Warum wir lieben wie wir lieben

Die Liebe kann ganz schön rätselhaft sein: Warum wir lieben wie wir lieben, erklärt der renommierte Züricher Paarforscher Jürg Willi. Ein Gespräch über Bindungsangst, Internet-Kontakte und das Rätsel der Liebe.

BRIGITTE: Liebespartner trennen sich immer schneller und häufiger - in der Hoffnung, anderswo "den Richtigen" zu finden. Warum lieben wir so? Welche Konsequenzen hat diese Inflation der Liebesversuche?

Jürg Willi: Sie macht Liebesbeziehungen brüchig und oberflächlich. Ich beobachte ein neues Phänomen: Der Scheidungsentscheid wird gefällt, weil man sagt: "Ich will meine Zeit nicht mit dir vergeuden. Lass es uns lieber beenden, dann kann ich mir gleich einen neuen Partner suchen." Eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem anderen wird vermieden. Mich erstaunt immer wieder, wie hartnäckig sich trotz aller Unglücksbotschaften auch bei kritischen und gebildeten Männern und Frauen die Vorstellung hält, Liebe und andauerndes Glück seien eng aneinander gekoppelt.

BRIGITTE: Fürchten denn die Menschen das Alleinsein nicht?

Willi: Doch, aber im Gegensatz zu früher hat man heute durch das Internet ein geradezu absurdes Angebot an potenziellen neuen Kontakten, und man lebt somit in der Illusion, nicht wirklich allein zu sein. Es gibt Menschen, die mit hundert Partnern chatten, und dann genügt das erste Telefonat, um die Sache zu beenden. Diese Art "Datings" drohen zu einer Droge zu werden, deren Dosierung dauernd gesteigert werden muss. Das führt zu Missbrauch der natürlichen Sehnsucht.

BRIGITTE: Wie meinen Sie das?

Willi: Das Sehnen geht aus einem Mangel hervor: Der Mensch genügt sich nicht. Ich bin der Meinung, dass es notwendig ist, nach einer Trennung über eine längere Zeit zu leiden und sich zu sehnen, weil sich in der Fantasie und dem Sich-Sehnen eine neue Beziehung vorbereitet. Man muss die pozentielle Liebesbereitschaft erst wieder anreichern, um überhaupt wieder liebesfähig zu werden. Aber gerade nach einer Trennung empfindet man diesen Mangel als besonders quälend. Man ist zunächst wie amputiert. Mit dem Ex-Partner einer lang andauernden Beziehung verband einen nicht nur eine gemeinsame Geschichte, der Aufbau der Existenz und Familie, eine Welt als Behausung, sondern auch eine gemeinsame Gedankenwelt, ein gemeinsames Gedächtnis. Man ist es gewohnt, bei Erlebnissen aller Art auch die Einschätzung des Partners zu hören, seinen Trost oder Widerspruch. Aus dieser Welt gilt es, sich herauszulösen und sich auf sich selber zu stellen. Das kann lange dauern. Viele halten das nicht aus und binden sich sofort neu, um das Loch zu füllen Da kommt es oft zu totalen Fehlbeziehungen.

BRIGITTE: Warum werden wir als Liebende mit den Jahren nicht reifer und besser, so wie ein guter Wein?

Willi: Manchen gelingt das durchaus. Eine Liebesbeziehung ist die intensivste persönliche Herausforderung. Viele weichen dem aus. Es wird oft eine große Chance zur persönlichen Entwicklung verpasst. Viele gehen sehr verletzt aus einer Beziehung hervor und sagen: nie wieder. Das ist bei Frauen häufiger der Fall als bei Männern.

BRIGITTE: Ist die Haltung "Nie wieder!" nicht reiner Zweckpessimismus - in der Hoffnung, dass das Leben einem das Gegenteil beweist?

Willi: Jedenfalls ist eine solche Haltung hoch ambivalent. Es gibt Frauen, die sich fortan betont unabhängig präsentieren, nach dem Motto: Ich brauche keinen Mann - und gleichzeitig sind sie kreuzunglücklich. Andere wiederum wollen unbedingt ganz schnell einen neuen Partner, lassen nichts unversucht, von Blind Date bis Internet, gehen sehr schnell mit jemandem ins Bett und werden immer wieder enttäuscht. Bei Frauen mit Kinderwunsch kommt es nach dem 36. Lebensjahr manchmal zu einer regelrechten Torschlusspanik.

