Was ist ein Traummann?

Man sollte von einem Mann nicht zu viel erwarten, aber auch nicht zu wenig. Bloß: Was macht eigentlich ein Traummann aus?

Am Wochenende sah ich mit meiner 16-jährigen Tochter die Doku-DVD "Die Bräuteschule 1958". Das ist eine Art Retro-Bootcamp, in dem moderne weibliche Teenager nacherleben müssen, wie Gleichaltrige in der Adenauerzeit für ihr Leben als Ehefrau, Hausfrau und Mutter gedrillt wurden. Damals war der Traummann einfach der spätere Ehemann, und der galt als gute Partie, wenn er nicht übermäßig trank, höflich war, einen guten Job hatte und ein Auto.

Er brauchte nichts über den weiblichen Orgasmus zu wissen oder wie man kocht, putzt, einkauft. Solange er ihr nicht vor der Verlobung an die Wäsche ging, musste er nachher auch nie welche waschen. "Humor haben", heute neben Treue und Intelligenz die von Frauen am häufigsten genannte Wunsch-Eigenschaft, wenn es um den Partner geht: kein Thema. Er musste keinen muskulösen Körper haben, keine Kosmetik außer einem Rasierwasser benutzen, und sein Haarschnitt galt auch ohne Styling als Frisur. Er musste weder über Gefühle reden noch Babys windeln oder Kleinkinder bespaßen. Sein Heim war sein Naherholungsgebiet und er, als dessen Finanzier, qua Geburt der Herrscher der Kleinfamilie. Die Gattin hatte all das zu bedienen und dabei hübsch auszusehen.

Meine Tochter war fassungslos über dieses Horrorbild der Frau. Mein 13-jähriger Sohn kam dazu und war seinerseits entsetzt über das Pech, in der heutigen Zeit zu leben: "Die hatten noch so richtig geile Männerleben! Die mussten auch NICHTS im Haushalt helfen!", brach es aus ihm heraus. Ich sagte froh: "Vergiss es! Diese Zeiten kommen nie wieder!" Und hatte plötzlich trotzdem Mitleid mit ihm. Denn mit Beginn der Pubertät braucht auch mein Sohn Rollenvorbilder in einer fragmentierten, oberflächlichen und komplexen Welt, in der die Grundsatzfrage "Wann ist ein Mann ein Mann?" schon zu einfach ist. Denn heute gilt die Maximalforderung: "Wann ist ein Mann ein Traummann?" Die Antworten darauf ändern sich schnell, die aktuellste: wenn er aussieht wie ein "Sporno" - eine Mischung aus Sport- und Pornostar. Etwa wie Matthew McConaughey als Stripper in "Magic Mike" oder Fußballer Christiano Ronaldo. Und das Ganze in Nett, Klug und Treu. Wie eine ausstellungsreife Kunstfigur auszusehen reicht nicht. Umfragen zufolge erwartet die Mehrheit der Frauen auch einen begnadeten Liebhaber; dieser sollte allerdings ein Naturtalent sein und kein erfahrener Aufreißer.

Psychologen erklären dazu, dass wir gegen unsere evolutionäre Programmierung - her mit dem Alphamännchen! - einfach nicht ankommen, aber sich mit Emanzipation und finanzieller Selbständigkeit Ansprüche dazugesellt haben, die damit inkompatibel sind: der gut aussehende, erfolgreiche, super sexy Karrieremann, der auch noch familienorientiert, total romantisch und treu ist.

"Alpha-Softie" haben Soziologen dieses widersprüchliche Modell getauft. Früher galten "multiple Persönlichkeiten" noch als schwere Psychofälle, heute sind sie Vorbild. Früher war "Traumfabrik" allerdings auch ein Synonym für Hollywoods Filmindustrie, und deren Produkte wurden als genau das und nicht mehr angesehen - unerreichbare Halbgötter in Technicolor, übergroße Gefühle, reiner Eskapismus aus der Realität.

