Warum Online-Dating romantisch ist

Eine aktuelle US-Studie zeigt: Im Netz angebahnte Ehen halten länger. Christian Schuldt, Autor des Buches "Romantik 2.0", weiß, woran das liegt: weil wir uns beim Online-Dating romantischer kennenlernen als offline.

Schon klar, ich kenne das Argument: Liebe und Anonymität passen schlecht zusammen. Wie sollen hochpersönliche Gefühle unter so unpersönlichen Bedingungen entflammen? Bevor es das Internet gab, traf man die Frau seines Lebens bei der Arbeit oder beim Ausgehen mit Freunden, die Blicke begegneten sich, ein schüchternes Lächeln, und bei der Silberhochzeit wird man dann sagen: "Weißt du noch, damals...?"

Online stöbern wir dagegen erst mal Profilfotos durch. Dann schreibt man sich. Chattet. Telefoniert. Bis man sich schließlich, irgendwann, nach Tagen oder Wochen, das erste Mal im "wahren Leben" gegenübersteht.

Der Club der anonymen Romantiker

Redaktionsleiter von BRIGITTE Digital, ist seit fünf Jahren mit seiner Online-Liebe verheiratet und hat soeben das Buch "Romantik 2.0. Vom Suchen und Finden der Liebe im Internet" veröffentlicht (192 S., 17,99 Euro, Gütersloher Verlagshaus).

Und genau das ist: hochromantisch. Im Schutz der Anonymität fällt es nämlich viel leichter, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Erst schreiben, dann treffen: Dieses platonische Kennenlernen führt dazu, dass wir schnell Höchstpersönliches offenbaren und Vertrauen aufbauen. Natürlich heißt das nicht, dass ein Online-Kontakt gleich mit einem Seelen-Striptease startet. Wie bei einem Offline-Flirt sind auch im Netz die ersten Botschaften meist kurz, humorvoll und unverbindlich: "Hey, du bist der erste Mensch hier außer mir, der auch süchtig nach ‚Modern Family' ist!"

Umso emotionaler ist aber das, was passiert, wenn wir uns wirklich auf einen Kontakt einlassen: Dann lässt gerade die Distanz Nähe entstehen. Plötzlich schreiben wir uns nicht mehr nur über Lieblingsserien und Haustiere, sondern über unsere Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen an das Leben. Gerade die anfängliche Unverbindlichkeit macht einen Flirt verbindlicher, offener und ehrlicher als im echten Leben.

Ehrlicher? Ja, ehrlicher. Die Angst, dass viele sich im Schutz der Anonymität völlig anders darstellen, als sie wirklich sind, ist meist unbegründet. Dazu gab es eine Studie an der Uni Mainz. Das Ergebnis: Wir wollen als Mensch so gesehen werden, wie wir wirklich sind - und gerade im geschützten Raum des Internets kann dieser Wunsch erstaunlich einfach erfüllt werden.

„Digitale Ehen halten um ein Viertel länger“

Ein erfreuliches Resultat dieses platonischen Kennenlernens ist, dass schon vor dem ersten Treffen eine Beziehungsbasis entstehen kann. Und die stärkt dann auch die Offline-Partnerschaft, die idealerweise anschließend folgt. Diverse Studien konnten belegen, dass Paare, die sich online kennengelernt haben, stabilere Beziehungen führen. „Digitale Ehen halten um ein Viertel länger“, sagt auch der Medienpsychologe Jo Groebel.

Genau das bestätigt auch eine aktuelle Studie von Psychologen der University of Chicago. Eines der Ergebnisse: "Verheiratete, die ihre Ehepartner online kennengelernt hatten, gaben höhere Werte für Ehezufriedenheit an als jene, die ihre Ehepartner offline kennengelernt hatten." Und: Ehen, die online angebahnt wurden, endeten seltener in Scheidung oder Trennung.

Online-Dating - wo bleibt das Schicksal?

Bleibt die Frage nach dem Schicksalsfunken, dem berühmten. Dem magischen Zufall. Ist ein zielgerichtetes Kennenlernen nicht schon an sich unromantisch? Ja, eine effiziente Suche passt schlecht zur romantischen Idee, dass sich Liebe nicht erzwingen lässt, sondern einfach passiert. Allerdings vergessen wir dabei, dass auch hinter dem, was wir im echten Leben "Zufall" oder "Schicksal" nennen, fast immer rationale Entscheidungen stecken. Sie sind uns nur weniger bewusst: Bildungsstand, kulturelle Vorlieben, Freundeskreise, all das muss passen, damit wir eine Beziehung eingehen - oder überhaupt auch nur ein Date verabreden. "Eine Medizinstudentin wird wohl kaum in der Bahnhofskneipe nach Traumprinzen suchen", sagt der Soziologe Hans-Peter Blossfeld lapidar.

In Wirklichkeit spielt der Zufall im Netz vielleicht sogar noch eine größere Rolle als im so genannten echten Leben. "Warum war ich gerade in dem Moment, wo sie sich eingeloggt hat, präsent, warum habe ich genau sie angeklickt?", fragt sich ein Online-Dater. "Das sind die schönen Geheimnisse, die es gibt - der Zufall oder was es auch immer ist."

Warum das Internet die Romantik rettet

Solche glücklichen Zufälle haben im Internet eine größere Chance, weil wir uns hier "spiegelverkehrt" kennen lernen. Indem ich einen unbekannten Menschen zuerst "von innen sehe", kann ich schon vor einem ersten Date intime Einblicke gewinnen, die offline gar nicht möglich wären: Da hat jemand unter Umständen schon alle Chancen verspielt, weil er hässliche Schuhe trägt. So oberflächlich kann das wahre Leben sein.

Im Netz begegnen wir uns authentischer, emotionaler und auch: langsamer. Wenn das nicht romantisch ist!

Mehr über die romantischen Seiten des Online-Datings, inklusive hilfreicher Dos & Don'ts beim Dating im Netz, lesen Sie in Christian Schuldts Buch "Romantik 2.0. Vom Suchen und Finden der Liebe im Internet"

Christian Schuldt, BRIGITTE 10/2013

Wer hier schreibt:

Christian Schuldt
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Eine aktuelle US-Studie zeigt: Im Netz angebahnte Ehen halten länger. Christian Schuldt, Autor des Buches "Romantik 2.0", weiß, woran das liegt: weil wir uns beim Online-Dating romantischer kennenlernen als offline.

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