Mist - wieder zu früh verliebt

Einige fühlen sich schon wegen eines netten Gespräches als Seelenverwandte und sind viel zu früh verliebt. BRIGITTE-Autor Till Raether versteht das nicht.

"Oh nein", sagt mein Freund Simon, "schon wieder eine SMS von M." M. will wissen, warum er sich nicht meldet. M. ist weder die Freundin von Simon noch eine neue heiße Affäre. Aber M. wartet weiter auf eine Antwort von ihm, die ihr eins beweist: dass ihm der Abend gestern genauso viel bedeutet hat wie ihr.

"Was war denn da los?", frage ich erstaunt. "Habt ihr geknutscht? War Alkohol im Spiel?" Ich kenne M., aber ich wusste nicht, dass Simon sich für sie interessiert. "Nee", sagt er, "wir waren nach dem Seminar zu mehreren in einer Kneipe, und ich hab mich ganz nett mit ihr unterhalten. Mehr aber auch nicht."

Es häuft sich, dass ich davon höre, wie "ganz nette" Gespräche abgleiten in romantische Missverständnisse: Eine Freundin sagt, sie habe sich im Flugzeug "ganz nett" mit ihrem Sitznachbarn unterhalten, der Flug sei gerade lang genug gewesen, dass man auch ein paar übergeordnete Themen wie Lebensziele und Lieblingsessen habe streifen können, und dann habe er sie bei der Gepäckausgabe "abgefangen" und sie um ihre Telefonnummer gebeten, weil er sich "schon lange nicht mehr so mit jemand unterhalten habe: ‚Das bedeutet doch was!'"

"Life-changing talk", sagt meine Kollegin Birgit, als ich davon erzähle. Sie hat auf dem Kita-Fest aufgeschlossen mit einem fremden Vater geplaudert, der sie jetzt jeden Morgen anschaut, als müsste er für sie seine Familie verlassen.

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Einige werden sich nicht mehr trauen, fremde Menschen anzusprechen

Unter dem ursprünglichen Begriff "life-changing sex" versteht man eine sexuelle Begegnung, die so exorbitant ist, dass sie das ganze Leben verändert. Beim "life-changing talk" ist es genauso, nur dass die Geschlechtsteile nicht aktiviert werden. Und mit dem zweiten Unterschied, dass der "life-changing talk" noch viel eher als "life-changing sex" eine ziemlich einseitige Angelegenheit ist. Ja, es gehört sozusagen zu seinen Grundvoraussetzungen, dass er auf einem Missverständnis beruht: Eine Seite unterhält sich einfach nur nett, und die andere Seite denkt, dass sich jetzt ihr Leben verändern muss. Besonders verfängliche Themen sind dabei zum Beispiel: das Leben im Allgemeinen und insbesondere das des Gesprächspartners. Alles, was sich direkt auf die Person des Angesprochenen bezieht, kann missverstanden werden. Es gibt nämlich Leute, die Fragen wie "Und, wie ging es dir dabei?", "Gefällt dir, was du machst, oder würdest du lieber was anderes machen?" oder Aufforderungen wie "Erzähl doch mal ausführlicher, das klingt interessant" nur aus Sketchen über Softies oder Psycho-Tanten kennen. Und wenn so was dann plötzlich im wahren Leben an sie gerichtet wird, vernebelt es ihnen derartig die Sinne, dass sie dahinter Hardcore-Geflirte bis hin zur Liebeserklärung und Beischlafeinladung wittern. Bei besonders nach normalem menschlichem Umgang Ausgehungerten reicht aber unter Umständen auch schon ein "Fahren Sie beruflich nach Detmold?" oder ein "Sind Sie schon lange im Vertrieb?", um in ihnen den Eindruck zu erwecken, man brauche diese Informationen, um sein weiteres Leben mit ihnen zu planen. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Dies ist kein Männer-Frauen-Thema, das emotionale Missverständnis geht über Gender-Grenzen hinweg. Mag sein, dass anfangs Frauen besonders verblüfft waren, wenn sie zufällig auf einen Mann trafen, der einigermaßen zuhören und von sich selber Dinge erzählen konnte, die nicht auch in "1000 ganz legale Steuertricks" hätten stehen können. Männer aber sehnen sich mindestens genauso danach, dass einfach mal jemand nett zu ihnen ist, und wenn es dann soweit ist, denken sie, es müsste so viel mehr bedeuten.

