Single aus Überzeugung: "Manche Leute empfinden das als Provokation"

Julia ist 35 und seit mehreren Jahren überzeugter Single. Ein Gespräch mit der Bloggerin* über richtiges Alleinsein und falsche Retter.

BRIGITTE: Sie leben schon länger solo. Was ist leichter: zu zweit glücklich sein oder allein?

Julia: Allein, definitiv. Viele der Beziehungen, die ich um mich herum sehe, möchte ich nicht haben. Das empfinden andere manchmal als Provokation: Ein zufriedener Single lässt Leute darüber nachdenken, ob sie mit dem Menschen an ihrer Seite besser dran sind.

Video: Warum finde ich keinen Partner?

Waren Sie schon immer so kompromisslos?


Nein, gar nicht. Von meiner Teenagerzeit bis in die frühen Dreißiger habe ich ein paar Beziehungen gehabt, fünf, um genau zu sein. Aber oft war das eher eine Flucht vor mir selbst. Mal habe ich mich auf einen Mann eingelassen, den ich nicht wirklich lieben konnte, mal auf einen, der mit Suchtproblemen zu kämpfen hatte. Aber anstatt ihn zu retten oder gerettet zu werden, habe ich mich dabei verloren.


Was hat Ihnen geholfen, dieses Muster zu durchbrechen?


Bei meiner letzten Trennung gab es einen Moment, da dachte ich: Ich bin gerade jemand, der ich gar nicht sein will. Misstrauisch, negativ, tieftraurig. Ich warf meinem Partner vor, dass er nicht auf mich achtet, und verstand dabei: Ich achte auch nicht auf mich.

Und das können Sie heute besser?


Ja, aber es war ein weiter Weg dahin, und ich habe mir Unterstützung geholt. In einer Therapiestunde sollte ich aufschreiben, wer ich bin und was ich an mir schätze. Als ich meiner Therapeutin nach fünf Minuten einen vollgeschriebenen Zettel reichte, zerknüllte sie ihn und sagte: „Ich will nicht wissen, wer Sie glauben, dass Sie sein sollen. Sondern wer Sie wirklich sind.“ Ich habe mich dann in der Folge sehr intensiv damit auseinandergesetzt, was mich geprägt hat. Dazu gehörte lange auch der Glaubenssatz: Nur mit einem Mann kann ich glücklich sein.

Wie hat sich Ihr Leben seither geändert?

Ich traue mich heute allein viel mehr als früher, und das gibt mir eine große innere Freiheit. Ich habe zum Beispiel angefangen, allein auszugehen und dabei diese Spannung auszuhalten: dass Leute sich wundern und mich entweder für die Freundin des Barkeepers halten oder für eine verzweifelte Existenz. Ohne Begleitung unterwegs zu sein, ist eine intensive Erfahrung: Man nimmt viel mehr wahr, weil man nicht durch ein Gespräch abgelenkt ist.

Fühlen Sie sich auch mal einsam?

Seit drei Jahren nicht mehr. Ich gestalte mein Leben selber und erlebe wunderschöne Momente. Daher bin ich sehr zufrieden, sodass mir nichts fehlt.

Wie müsste denn der Mann sein, für den Sie dieses schöne Solo-Leben aufgeben?

Das ist das Spannende: Meine veränderte Einstellung zieht einen anderen Typus an. Und je weniger ich es darauf anlege, desto eher lerne ich tolle Männer kennen. Aber ich bin auch anspruchsvoll. Ich hätte gern einen Mann, der genau wie ich Spaß am Leben hat, dabei reflektiert ist, auch seine Schattenseiten kennt, der bereit ist, sich verletzlich zu machen. Vielleicht kann der Wunsch nach Autonomie zwei Menschen ja verbinden, statt sie zu trennen? Ich habe ein inneres Bild vor Augen, das ich bei der Autorin Vera F. Birkenbihl gelesen habe: eine Beziehung als zwei starke Säulen, die gemeinsam ein Tempeldach tragen. Dafür würde ich sogar mein glückliches Alleinsein eintauschen.

* www.singleindergrossstadt.de

Julias Erzählungen überzeugen dich und du stellst dir momentan ohnehin öfter die Frage "Soll ich Schluss machen?"? Wir verraten dir, welche Trennungsphasen nach dem Beziehungsaus auf dich zukommen – natürlich nur für den Fall ... 😘

Brigitte 05/2018

Wer hier schreibt:

Verena Carl
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