Braucht es wirklich Liebe auf den ersten Blick?

Nein, sagt Psychotherapeutin und Buchautorin Dr. Julia Peirano, Liebe auf den ersten Blick sei nicht nötig und plädiert für mehr Männer im Freundeskreis.

BRIGITTE: Kann aus Freundschaft wirklich Liebe werden?

Julia Peirano: Ja. Es gibt sehr viele Beziehungen, die sich aus einer freundschaftlichen Basis heraus entwickelt haben. Es ist natürlich ein anderer Liebesstil, der hier gelebt wird, als wenn sofort eine große körperliche Anziehung da ist und man von Anfang an verliebt ist.

Was heißt das genau?

Wenn Erotik im Spiel ist oder sein soll, entscheidet sich das tatsächlich schon in den ersten paar Sekunden. Dann weiß ich: Mit dem will ich ins Bett. Aber es gibt eben sehr unterschiedliche Liebestypen oder Liebesstile. Und der "Eros"Liebesstil, der auf körperlicher Anziehung basiert, ist nur einer davon. Ich kenne Menschen, bei denen es nicht sofort gefunkt hat und die dann aber fünfzig Jahre lang eine gute Ehe geführt und sich sehr geliebt haben.

Wenn es zu doll funkt, ist das ja angeblich auch nicht gut: Paaren, die sehr schnell im Bett landen, wird wenig langfristiges Potenzial gegeben.

Männer neigen dazu, erobern zu wollen. Und wenn man es ihnen am Anfang etwas schwerer macht, ist das förderlich für eine Beziehung. Wenn zwei Menschen schon am ersten Abend im Bett landen, ist die Geschichte tatsächlich meist flüchtiger Natur.

Was muss passieren, damit aus wirklich reiner Freundschaft ohne erotisches Grundrauschen Liebe wird?

Manchmal ist es tatsächlich ein magischer Moment, eine romantische Szene. Manchmal sind es Krisensituationen, in denen der gute Freund einem sehr stark beisteht und man sich dadurch näherkommt. Es kann auch sein, dass der eine sich in eine Richtung verändert, die der andere anziehend findet. Aber warum man sich in jemanden verliebt, lässt sich glücklicherweise nicht wirklich greifen.

„Stashing“: Ein fieser Dating-Trend

Sie raten Frauen, einen großen männlichen Freundeskreis zu haben. Warum?

Es ist gut, Männer zu haben, mit denen man in die Oper gehen kann, Männer zu haben, mit denen man tanzen kann, Männer zu haben, mit denen man ein Bier trinken geht. Ich kenne viele Frauen, die rein weibliche Interessen haben: gehen mit ihren Mädels ins Fitnessstudio, gucken gemeinsam Videos, lackieren sich die Nägel. Die kennen, überspitzt gesagt, keinen einzigen Mann mehr. Es geht aber auch in einer Beziehung um Freundschaft. Und wenn ich mit Männern freundschaftlich verbandelt bin, ist es auch etwas, was mir in der Beziehung nützt. Ich bin dann nicht so abhängig von dieser männlichen Bestätigung durch meinen Partner, weil ich ja auch schon von meinen Freunden weiß, dass ich eine lustige Gesprächspartnerin bin oder gut aussehe.

Wird es ab einem bestimmten Alter schwieriger, Männer kennen zu lernen?

Nein, das ist eine ziemlich dämliche Form von Selbsthypnose. Ich denke, dass offene Menschen, die Spaß am Leben haben, an jeder Ecke jemand kennen lernen können. Gut sind offene Gruppen: also eben nicht der Yogakurs immer mittwochs um 18 Uhr, wo immer die gleichen fünf Leute sind, sondern lieber ein offenes Yogazentrum, wo ich immer andere Menschen treffe. Ich rate, nicht aktiv nach einem Partner zu suchen, sondern über seine Interessen generell viele Leute kennen zu lernen. Man muss aber dafür natürlich auch an Orte gehen, wo Männer sind. Wenn ich in meiner Freizeit Gold schmiede, werde ich wahrscheinlich keinen Mann kennen lernen.

Heißt das, ich soll zum Fußball gehen, obwohl ich mich dafür nicht interessiere?

Nein, aber es wird doch bei jeder Frau irgendwas geben, was ihr Spaß macht und wo man auch Männer kennen lernt. Und wenn nicht, dann muss sie sich die Frage stellen: Was will ich eigentlich mit einem Mann?

Interview: Sonja Niemann
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