Treffen sich zwei Narzissten

Heute dagegen soll am liebsten der gesamte Beziehungsalltag eine Traumfabrik sein, und deren Darsteller sind gewünschter Standard an den globalen Partnerbörsen. Die ganze Wirtschaft funktioniert wohl nur noch halbwegs, weil Frauen alles kaufen (Kosmetik, Mode, Schönheits-OPs), was hilft, als "Traumfrau" für die Männer zu gelten, die mittlerweile fast genauso viel konsumieren (Kosmetik, Fitness, teure Technik, Autos), um ihnen ein entsprechender "Traummann" zu sein. Treffen tun sich beide Geschlechter dann im Internet, Fitness- oder Waxing-Studio. Und zwar nicht mehr als Menschen, die sich ineinander verlieben, ohne es begründen zu können. Sondern als mit Mühe und Zeit perfektionierte Optimierer, die als Grundlage für ein Date erst mal eine lange Liste mit Eigenschaften abfragen und deren liebesbedürftige Seelen unglaublich schnell zornig und verletzt sind, wenn sie das Gefühl haben, mehr in ihren Selbstwert investiert zu haben als der potenzielle Partner.

Etliche Bücher wie "Die narzisstische Gesellschaft" haben bereits davor gewarnt, dass narzisstische Persönlichkeitsstörungen immer weiter zunehmen, weil die Wirtschaft die damit verbundenen rücksichtslosen Attribute begünstigt. Dieses Phänomen wird zunehmend visualisiert in unsicheren Kerlen, die alles in die Beziehung zu der einzigen großen Liebe investieren, die nie enttäuscht von ihnen ist: sie selbst. Das erklärt auch, wieso einem beim Joggen in der Stadt immer öfter Männer in knappen Höschen und mit nacktem Oberkörper entgegenkommen, wobei "definierter Oberkörper" offensichtlich auch eine Definitionsfrage ist.

Traummänner sollten Dekoration für die Wände von Teenagerinnen sein, als Poster. Man träumt um so mehr, je weniger man weiß und je mehr man erwartet. Aber was erwarten die weiblichen Teenager von heute? Wenn man den neuesten Trends glauben darf, wird für unsere Töchter, die abgeklärt, aufgeklärt und durch eine zu 50 Prozent geschiedene Elterngeneration ernüchtert sind, ein Traummann bald wieder einer sein, der finanzielle Sicherheit bietet. Solange die Rente sicher und die berufliche Zukunft golden war, galten die wilden Kerle, die sexy Nichtsnutze als Traumtypen. Nun, wo die Wirtschaft kein Wunder mehr, sondern am Ende ist, schlägt die Stunde der Vernunftmänner. Neuer Traumjob: Beamter.

In Japan, dessen wirtschaftliche Entwicklung oft als Indikator für die Zukunft in Deutschland gilt, gibt es wieder Kurse, wo Mädchen auf Gattenjagd lernen sollen, wie man sich zwar keinen Millionär, aber einen Beamten angelt. In einer Reportage der "Zeit" stand über die Teilnehmerinnen: "Ihre Der-Mann-meines-Lebens-Fantasien haben die Gestalt unkündbarer Arbeitsverträge und regelmäßiger Gehaltszahlungen. (...) Der abgesicherte, gut verdienende Mann ist zur knappen Ressource geworden, und der Wettkampf der Frauen um diese Ressource ist in vollem Gang."

