Jeder Mann ist der falsche!

Ein blödes Wort, eine komische Geste - und er ist wieder der falsche Mann. Woran liegt das eigentlich, fragt sich Miriam Gärtner.

Beim letzten Mal war es ein Frühstücksei. Der Mann, der die Nacht bei mir verbracht hatte, saß morgens in meiner Küche, ich deckte den Tisch und fragte ihn, ob er ein Ei essen wolle. Er bejahte, ich fragte: Weich oder hart? Und da legte der Mann, 1,90 groß, breitschultrig, ausgeschlafen, seine Stirn in Falten und sagte: "Ja, mmh. . . , mein Ei, weich oder hart, wie hätt ich's denn gern?" Er wiegte den Kopf hin und her, lehnte sich zurück, vergrub sein Gesicht in den Händen murmelte "Ei, Ei, Ei". Er schaute in die Luft, er schaute aus dem Fenster, dann wieder auf die zwei Eier in meiner Hand, er setzte sein Selbstgespräch fort: "Weich oder hart, das Ei, ja wie, ja nun, was will ich denn?" Ich für meinen Teil wusste zu diesem Zeitpunkt dagegen sehr genau, was ich wollte: dass dieser Mann nach Verzehr seines Frühstücks mit oder ohne Ei meine Wohnung verlässt und nicht wiederkommt.

Man kann das kleinlich finden, humorlos, total bescheuert, ich will da gar nicht widersprechen. Ein Mann mit einer kleinen Entscheidungsschwäche, wo ist das Problem? Außer, dass er vielleicht ein - nun ja: ein Weichei ist. Und dass Männer, die nicht wissen, was sie wollen, mit Punktabzug rechnen müssen.

Daumen hoch oder Daumen runter

Punktabzug gibt es bei mir nicht. Bei mir gibt es nur Daumen hoch oder Daumen runter. Und runter geht verdammt schnell. Entscheidungsschwäche, hässliche Schuhe, schlechte Witze, falsche Bemerkung, Bildungslücken - und ich bin raus. Einmal kam ich mit einem sehr hübschen Mann aus dem Kino, wir gingen in einer Kneipe um die Ecke und sprachen über Literaturverfilmungen. Ich erwähnte "Lolita" von Vladimir Nabokov und die zwei Verfilmungen. Der hübsche Mann kannte Lolita nicht. Nicht das Buch, nicht die Filme, auch dass Lolita ein Synonym für Kindfrau ist, war ihm neu. Ich beugte mich rüber zum Nachbartisch, an dem vier junge Männer saßen, und fragte, was ihnen zum Stichwort Lolita einfiele. Einer von ihnen grinste, stand auf und sagte: "Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele." Das sind die beiden ersten Sätze des Romans. Der Mann, der sie zitierte, war 20 Jahre jünger als ich, sonst hätte ich sofort den Tisch gewechselt. Mit dem Mann, der Lolita nicht kannte, habe ich mich nicht wieder verabredet.

Gelächter wie Unverständnis

Wenn man seit drei Jahren Single ist und seinen Freundinnen derlei Erlebnisse schildert, erntet man ebenso viel Gelächter wie Unverständnis. "Gott, bist du wählerisch", ist die eine Sorte Kommentar, die andere lautet: "Du hast echt einen an der Klatsche!" Letzteres kommt der Wahrheit vermutlich näher. Denn das, was wie ein völlig überzogener Anspruch an die Männer daherkommt (Makellosigkeit!), ist in Wahrheit eine unmittelbar körperliche Reaktion: Scham! Ich schäme mich fremd. Ich fürchte, dass die Schwäche des Mannes mich entwertet. Ich sehe mich und den Mann vor den Augen eines unsichtbaren Dritten, ein Urteil wird gefällt, und es ist vernichtend. Das ist natürlich hochgradig neurotisch, aber so was sucht man sich ja nicht aus, ich selbst finde es ziemlich lästig.

Zum Glück habe ich ihn nicht angelächelt

Tatsächlich kann ich nicht mal still und leise vor mich hinschwärmen, ohne kurz darauf im Boden versinken zu wollen. So wie neulich beim Friseur, wo ich einen wirklich cool aussehenden Typ im Spiegel beobachtete. Die Friseurin brachte ihm einen Yogi-Tee, der habe eine leichte Schärfe, sagte sie, und der coole Typ guckte schlau und sagte: "Ja, klar, das ist das Ingwer." Zehn Minuten lang hatte ich einen Typen angeschmachtet, der dem Ingwer einen falschen Artikel zuordnet. Ich dachte: Zum Glück habe ich ihn nicht angelächelt. Und: Schickt eure Kinder länger auf bessere Schulen. Danach habe ich mich vor mir selbst gegruselt. Weil mir klar wurde, dass ich in Wahrheit gar niemanden kennen lernen will und vollauf damit beschäftigt bin, meine eigenen Defizite zu verwalten. Für die eines anderen ist in meinem Leben noch kein Platz.

Text: Miriam Gärtner
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