Vorsicht, Ego-Falle!

Auch erfolglos auf der Suche nach dem "perfekten" Partner? Dann sind Sie vielleicht unbewusst in die Ego-Falle getappt! Paarberater Michael Mary erklärt, wie man unwissentlich potentielle Traumpartner aussortiert.

Was ist die Ego-Falle?

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Dauerhaft suchende Singles wenden Strategien an, die ich als Ego-Fallen bezeichne. Eine Ego-Falle ist eine Hürde, die der suchende Single aufstellt und über die der potentielle Partner springen soll, um zu beweisen, dass er bereit ist, die an ihn gestellten Erwartungen zu erfüllen. Der Haken bei diesem Test ist, dass man Reaktionen erwartet, die ein Partner vielleicht zeigen würde, wenn er bereits in Beziehung wäre und sich entsprechend gebunden fühlen würde. So weit sind die Singles aber lange noch nicht nicht, und daher kann der Test nicht gelingen. Am Ende ist der Fallensteller in seiner eigenen Falle gefangen. Schauen wir uns solche Fallen näher an.

Suche Partner, der zu mir passt!

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Diese verbreitete Ego-Falle steht unter dem Motto: "Wie man einem Partner den Eindruck vermittelt, dass es erst in zweiter Linie um ihn geht." Das ist nicht weiter schwierig, dazu genügt ein kurzer Dialog vor dem ersten Date.

"Wann treffen wir uns?"

"Diese Woche habe ich keine Zeit.“

"Das fängt ja gut an. Wenn du jetzt schon keine Zeit für mich hast, lassen wir das lieber!"

Der kleine Dialog zeigt, dass der gedankenlos dahergesagte Satz "Ich habe noch keinen Partner gefunden, der ZU MIR passt" genau so gemeint ist. Oft habe ich von Singles dieses Typs Sätze gehört wie den folgenden. "Ich will nicht viel, mir reicht es wenn mein Partner mir das Gefühl gibt, für ihn der wichtigste Mensch in seinem Leben zu sein." Sonst nichts? Das ist ja wirklich eine Kleinigkeit! Der Auserwählte muss also zeigen, dass er bereit ist, sich zurückzunehmen. Er muss funktionieren. Wer nicht erwartungsgemäß funktioniert, wird aussortiert oder merkt selbst, dass seine Bedürfnisse eine untergeordnete Rolle spielen – und macht sich aus dem Staub.

Suche Partner, dem ich passe!

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Diese etwas weniger verbreitete Ego-Falle steht unter dem Motto: "Wie man jemanden an die erste Stelle setzt damit er alle eigenen Erwartungen erfüllt." Die Formulierung zeigt, dass es sich im Grund um eine Täuschung handelt. Der Single passt sich den Vorstellungen des Auserwählten an, damit dieser das Gleiche tut, das in der ersten Ego-Falle erwartet wird: ihn in den Mittelpunkt zu stellen. Seine insgeheime Überzeugung lautet "Wenn ich tue, was der potenzielle Partner von mir erwartet, wird er mir geben, was ich brauche." Dieser Single-Typ wirkt nicht dominant, sondern anspruchslos und angepasst, er bietet sich sozusagen zur ‚Ausbeutung’ an. Seine Strategie läuft somit auf Enttäuschung hinaus. Entweder fühlt er sich nach kurzer Zeit ausgenutzt oder sein Gegenüber begreift, kein Gegenüber zu haben, an dem er sich reiben kann.

Schauen wir uns weitere Ego-Fallen in Form kleiner Beispiele an.

Suche Partner, der auf mich gewartet hat

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Robert ist 39 Jahre alt und schon seit geraumer Zeit auf der Suche. Der bereitet sich gewissenhaft auf ein Date vor, sorgt für ein »tadelloses« Äußeres und bringt jeder Frau einen großen Strauß Blumen mit. In der Tasche trägt er ein kleines Etui mit zwei nicht gravierten Eheringen. Er weiß, wo eine Heirat stattfinden soll (in einem Leuchtturm am Meer) und wo eine Hochzeitsreise hingehen soll (auf die Malediven). Er möchte zwei Kinder haben. Seine Frau braucht nicht arbeiten zu gehen, er findet, dass Kinder viel Liebe brauchen ... Solche Aufzählung seiner Vorstellungen hält er für einen »Meinungsaustausch«. Mehrmals schon hat er am Ende der ersten Verabredung das Kästchen mit den Eheringen geöffnet. Bei einer zweiten Verabredung mit einer potenziellen Partnerin brachte er zwei Gläser und eine Flasche Champagner mit. Einer Frau, die er wiederholt traf, übergab er ein Buch mit leeren Seiten mit der Bemerkung, dass dort alles aufgeschrieben wäre, was ihn an ihr stört.

