In sozialen Medien bin ich beliebt - und fühle mich trotzdem einsam

Sie ist jung, Single und bestens vernetzt. Sie fühlt sich nicht allein – aber einsam. Katharina Weber über eines der letzten Tabus unserer Zeit.

Mein Telefon vibriert. Ungefähr 20-mal in der Stunde. Da sind: Nachrichten von Tinder, Facebook, Instagram und manchmal eine WhatsApp-Nachricht; sehr selten eine SMS. Ginge es nach meinem Telefon, müsste ich der beliebteste Mensch sein, den man sich so vorstellen kann. Denn ziemlich viele andere liken, sharen und kommentieren, was ich tue, denke, esse, trinke, unternehme; wie ich aussehe, wohin ich fahre, wie ich wohne. Das alles müsste mich sehr, sehr glücklich machen. Aber die Wahrheit ist: Das ist kein Glück, das ist nicht mal in der Nähe von Glück. Das ist eigentlich nur: ein bisschen Zucker für den Affen Einsamkeit, der nach immer noch mehr Liebe, Aufmerksamkeit und Zuspruch schreit.

Dabei wäre der einzig wahrheitsgetreue Status: Heute wieder nur arbeiten gewesen, danach in den Supermarkt, Pizza und Schokolade gekauft, zu Hause vor dem Fernseher gegessen, schlafen gegangen. Dazwischen auf mein Telefon geschaut und Nachrichten getippt. Wann hat mich eigentlich das letzte Mal jemand umarmt? Und wann habe ich zum letzten Mal nicht allein geschlafen? Liked diesen Status, wenn es euch auch so geht. Niemand würde auf "gefällt mir" klicken, weil Einsamkeit das letzte, echte Tabu geworden ist.

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Ist man selbst Schuld, wenn man einsam ist?

Zwischen Tinder und Facebook, zwischen eiligen Anrufen und Sprachnachrichten darf Einsamkeit gar nicht existieren. Wer einsam ist, hat nur kein gutes Profil. Wer einsam ist, hat sich nur nicht richtig vermarktet. Wer einsam ist, ist eben selber Schuld. Dass zwischen dem Ich und dem Rest der Welt ständig eine Glasscheibe liegt: vergessen. Dass diese Glasscheibe keine Berührungen, keine Nähe, keine Anwesenheit ersetzt: vergessen. Und wenn man doch einmal spüren sollte, dass man, während sich das Smartphone mit der ganzen Welt verbindet, nur in der eigenen Welt bleibt, dass man, während man mit Tausenden Menschen spricht und Informationen austauscht, völlig alleine da sitzt – tindert man sich eben ein Date oder heult sich in einem Forum aus.

Fast jeder kennt das Gefühl, zwischen ganz vielen Menschen ganz viel einsam zu sein. Meistens liegt das an den anderen Menschen, manchmal liegt es auch an einem selbst. Dass man aber genau auch dieses Selbst vermissen kann, das ist neu. Denn während ich da so sitze und mein Telefon betrachte, dieses winzige, kleine Ding, das einen so erschreckend großen Platz in meinem Leben eingenommen hat, bemerke ich: Ich halte es auch mit mir nicht mehr so recht aus.

Das eigene Ich spricht nicht mehr mit mir

Da ist eine Einsamkeit 3.0: nicht mehr nur die im Außen, sondern auch eine innen. Denn mein Selbst, das Ich, die vielen kleinen Stimmen in mir, die sind nur noch gierig. Gierig auf Informationen, schnelle Reize, schnelle Klicks, ach bitte, Baby, klick mich. Und je mehr ich das sanfte, weiße Rauschen meines Inneren vermisse, desto einsamer fühle ich mich, desto mehr klicke ich, desto mehr vermisse ich. Wenn das eigene Ich nicht mal mehr mit mir spricht: Wer bleibt dann noch? Mein Telefon vibriert. Ungefähr 20-mal in der Stunde. Mein Herz schlägt 70-mal in der Minute. Mein Finger tippt auf einer Glasscheibe eine letzte Nachricht für heute: Ich gehe jetzt schlafen und wünschte, du wärest hier. Die Nachricht verschiebe ich in den Entwürfe-Ordner. Muss ja keiner wissen, dass ich gerade nicht auf einer wilden Party bin. Soll ja keiner denken, dass ich die meiste Zeit allein bin. Darf ja keiner wissen, dass ich nicht einmal mehr wüsste, an wen ich diese Nachricht schicken sollte.

Text: Katharina Weber BRIGITTE 22/2015
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