Ist das nun der neue Pragmatismus, als Gegenbewegung zu den überzogenen Ansprüchen an den Traummann? In der Warteschlange vor der Kasse bei Zara hörte ich neulich den beiden etwa 17-jährigen Mädchen hinter mir zu, die das anstehende Date der einen besprachen. "Alex? Ist das dieser spießige Typ?", fragte ihre Freundin. "Ja, genau", antwortete die andere ohne jede Spur von Kränkung. "Der immer so wichtig tut?"- "Ja." Pause. "Und warum triffst du dich dann eigentlich mit dem?" - "Weiß ich eigentlich auch nicht. Der sieht für sein Geld nicht schlecht aus, hat mich irgendwann gefragt, und nun geh ich da hin." Ich konnte mich nur schwer beherrschen, mich nicht umzudrehen und zu sagen: "Mädchen, lass es! Lohnt nicht! Ja, du sollst von einem Mann nicht zu viel erwarten - aber in deinem Alter auch nicht zu wenig!"

Und übrigens auch im späteren Alter nicht. Gerade bei Kinderwunsch projizieren Frauen ihre Traumvorstellung von "Familienglück" ja gern auf den nächsten eingermaßen passenden Kerl. So wie sie Traumkleider für den passenden Anlass kaufen, gibt es auch für jede Lebensphase den passenden Wunsch-Mann: den wilden Kreativen für die Jahre zwischen 20 und 30, dann den genetisch und finanziell solide ausgestatteten Ehemann, später, nach der fruchtbaren Phase, den finanziell Potenten mit den gleichen Interessen.

In ihrem Buch "Lean In" beschreibt Facebook-Chefin Sheryl Sandberg, nach welchem Traummann kluge Mädchen heute Ausschau halten sollen - einem, der ihnen den Rücken freihält und die Kinder erzieht, während sie selbst Karriere machen: "Ich rate jungen Frauen, den Mann (oder die Frau) zu heiraten, der auch die Wäsche machen will."

Es gibt eine gesellschaftlich geprägte Vorstellung vom Traummann, die sich immer mal wieder ändert. Da ist es manchmal gar nicht so einfach, herauszufinden, was man eigentlich selbst von einem Mann erwartet. Was ich heute weiß: Ich möchte einen, der mich immer wieder zum Lachen bringt, nicht durch nacherzählte Witze, sondern mit seiner besonderen Sicht der Dinge. Er soll nicht nur intelligent, informiert und schnell, sondern auch lebensklug und reflektiert sein. Einer, der Informationen nicht nur speichert und wiedergibt, sondern verarbeitet, bewertet und dabei Erfahrung und Emotionen einbezieht.

Die einzigen "Stars", die ich gut finde, sind Benedict Cumberbatch als "Sherlock" und Russell Brand, der nicht nur völlig respektlos, sondern auch gemein komisch, politisch und hochintelligent ist. Attraktive Körper gibt es viele. Aber es macht einfach keine Freude, jemanden um den Verstand zu bringen, den er nie hatte. Ich finde es heute vor allem traumhaft, wenn mich jemand fühlen lässt, wach und lebendig zu sein.

Kann sein, dass sich meine Prioritäten bezüglich eines Traummannes im Laufe meines Erwachsenenlebens verschoben haben. Mir ist heute ziemlich egal, wie groß jemand ist. Aus dem Alter, als ich einen Mann wollte, der noch größer war als ich (1,75 m) mit hohen Schuhen, damit wir als Paar eine tolle Außenwirkung erzielen, bin ich raus. Ich möchte einen gefühlten Traummann. Damit man den erkennt, muss man sich erst einmal selber gut kennen; wissen, welche Charakterzüge, welche Dinge für einen ganz allein unverzichtbar wären und was optional ist. Trennen zwischen der Vorstellung, die Eltern, Gesellschaft, Freunde, Beruf von dem Mann an unserer Seite haben, und den eigenen Bedürfnissen.

Früher sollten Mädchen den richtigen Mann finden, damit sie ihm in das richtige Leben folgen konnten wie Aschenputtel dem Prinzen auf sein Schloss. Heute sollen sie sich lieber selber ein richtiges Leben erschaffen und einen Mann suchen, der ihnen dabei folgt. Was ist also ein Traummann? Im besten Fall: einer, der einem dabei hilft, die eigenen Träume zu verwirklichen.

Text: Karina Lübke
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