Robert macht den Frauen Angebote, von denen er glaubt, sie könnten sie nicht ablehnen. »Frauen wollen doch so etwas«, sagt er in einem Nebensatz. Seine Strategie besteht aus einer Mischung von Überredung und Überschüttung. Obwohl er keine expliziten Forderungen stellt, macht er deutlich, wie er sich eine Beziehung vorstellt. Er tritt nicht offen als Bestimmer auf, dennoch hinterlässt er den sicheren Eindruck, eine Beziehung dominieren zu wollen. Die Frauen fühlen sich genötigt und sehen ihn als »Bedränger«. Sie reagieren teils amüsiert, teils empört – aber ernst nahm ihn bisher keine.

Suche Partner, der mich auf Händen trägt

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Inga ist 26 Jahre alt und hatte noch nie einen festen Freund, obwohl sich etliche Männer um sie bemühen. Der letzte, mit dem Inga sich traf, war auch ernsthaft interessiert. Sie hat es ihm schwer gemacht, indem sie sich »rarmachte«. Wenn sie sich trafen, hat sie ihn "zappeln lassen". Einen Kuss auf die Wange hat sie nach dem dritten Treffen gestattet, einen Kuss auf den Mund nicht. Als der Mann sie auf ihre Zurückhaltung ansprach, gab sie ihm zur Antwort: "Glaubst du etwa, ich hätte es nötig? Bild dir nicht zu viel ein!"

Der Partner muss sie nicht erobern, er braucht ihr nicht mit Liebesschwüren zu huldigen, aber er muss sich bemühen. Die Strategie, mit der seine Arbeitsbereitschaft testen will, besteht in Distanz und Verknappung. Sie füttert Männer an, lässt sie zappeln und nur ganz langsam näher kommen. Inga will vom potenziellen Partner überzeugt werden. Im Grunde ist sie misstrauisch und hat Angst, ausgenutzt zu werden. Aber das zeigt sie nicht, im Gegenteil, sie wirkt überheblich, so, als wäre es eine Gnade, von ihr erhört zu werden. Leider hat bisher keiner der Männer wunschgemäß auf ihr Verhalten reagiert, stattdessen machen sie sich "vom Acker".

Suche Partner, der mich nicht enttäuscht

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Die 36-jährige Tanja sieht gut aus und steht beruflich sehr gut da. Sie trifft etliche potenzielle Partner, aber sie selbst bricht den Kontakt immer wieder abrupt ab. Vor Kurzem interessierte sie sich wieder für einen Mann. Es hat gleich gefunkt. Auf einem Segelausflug passiert es dann. Sie sprechen unverbindlich über Lebensvorstellungen, und er sagt: "Kinder kommen für mich nicht mehr infrage, dafür fühle ich mich zu alt." Im gleichen Moment, so beschreibt Tanja ihr Empfinden, "fielen bei mir die Schotten runter, da ging gar nichts mehr". Sie macht dicht. Sie wechselt dann bis zum Abend kein privates Wort mehr mit dem Mann und will ihn danach nie wieder sehen. Warum? "Weil das nichts bringt". Um ihre Erwartungen umzusetzen, wendet sie eine Art Business- Strategie an. Sie führt die Beziehungsanbahnung wie ein Projekt durch, in dessen Verlauf sie den Partner auf Herz und Nieren prüft. Wenn er scheinbar nicht taugt, zieht sie sich augenblicklich zurück, denn alles andere wäre "Zeitverschwendung" und "ineffektiv". Mit so einem kann sie "nichts anfangen", den "entlässt" sie.