BRIGITTE: Doch warum trägt dieser kollektive ungebremste Liebeswillen von Millionen von Menschen offensichtlich so wenig gute Früchte?

Willi: Vielleicht hören wir mehr über das Scheitern von Beziehungen als über deren Gelingen. In Studien bezeichnen sich übrigens immerhin 80 bis 90 Prozent der Verheirateten als glücklich. Nach einer zerbrochenen Liebe werden allerdings viele selbstbezogener - darum geht es oft schief. Man versucht, auf Nummer sicher zu gehen, und lässt sich nur unter Vorbehalt ein. Mit dem Grundgedanken: Ich suche mir einen Partner, den ich im Griff habe. Doch solch Absicherungen rächen sich meist.

BRIGITTE: Inwiefern?

Willi: Angenommen, eine Frau erlebt in der ersten Ehe große wirtschaftliche Abhängigkeit, durchläuft die ganze Emanzipationsmühle und geht dann eine Beziehung mit einem deutlich unterlegenen Mann ein - und zwar in dem Bewusstsein, diesmal Geld und Wohnung unter Kontrolle zu halten. Und schon wiederholt sich die alte Geschichte mit umgekehrten Vorzeichen. Der sich kontrolliert fühlende Partner entzieht sich und lässt sich heimlich mit einer anderen Frau ein, um sich zu bestätigen. So kann natürlich keine Begegnung auf Augenhöhe stattfinden.

BRIGITTE: Ist eine solche Vermeidungsstrategie bei der Partnerwahl der Grund dafür, dass Zweit-Ehen laut Statistik noch instabiler sind als die ersten?

Willi: Ja, hinzu kommt, dass es nach einer langen Ehe nicht mehr in gleicher Weise möglich ist, das Leben miteinander aufzubauen. Gerade der Nestbau bei einer Familiengründung oder auch die ersten Berufsjahre sind sehr verbindende Jahre. Hat jeder der Partner bereits seine Position und vielleicht Kinder aus einer ersten Ehe, ist es viel schwieriger, der neuen Beziehung die gleiche Substanz zu geben.

BRIGITTE: Da wir selbst offensichtlich nicht klüger werden - was halten Sie von Vermittlungsagenturen wie beispielsweise Parship, die angeblich wissenschaftlich fundiert und systematisch den passenden Deckel finden?

Willi: Bei diesen Vermittlungsagenturen werden Persönlichkeitsprofile der Partnersuchenden erstellt und miteinander abgeglichen. Man geht davon aus: Je höher die Übereinstimmung zwischen zwei Personen, desto wahrscheinlicher ein Match. Aus meiner Sicht ist das eine falsche Konzeption, die bestenfalls taugt, um festzustellen, ob zwei Menschen Sympathien, ähnliche Interessen, Lebensanschauungen und ein ähnliches Bildungsniveau haben; aber was sich natürlich nicht programmieren lässt, ist der Funke, der zum Verlieben überspringen muss. Das kommt von tieferen Motiven.

BRIGITTE: Welchen denn?

Willi: Das bleibt das Rätsel der Liebe. Es ist unmöglich vorherzusagen, ob sich zwei ineinander verlieben oder nicht; für Außenstehende ist das ein irrationaler Vorgang. Da ist einer hässlich, dumm und ohne besondere Qualitäten und wird dennoch begehrt. Für die Gesundheit menschlicher Gesellschaften ist es übrigens von großer Bedeutung, dass Schwächen nicht zu persönlicher Isolation führen müssen, sondern für eine Liebesbeziehung auch besonders anziehend wirken können.

BRIGITTE: Wenn sich über die Motive der Zündung nichts sagen lässt, so doch vielleicht etwas über ihr Wesen?

Willi: Ich bin überzeugt davon, dass es zündet, wenn die Vision aufkommt: Diese Person macht es mir möglich, dass ich mich so entfalte, wie ich es mir immer ersehnt habe. Sie macht es möglich, dass ich das, was ich bereitgestellt habe, ins Leben hereinholen kann. Hier findet es ein Beantwortetwerden. Hier werde ich in meinem innersten Wesen erkannt.

BRIGITTE: Demnach ist es Voraussetzung, sich selbst gut zu kennen?

Willi: Nein, das glaube ich nicht. Eine Zeit lang war die Überzeugung verbreitet, man müsse zuerst in die Wüste gehen, um sich selbst zu finden. Aber das Gegenteil ist der Fall: Erst in der Auseinandersetzung mit dem Partner lernt man sich kennen. Er ist der unbestechliche Kritiker, sagt einem die Wahrheit, und in dieser Konfrontation findet man sich selbst - entweder indem man dem Partner zustimmt oder in der Abgrenzung zu dessen Meinung.

