Ungeküsst: Das Leben der Ewig-Singles

Sie sind über 30, ungeküsst, sie hatten noch nie Sex, obwohl sie sich das wünschen - doch gleichzeitig ist der Sex ihre größte Angst. Zwei Frauen erzählen.

Am Anfang hielt sie die Not noch für eine Tugend. Sie sagte sich, sie spare sich für den Richtigen auf. Doch dann wendete sich die Zeit gegen sie. Irgendwann war Sabine über 30 und noch immer Jungfrau.

Sie sitzt in Jeans und engem T-Shirt auf der Terrasse der Pforzheimer Werkstatt für Behinderte, in der sie als Heilpädagogin arbeitet. Die schwarzen Locken, durch die graue Strähnen schimmern, hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, sie trägt eine rahmenlose Brille und einen silbernen Nasenstecker, der ihrem Gesicht etwas Jugendliches gibt. Sie ist nervös, spielt mit den Ringen an ihrer rechten Hand, lächelt wenig.

Sabine ist jetzt 43. Sie sagt, dass mit jedem weiteren Jahr des Alleinseins die Selbstzweifel stärker an ihr nagen. Dass sie manchmal überlegt, ob sie noch normal ist. "Ich wünsche mir, morgens neben einem Mann aufzuwachen, den ich liebe, vertraue, kenne", sagt sie. "Andererseits spüre ich diese Hoffnungslosigkeit, dass es für mich schon zu spät ist."

Johanna, 30, hat mit Männern keine Probleme - solange es um harmlose Freundschaften geht. Aber sobald mehr dahinter stecken könnte, rauben ihre Zweifel ihr das Selbstbewusstsein: "Warum gerade ich? Was will der?" Dass ein Mann ehrliches Interesse an ihr haben könnte, kann sich die Philologin kaum vorstellen; dabei hat sie bisher keine schlechte Erfahrung gemacht. Aber auch keine gute. Sie hält sich für unattraktiv, übergewichtig und viel zu ruhig - zu wenig interessant für einen Mann. Wer sie angesichts dieser Selbsteinschätzung am Tisch in einer Paderborner Brasserie sitzen sieht, reibt sich die Augen: lange dunkle Haare, Porzellanteint, feine Gesichtszüge, warme grün-braune Augen und eine weibliche Figur. Sie spricht leise, immer wieder huscht ihr Blick zu den Nachbartischen, als hätte sie Angst, jemand könnte dort mithören. Dabei sei ihr Dasein als ewiger Single eigentlich ein offenes Geheimnis für alle, sagt sie.

"Mit jedem Jahr, das ich allein bin, steigen meine Selbstzweifel"

Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Menschen mit über 30 noch ohne Beziehungserfahrung sind. Niemand redet gern darüber. Ohne sexuelle Erfahrungen zu sein ist ein riesiges Tabu. Fast immer sind die Gründe biografisch, sagt der Frankfurter Arzt und Sexualforscher Volkmar Sigusch: "Wenn Sexualität in der Familie tabuisiert wird und eine gewisse Erotisierung in der Kindheit nicht möglich war, bleibt den Frauen der Zugang dazu verschlossen." Auch wenn der Gedanke naheliegt - bei Weitem nicht alle Betroffenen haben Missbrauch oder andere kindliche Traumata zu verarbeiten. "Es gibt eine riesige Palette an Zufälligkeiten, die dazu führen können, dass manche Frauen den Schritt in eine Beziehung einfach verpassen. Manche haben irgendwann schlechte Erfahrungen gemacht, andere können sich nicht von einer unerfüllten Liebe lösen, manche schämen sich einfach."

Sabine hatte mit 25 ein paar Monate lang einen Freund. Anfangs genoss sie die Zärtlichkeiten, das Küssen. Doch schnell blockte sie ab. Sie wollte die Beziehung und konnte sie zugleich nicht ertragen. "Sex war bei uns zu Hause ein Tabu", sagt sie. "In den Arm genommen haben wir uns kaum. Meiner Mutter war es am wichtigsten, dass wir bloß nicht auffallen. Ich habe mich für meinen Körper immer geschämt, konnte mich auch nie nackt im Spiegel ansehen." Sie flüchtete sich in religiöse Keuschheitsgedanken, um dahinter ihre Scham zu verbergen. Schon mit 16 fasste sie den Vorsatz: "Kein Sex vor der Ehe." Erst nach der Trennung von ihrem Freund erkannte sie, dass es nicht die moralischen Werte waren, die sie zurückgehalten haben, sondern ihre eigene Angst.

Dabei ist es geblieben, bis heute. Sabine lernt Männer kennen, verliebt sich. Doch bevor sich etwas entwickeln kann, blockt sie ab. "Keiner der Männer hatte eine Chance, an mich heranzukommen", sagt sie. Aus Angst bleibt sie allein. Keuschheit ist jetzt keine bewusste Lebenshaltung mehr, sondern ihr Gefängnis.

Sie drapiert die Orangen in der Obstschale neu, bespricht sich kurz mit einem Mädchen aus ihrer Gruppe, wischt mit einem Lappen ein paar Krümel vom Küchentisch. In ihrer bestimmten Betriebsamkeit wirkt sie beinahe ruppig. In diesem Bereich ihres Lebens ist sie souverän. Ob sie überhaupt jemals Sex hatte, danach hat noch nie jemand sie direkt gefragt. "Darüber wird einfach nicht gesprochen, als gäbe es die Möglichkeit gar nicht", sagt sie.