Suche Partner, der mich annimmt

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Der 45jährige Klaus lernt über das Internet zahlreiche Frauen kennen, kommt aber nicht weiter. Gerade hat er wieder eine Abfuhr erhalten. Die Frau traf sich wiederholt mit ihm, nach der ersten Nacht schloss sie eine Beziehung mit den Worten aus: "Du bist toll, aber irgendwie bist du mir zu lieb." Was sie damit meint, kann er nicht richtig nachvollziehen. Ich forsche nach seinem Verhalten. Er spricht davon, die Wünsche der Frauen ernst zu nehmen, sich für sie zu interessieren und sich auf sie einzustellen. Ich frage ihn, ob er denn nie anderer Meinung sei oder andere Interessen verfolge oder ob es jemals Reibungspunkte zwischen ihm und den Frauen gäbe. Klaus antwortet: "Ich bin eher der harmonische Typ und gehe Streit lieber aus dem Weg." Von Streit habe ich zwar nicht gesprochen, sondern von Reibung, aber seine Bemerkung zeigt, dass Klaus Streit und Disharmonie fürchtet und unbedingt vermeiden will. "Wie ist es mit Sex, was läuft da?", frage ich ihn. Klaus antwortet indirekt: "Ich will nur das, was die Frau will." Klaus’ Bemerkung weist auf seine Strategie hin. Er möchte angenommen werden, und dazu passt er sich an die Vorstellungen der potenziellen Partnerin an. Er leugnet Differenzen und tut so, als ob beide die gleichen Erwartungen hätten. Gutmütig ausgedrückt macht er einen "lieben" Eindruck, klar ausgedrückt erscheint er den Frauen als "Diener", als jemand, der sich unterordnet, um Anerkennung und Liebe zu bekommen. An einem Diener scheinen die Frauen, für die er sich interessiert, aber kein Interesse zu haben.

Suche leidenschaftlichen Partner, der mich entlastet

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Die 42-jährige Marie ist beruflich selbstständig, erfolgreich und hat überhaupt keine Probleme, Männer kennenzulernen. Sie ist attraktiv und kontaktfreudig und hat oft leidenschaftliche Begegnungen, darunter etliche mit jüngeren Männern. Nur ihre größte Sehnsucht, die nach einer Partnerschaft, erfüllt sich nicht. Vor einem Monat hat es »beinahe geklappt«. Was ist dann geschehen? Der Mann war einige Jahre älter und sehr wohlhabend. Im Bett klappte es einigermaßen, aber er wollte sich nicht binden, zumindest jetzt noch nicht. Marie hatte großes Verständnis und empfahl ihm eine Therapie, damit er seine »irrationalen Ängste« bearbeiten könne. Weil er etwas kurzatmig ist, legte sie ihm Sport nahe, und weil er manchmal im Bett »zu schnell ist« gab sie ihm ein Tantra-Buch. Sie war der Meinung, dass er »mehr an sich arbeiten« solle. Hier deutet sich die Strategie an, mit der sie ihre Erwartungen durchsetzen will. Marie tritt nicht offen als Bestimmerin auf, sondern als Helferin und Be-Lehrerin. Aber sie arbeitet an der Veränderung der Männer, um sie passend zu machen. Die Männer spüren was auf ihn zukommt - und machen dicht.

In Beziehung sein

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Den geschilderten Ego-Fallen ist eines gemeinsam. Diejenigen, die sie aufstellen, nehmen keine Beziehung zu ihrem Gegenüber auf. Denn gleichgültig, ob sie ihre Erwartungen in Bestimmer-Manier über die Bedürfnisse des Partners stellen, oder ob sie sich in Beschwichtiger- Manier scheinbar unterordnen – sie sind in erster Linie mit sich selbst befasst, damit, ihre Erwartungen durchzusetzen. Das Gegenüber haben sie nicht auf der Rechnung. Man könnte sagen, sie sind mehr in Beziehung zu sich als zum Anderen. Und weil sie sich nicht beziehen (obwohl sie glauben, das zu tun) kann sich auch keine Beziehungen aufbauen.

Die Lösung lautet also: Wenn du eine Beziehung willst, beziehe dich. Geh in Beziehung!

Das ist der eigentliche Beziehungstrick! Wird er angewendet, verändert sich alles. Es verändern sich scheinbar unveränderbare Gefühle, es verändern sich Deutungen, es verändern sich die Reaktionen auf den potenziellen Partner und es verändert sich der Eindruck, den man auf ihn macht. Und dann nehmen der Kontakt und die Beziehungsanbahnung einen völlig anderen Verlauf. Die Lösung für suchende Singles heißt also schlicht und einfach: Bezogenheit. Wie das geht, das und viel mehr finden Sie im Buch.

Wo bist du, und wenn nicht, wieso?

Paarberater Michael Mary hilft seit über 30 Jahren Menschen bei Beziehungs- und Persönlichkeitsproblemen und entwickelte die einzigartige "erlebte Beratung". Die Ego-Fallen sind nur ein Aspekt seines neuen Ratgebers "Wo bist du und wenn nicht, wieso? Wie Sie den passenden Partner finden, ohne ihn zu suchen".

Michael Mary
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