Früher hatte man es wirklich nicht leicht, wenn man "nett" war: "Nett", sagten noch vor ein paar Jahren die coolen Säue, die alle von Hause aus eher unnett waren, "nett ist der kleine Bruder von scheiße." Wenn eine Frau über einen Mann sagte: "Der ist echt nett", dann hieß das so viel wie: Der kann bei Gelegenheit gern mal einfache, aber nervige Handwerkerdienste für mich verrichten, vielleicht würde ich mittags sogar mit ihm essen gehen, um nicht allein irgendwo rumzusitzen - aber niemals wird da mehr draus, er ist halt nett, du verstehst. Diese Situation hat sich verändert, nette Männer - und im Übrigen auch nette Frauen - sind die neuen Herzensbrecher schlechthin, und in der Zeit, die Sie brauchen, um diesen Absatz zu lesen, verfallen schon wieder dutzende von Ausgehungerten ganz netten Menschen, die sich einfach nur freundlich mit ihnen unterhalten. Es ist nämlich da draußen ein neues Ungleichgewicht entstanden, sozusagen eine romantische Asymmetrie: Es gibt eine ganze Menge von Männern und Frauen, die die letzten zehn, zwanzig Jahre genutzt haben, um an sich zu arbeiten, mehr auf andere einzugehen, sich für andere zu interessieren, zuzuhören, Fragen zu stellen, kurz: empathisch zu sein. Diese Menschen treffen nun auf kommunikativ und emotional Ausgehungerte, die sich seit Jahren nur mit Stieseln, Zicken und, um die Sache mal auf den Punkt zu bringen, Arschlöchern umgeben und die es einfach nicht gewöhnt sind, dass jemand sich in einer Bar, auf einer Tagung oder im Großraumwagen freundlich mit ihnen unterhält und ihnen zuhört.

Für die Mitglieder der ersten Gruppe ist eine solche Begegnung einfach nur ein angenehmer, aber unverbindlicher Kontakt zwischen Mitmenschen; für die Mitglieder der zweiten Gruppe ist es ein Gespräch, das ihr Leben verändert, so dass sie danach nicht mehr leben können oder wollen ohne die anscheinend tief empfundene Zuwendung dessen, der da gerade so nett mit ihnen geredet hat.

Die Situation ist für alle Seiten unerfreulich: Die einen werden sich bald nicht mehr trauen, sich länger als drei Sätze zu unterhalten, Blickkontakt herzustellen und aufmerksam zu nicken, wenn jemand etwas halbwegs Interessantes und Zustimmungswürdiges sagt. Die andere Seite wird weiter durch ein düsteres Universum irren, auf der Suche nach ein bisschen Zuwendung und Verständnis, die sie zur großen Liebe erklären können, sobald sie drauf treffen.

Wer sendet eigentlich die falschen Signale?

Man könnte jetzt den netten, empathischen Leuten vorwerfen: Damen und Herren, ihr sendet die falschen Signale aus, ihr spielt mit den Gefühlen von Unschuldigen, ihr merkt gar nicht, wie ihr die anderen um den Finger wickelt mit eurem Verständnis und euren unwiderstehlichen nonverbalen Minimalbestätigungen wie "Hm", "Aha" und "Oh". Aber das Problem liegt nicht bei denen, die es gewohnt sind, sich mit anderen nett zu unterhalten. Das Problem liegt bei denen, die ihr ganzes bisheriges Leben so geführt haben, dass sie viel zu selten in die Nähe menschlicher Wärme gekommen sind, viel zu selten einen Austausch von Ideen oder meinetwegen auch nur Anekdoten erlebt haben, viel zu selten einfach eine nette Zeit gehabt haben. Das Problem liegt darin, dass diese Menschen sich für ein Leben entschieden haben, in dem all das selten vorkommt: ein hartes, kaltes, effizientes Leben, erfolgreich, stark, nahezu perfekt. Und plötzlich merken sie, wie schön es ist, wenn man mit anderen nett, geduldig und interessiert über geheimnisvolle Dinge wie Gefühle oder Werte redet. Dafür, dass ihnen das neu und ungewohnt ist und ihnen den Kopf verdreht, können aber die Netten nichts. Das hat sich jeder selber eingebrockt.

Am Ende gibt es deshalb nur einen Weg, das große Missverständnis vom "life-changing talk" aus der Welt zu freundlich und zugewandt unterhalten, dürfen sich von denen, die das nicht gewöhnt sind und es jedes Mal für die große Liebe halten, nicht beirren lassen. Sondern müssen so lange weitermachen, bis die Ausgehungerten gelernt haben: Nicht ein einziges freundliches Gespräch verändert das Leben, sondern dutzende, manchmal hunderte. Und wenn ihr die Zeit dafür nicht habt, ist euch nicht zu helfen.

Text: Till RaetherFotos: Oana Szekely/Corbis
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