Endlich neu verlieben....

Sie möchte sich endlich mal wieder neu verlieben? Und zwar haltlos, rauschhaft, ohne Sinn und Verstand? Unsere Autorin Regina Kramer ist auch beim neu Verlieben dabei.

Von meiner letzten Liebe ist ein Mantel übrig geblieben. "Der würde dir ganz wunderbar stehen", sagte Max. Der Mantel, sehr weit und sehr lang, hellgrau und wirklich lässig, hing auf einer Schaufensterpuppe ohne Kopf. "Komm", sagte Max, und wir gingen in das Geschäft. Seit zwei Jahren waren wir zusammen, wir konnten uns nicht auf eine gemeinsame Wohnung einigen, wir liebten nicht dieselben Bücher, er wollte keine Kinder, ich schon. Aber kein Mann hatte so viel Träume in mir wach gerufen wie er. Ich probierte den grauen Mantel an und sah aus wie die Frau, die ich auch sein könnte. Weiblicher, erwachsener, extravagant. Allein hätte ich mich nie getraut. Max lächelte. Ich kaufte, auf sein Urteil konnte ich mich verlassen. Als wir aus dem Geschäft gingen, küsste er mich. Manchmal stimmte eben doch alles zwischen uns.

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Jetzt, ein Jahr später, laufe ich wieder mit dem Mantel durch die Straßen. Leute schauen sich nach mir um. Ich merke es nicht. Etwas fehlt. Ich vergrabe meine Hände tief in den Taschen. Max ist Erinnerung, kein anderer ist an seiner Stelle. Es gibt keinen Streit und keine falschen Hoffnungen mehr. Alles ist in Ordnung. Bis auf das eine, auf das es ankommt.

Ich schlage den Kragen des Mantels hoch. Es soll jetzt einer neben mir gehen. Es soll jetzt einer sagen: Du siehst schön aus. Es soll jetzt einen geben, den ich küssen möchte. Mit weichen Knien und mit Herzklopfen. Das ist doch nicht zu viel verlangt. Ich möchte mich mal wieder bis über beide Ohren und so richtig doll und mindestens zum Verrücktwerden... Ach, wär das schön. Undenkbar, dass jemand sagt: Verliebt? Na, das muss doch nicht sein, das brauch ich doch nicht. Verliebtheit kann man immer brauchen.Verliebtheit macht, dass sich die Welt plötzlich ein bisschen runder dreht, dass man leichter wird und lacht ganz ohne Grund. Wer verliebt ist, ist im Rausch. Der produziert Freundlichkeit für alle und ganz umsonst. Der findet Regenwetter wild romantisch und den Stau auf der Autobahn zum Träumen schön. Verliebtheit soll man nicht erklären, Verliebtheit ist ein Wunder.

Sie ist die einzig erlaubte Form des Verrücktseins. Da finden sich zwei Menschen unter Millionen von anderen Menschen und beschließen allen Ernstes, dass sie die Einzigen auf der Welt füreinander sind. Das ist ein klarer, wenn auch charmanter Fall von Realitätsverlust. Aber niemand macht sich ernsthafte Sorgen um die Gemütsverfassung von Verliebten. Wenn das Leben (allein, zu zweit, zu fünft) im Alltag versickert, wenn es einem nicht richtig schlecht, aber auch nicht wirklich gut geht, dann hilft Normalität nicht weiter. Es soll doch mal wieder ein bisschen Leben ins Leben rein.

Verliebtheit macht uns neugierig auf die Möglichkeiten in uns selbst, die nur darauf warten, endlich wach geküsst zu werden. Im normalen Leben brauchen Veränderungen Zeit. Karriere zum Beispiel kann man nicht von heute auf morgen machen. Sich verlieben schon. Es passiert plötzlich, unerwartet und – immer wieder. Sich zu verlieben ist eines der widersprüchlichsten Ereignisse, die es gibt.

Gibt es denn auch falsch verliebt sein? Es gibt Unglück und Vergeblichkeit, Enttäuschung und Irrtum beim Verlieben. Aber falsch verliebt ist man schon deshalb nicht, weil der Beginn aller Lieben uns immer etwas Richtiges erzählt. Vielleicht nicht über den, den wir jetzt gerade haben wollen. Aber bestimmt über die Liebe, so wie wir sie uns erträumen: Sie soll leicht und beschwingt sein. Nie wollen wir uns in endlosen Beziehungsdiskussionen ermüden. Immer wollen wir sexuelle Lust aufeinander haben. Nie soll die Nähe zum anderen nachlassen. Aber nur in der Verliebtheit geht zusammen, was später nicht mehr automatisch zusammengehört. Wie schön, dass wir das vergessen, vorübergehend. Und wenn der "Neue" ein paar Macken hat? Macht nichts. Und wenn er keine Ahnung von unseren Lieblingsfilmen hat? Macht nichts. Und wenn er dauernd zu spät kommt? Macht nichts. In zwei, drei Monaten wird uns das zur Raserei bringen. Aber jetzt – jetzt sind wir verliebt. Nichts soll diesen Rausch stören. Schon gar nicht die Wirklichkeit. Wer verliebt ist, verteidigt seinen Liebeswunsch mit stoischer Blindheit und gnädigem Vergessen.

Eigentlich kann man alles allein tun: allein wohnen und verreisen, allein Sport machen und essen. Sogar sich sexuell befriedigen kann man allein. Bloß allein verliebt sein, das macht keinen Sinn.

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