. Doch über Lust zu sprechen - Lust empfinden, beeinflussen und steigern - fällt selbst offenen Menschen häufig schwer. Darum fühlen sich die Zuschauer bei uns wohl. Sie merken, dass es auch um ihre Lust geht.

Brauchen Jugendliche heute eine bessere Aufklärung?

Gianna: Sie werden heute mehr denn je mit dem Thema Sex konfrontiert. Es wird in allen Medien gezeigt, alles ist sexualisiert. Dahinter fehlt aber die Aufklärung. Daher ist sie schon sehr wichtig.

Gibt es Dinge, die Jugendliche noch nicht wissen müssen?

Jan: Informationen zum Sex helfen den Jugendlichen zu verarbeiten, was sie im Fernsehen, im Internet oder in der Werbung sehen. Informationen zurückzuhalten oder zu tabuisieren führt eher dazu, dass das Interesse daran wächst. Das versuchen wir bei allen Themen zu berücksichtigen, indem wir offen bleiben für alle Fragen. Ein Beispiel: Vor einiger Zeit fragten uns viele Zuschauer, was man tut, wenn der Schließmuskel reißt. Wir wunderten uns, woher dieses geballte Interesse kam, und hakten nach. Heraus kam, dass ein anderer YouTuber von einem Schließmuskelriss erzählte. Er ließ die Zuschauer zurück mit der Frage, was das eigentlich ist. Wie häufig passiert das? Was mache ich dann? Wir haben diese Fragen beantwortet. Danach war das Thema erledigt.

"61MinutenSex" geben Mädchen und Frauen Tipps zur Selbstbefriedigung

In euren Videos sprecht ihr vom Fingern und Sperma schlucken. Fällt es euch manchmal schwer, ernst zu bleiben?

Jan: Natürlich machen wir auch mal Späße. Aber es geht uns immer darum, die Zuschauer ernst zu nehmen - was nicht bedeutet, dass man keinen Spaß haben kann. Im Gegenteil.

Gianna: Bei den ersten Videos war ich noch gehemmt, die Dinge so offen auszusprechen. Aber das gibt sich mit der Zeit. Jetzt ist es ganz normal.

Wie sehen eure Zukunftspläne aus?

Gianna: "61MinutenSex" war ja eigentlich als Buchtitel gedacht. Dafür brauchten wir aber erst mal Publikum und das haben wir jetzt. Wir planen Bücher für unterschiedliche Zielgruppen, für unsere jungen Zuschauer und die etwas älteren, für Frauen und Männer.

Jan: Wir planen auch ein Buch über Sex mit außergewöhnlichen Praktiken und Techniken, zu Fetischen vielleicht, und Sex bei Beeinträchtigungen jeglicher Art. Es gibt allerdings noch ein paar Dinge, die wir vorher erledigen wollen - zum Beispiel das Forum, das gerade aufgebaut wird. Dort können sich unsere Zuschauer besser austauschen. Die Erfahrenen geben den jüngeren Tipps und wir moderieren.

Interview: Luisa Köneke
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