Dabei würde es ihr und anderen Betroffenen helfen, wenn über das Thema freier geredet würde, sagt Volkmar Sigusch. "Wir leben in einem sexuellen Zeitalter, da erwartet die Gesellschaft, dass man sexuelles Verlangen und sexuelle Beziehungen hat. Hat man das nicht, wird es zu einem Makel."

Sabine merkt, dass der Druck, endlich eine Liebesbeziehung zu führen, mit dem Alter wächst. "Sobald ich mit einem Mann zusammen bin, löst sich meine ganze Energie in Angst auf - verletzt zu werden oder den Mann zu enttäuschen." Irgendwann kommt immer der Punkt, an dem sie zugeben müsste, noch keine sexuelle Erfahrung zu haben. Sabine schaut resigniert. Angesprochen hat sie es bisher nie. Sie hat diese Situation vermieden, die Männer aus der Ferne anzuhimmeln war viel sicherer. Nur ihren Kolleginnen hat sie irgendwann die Wahrheit erzählt. Und sich auch durchgerungen, es ihrer Familie zu sagen. Ihrer Mutter ist das peinlich. Das gehe doch niemanden etwas an, hat sie zu Sabine gesagt.

Für Johanna ist eine Szene auf der Hochzeit ihres Bruders unvergesslich. Sie fing den Brautstrauß, und ihr Bruder rief: "Da müsste man den Mann schon hinterherwerfen." Alle haben gelacht. Aus Verlegenheit hat Johanna mitgelacht. Dass die Beziehungslosigkeit für sie ein Riesenproblem ist, scheint in ihrem Umfeld niemand ernst zu nehmen. Für sie liegt zwischen dem Treffen mit einem Mann und dem, was daraus werden könnte, ein Berg an Ängsten, der mit jedem Jahr wächst. "Wie wird der Mann reagieren, wenn er von meiner Unerfahrenheit erfährt? Macht er sich lustig? Hält er mich für nicht normal? Was erwartet er von mir?" Fragen, die sie auf jedes Date begleiten.

Nicht Sexualität, sondern ein intimes emotionales Verhältnis fehlt

Sex fehle ihr nicht, sagt Johanna, aber ein vertrauter Partner zum Kuscheln und Reden. Volkmar Sigusch sagt, dass sich das mit den Aussagen vieler "Absolute Beginners", wie sich die Ungeküssten in einem Internet-Forum nennen, deckt. "Die Frauen leiden nicht unter der fehlenden körperlichen Sexualität, sondern darunter, kein intimes emotionales Verhältnis zu haben." Anders als Sabine, die ihr sexuelles Verlangen durch Selbstbefriedigung und Sexfilme bedient, reicht Johanna das Lesen von harmlosen Liebesgeschichten wie "Bridget Jones", um ihre Fantasie zu beflügeln.

"Wenn Frauen ihre Sexualität nicht ausleben, heißt das nicht, dass sie sie unterdrücken. Es ist eher so, dass sie sich seelisch mit ihrer Situation arrangieren", sagt Sigusch. Lebenswichtig sei ein erfülltes Sexleben schließlich nicht für uns. "Erotik und Lust sind ein Luxus, den wir nicht unbedingt zum Überleben brauchen." Trotzdem hält die wachsende Sorge, den Erwartungen potenzieller Partner nicht zu entsprechen, Frauen wie Johanna immer wieder zurück.

Sabine ist nicht der Typ, der rangeht. Sie hört vor allem zu. Wenn die jungen Mädchen, die im Behindertenheim ein soziales Jahr absolvieren, aus ihrem Privatleben erzählen, lächelt sie. Sie bewundert die 20-Jährigen, die heute eine Beziehung beenden, "weil es nicht mehr passt", und morgen wieder einen neuen Mann kennen lernen. Mittlerweile wäre sie bereit zu einem One-Night-Stand, nur um der Erfahrung willen. Theoretisch - ob sie ihn tatsächlich wagen würde, weiß sie nicht.

"Erotik und Lust brauchen wir nicht zum Überleben"

Vor ein paar Monaten hat sie sich in einer Online-Singlebörse angemeldet. Sie hat das Gefühl, bereit zu sein. Es gibt kleine Schritte, die ihr Zuversicht geben. Vor Kurzem hat sie bei einer Masseurin eine Tantra-Massage gebucht. "Ich wollte meiner Sehnsucht nach Berührung endlich Raum geben, auch wenn es mich Überwindung gekostet hat, mich im Intimbereich massieren zu lassen." Weil es eine Frau war, konnte sie es zulassen.

Wenn sie sich stark fühlt, sagt sie Sätze wie: "Ich will dazu stehen, keine Erfahrung zu haben. Es ist ja keine Krankheit, sondern ein kleiner Aspekt meines Lebens." In einer Welt, in der es viele Beziehungsmodelle gibt, sollten auch Frauen wie sie ihren Platz finden.

Sabine mag ihre Arbeit, sie singt in einem Chor, spielt in einem Akkordeon-Orchester, geht zum Jazz-Tanz. Und wenn sie abends nach Hause kommt, ist sie eben allein.

Text: Maria Holzmüller
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