Bestehen Sie den Single-Führerschein?

Nur wer gut allein sein kann, ist später auch ein besserer Partner, meint Autorin Simone Buchholz. Und plädiert für einen Single-Führerschein.

Wenn ich mir eine richtig gelungene Beziehung vorstelle, wenn ich daran denke, wie schön sie sein kann, dann habe ich ein ganz bestimmtes Bild im Kopf: zwei Menschen, die sich um den Hals fallen. Ihre Umarmung ist schwungvoll, stark und leicht zugleich, wie ein besonders schöner Moment in einem Tanz. Dabei ist es egal, ob die beiden glücklich oder traurig sind, ob sie sich freuen, sich zu sehen, oder sich verabschieden. Entscheidend ist, dass die Bewegung stimmt. Dass die beiden sich gegenseitig halten, sich aber nicht aneinander festhalten. Dass sie voneinander unabhängig sind und auch ganz wunderbar allein stehen könnten. Dass sie zusammenstehen, nur weil sie es wollen.

Wenn ich merke, dass ich dabei bin, dieses Bild zu vergessen, wenn mein Anspruch an die Liebe im Alltag unterzugehen droht, wähle ich ein einfaches Mittel, um mich wieder auf Spur zu bringen: Ich mache einen Spaziergang und erschrecke mich mal kurz, indem ich mir Paare anschaue, denen man sofort ansieht, dass es bei ihnen nicht rund läuft. Dass eine gewisse Unwucht besteht. Denen das Wort "Machtverhältnis" quasi auf die Stirn tätowiert ist. Da sind zum Beispiel die Frauen, die in der Angst, bloß nichts Falsches zu tun oder zu sagen, lieber gar nichts tun und sagen. Anhängselfrauen, die eine traurige passiv-aggressive Stimmung verbreiten. Oder diese Männer, die ihre Frauen permanent betatschen und beknutschen und keine Sekunde aus den Augen lassen, weil sie wissen: Die ist stärker als ich, und wenn ich sie auch nur für einen Moment loslasse, haut sie mir ab.

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Was unterscheidet die Unabhängigen von den Abhängigen?

All diese Leute, mit denen man sich nicht mehr verabreden kann, sobald sie mit jemandem zusammen sind. Weil sie sicher sind, man würde es dann nicht mehr ertragen, allein zu sein. Sie wissen das so genau, weil sie es selbst auch nicht könnten, das mit dem Alleinsein. Ich frage mich immer, wie die Liebe das aushält, wenn da ständig so eine diffuse Angst im Gepäck ist - und das miese Gefühl, dass der andere stärker oder schwächer ist als man selbst. Wenn einem da irgendwie einer am Bein klebt. Und wenn beide voll von Erwartungen an den anderen sind, die niemand erfüllen kann. Das kann sich nicht gut anfühlen. Irgendwann hält so ein Paar das doch nicht mehr aus. Dieses emotionale Hinken. Und dann bricht nicht ein Bein, sondern die Liebe. Aua.

Wie kommt es, dass manche Menschen in einer Beziehung auf eigenen Füßen stehen können und andere nicht? Was unterscheidet die Unabhängigen von den Abhängigen? Ich glaube, ein Mensch ist erst dann in der Lage, eine glückliche Liebe zu erleben, eine Beziehung auf Augenhöhe, eine Geschichte, die auf Freiwilligkeit basiert, wenn er weiß, dass er auch ohne die Liebe eines anderen glücklich sein kann. Wenn er schon mal richtig lange allein gelebt hat und das auch nicht so schlecht fand, eher sogar ziemlich gut. Heißt: Nur ein guter Single ist ein guter Partner. Ein guter Single ist nicht jemand, der zwischen zwei Liebesgeschichten mal ein halbes Jahr lang alles ausgelebt hat. Ein guter Single ist jemand, der das Alleinsein als wichtigen Lebensbestandteil empfindet. Jemand, der zum Beispiel seit Jahren allein lebt und trotzdem nicht glaubt, dass ihm etwas fehlt. Jemand, der intensiv und leidenschaftlich an sein Leben rangeht, ohne sich dabei ständig nach Liebe zu verzehren. Jemand, der sein Selbstwertgefühl aus sich selbst zieht. Ich bin mir sicher: Wären mehr Liebende gute Singles, wäre die Liebe ein besserer Ort.

Und jetzt die Prüfungen

Deswegen plädiere ich für einen Single-Führerschein: Jeder, der eine ernsthafte Beziehung mit einem anderen eingehen will, muss vorher bewiesen haben, dass er auch gut allein leben kann. Die Prüfungen, die für den Führerschein abzulegen wären, wären einfach all das, was Singles jeden Tag meistern müssen. Morgens allein Kaffee trinken, aus dem Fenster schauen und sich auf den Tag freuen (auch am Wochenende!). Das Auto beim Anlassen nicht abwürgen. Allein zur Arbeit gehen, allein wieder nach Hause kommen, dort dann auch allein sein und das nicht merkwürdig finden. Immer schön die Spur halten. Für sich selbst sorgen, gut sorgen, sowohl finanziell als auch emotional. Die Karre ist gut versichert. Am Wochenende mit Paaren und Familien verabredet sein. Am Berg anfahren. Allein in die Ferien fahren und sich dabei nicht langweilen. Am Berg anfahren bei Glatteis. Immer wieder gefragt werden, ob man denn nicht traurig sei, so ganz allein. Rückwärts einparken. Und wo es denn hakt. Warum man denn überhaupt noch allein ist. Im fließenden Verkehr rückwärts einparken. Dann antworten: Es hakt nicht. Alleinsein ist toll und tut meiner Herzensbildung gut. Dabei lachen. Mit einem Mercedes E-Klasse Kombi total locker einparken, rückwärts im fließenden Verkehr. Überhaupt: viel lachen. Wichtig. Über sich selbst lachen. Allein eine Nacht durchtrinken und sich noch Jahre danach mit Freude daran erinnern. Respekt vor sich selbst haben. Für sich allein kochen, waschen, putzen, bügeln, duschen, die Beine rasieren, sich die Fußnägel lackieren. Sich Samstagmittag darüber freuen, dass noch ganze eineinhalb Tage vor einem liegen mit niemandem außer mit sich selbst und einem guten Buch.

Ja, der Single-Führerschein ist anspruchsvoll. Dafür muss man schon eine Weile üben. Aber es lohnt sich: Denn jemand, der all das kann, ist der perfekte Mensch für die Liebe. Er weiß, was er für sie getan hat. Er wird sie sorgsam auswählen und nicht leichtfertig in überzogenen Erwartungen oder feigen Abhängigkeiten ersticken. Er kann die Gangschaltung locker bedienen, und wenn er mal im Stau steht, kriegt er keine Panik. Wenn zwei Leute mit Single-Führerschein sich ineinander verlieben und es miteinander versuchen, ergibt das meistens ein Eins-a-Paar. Groß, glücklich, und nicht der ständigen Gefahr des Liebesachsenbruchs wegen unwuchtiger Machtverhältnisse ausgesetzt.

Text: Simone Buchholz
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