BRIGITTE: Woher weiß ich denn, was ich zur Entfaltung bringen möchte?

Willi: Das ist ein intuitiver und sehr subtiler Vorgang. Wenn man in der Therapie Paare fragt, was sie aneinander angezogen hat, werden oft belanglose Sachen genannt wie zum Beispiel "sein lustiges Lachen" oder "Sie trug ein rotes Kleid". Dabei geschieht die Wahl unbewusst. Die Kriterien sind unter anderem geprägt von Erlebnissen in der Ehe der Eltern, Scheidungskinder haben zum Beispiel oft eine besondere Sehnsucht nach einer "heilen" Familie. In späteren Lebensphasen geht es mehr darum, Verletzungen in vorangegangenen Beziehungen zu korrigieren.

BRIGITTE: Ist das grundsätzlich falsch? Muss man nach einer Trennung tatsächlich erst in eine Psychotherapie, um die Vergangenheit zu bewältigen, zum Yoga, um die eigene Mitte wiederzufinden, und ins Fitnesscenter, um rundum ein neuer Mensch werden?

Willi: Nein, sicher nicht. Man kann getrost mit seiner ganzen Ängstlichkeit in eine neue Beziehung gehen. Worauf es ankommt, ist die Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Die größte Herausforderung für die persönliche Entwicklung eines Menschen, davon bin ich überzeugt, ist eine intime Partnerschaft. Was es bedeutet, ein Mann zu sein, spüre ich doch erst in der Begegnung mit der Frau. Und in einer Liebesbeziehung geht es um den innersten Kern einer Person - jenem Teil der Persönlichkeit, der mit dem Vornamen genannt wird. Auch im Einander-Fremd-Bleiben spürt man sich selbst, nicht nur im Verstandenwerden.

BRIGITTE: Kann man einander auf den ersten Blick erkennen?

Willi: Unsere Studie über das Verliebtsein mit 600 Probanden hat gezeigt, dass die Liebe auf den ersten Blick als Basis genauso tragfähig ist wie eine, bei der es zwei Monate dauert, bis es funkt.

BRIGITTE: Sie schreiben in Ihrem Buch "Psychologie der Liebe": Das Trennende kommt mit dem Wort.

Willi: Mit dem ersten gesprochenen Wort hört das fraglose Aufgehobensein auf. Es wird offensichtlich, dass der geliebte Mensch anders ist als man selbst, ein eigenes Wesen, mit dem es keine totale Verschmelzung geben kann. Andererseits gäbe es ohne Sprache keine Verbindlichkeit.

BRIGITTE: Warum ist die Verständigung zwischen zwei Menschen in einer Liebesbeziehung so schwierig?

Willi: Weil es immer auch um Macht geht. Bloß mehr miteinander zu reden bringt gar nichts! Sondern anders miteinander zu reden: Es kommt darauf an, wie echt das ist, was man austauscht. Und ob man dem anderen auch zuhören kann.

BRIGITTE: Warum spielt ausgerechnet in einer Liebesbeziehung Macht eine solche Rolle?

Willi: Die Liebesbeziehung ist eher ein Tennismatch als eine dauernde Umarmung. Die Partner müssen gleich stark sein, damit es ein gutes Spiel wird. Sie müssen in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen, weil sie sich nur so in der Entwicklung anregen. Kritik und Widerstand sind ein zentraler Teil einer glückenden Liebesbeziehung und nicht, wie man immer meint, die Harmonie. Die Liebe ist etwas Dynamisches. Man muss sich als Paar auf den Weg machen!

BRIGITTE: Also kann man nur froh sein, dass der geliebte Mensch ein Rätsel bleibt?

Willi: Unbedingt!

BRIGITTE: Unterliegt das Paarverhalten eigentlich stark dem Zeitgeist?

Willi: Sehr, denke ich. In den 60er und 70er Jahren zum Beispiel sind viele Menschen durch die Forderung nach freier Liebe richtig in Stress geraten, weil es ihnen eigentlich nicht entsprach, dieses "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment". Und heute, so mein Eindruck, beugen sich viele Frauen dem gesellschaftlichen Druck, sowohl Mutter als auch beruflich erfolgreich sein zu müssen. Ich bin nicht sicher, ob das immer dem eigenen Bedürfnis entspricht.

BRIGITTE: Das gilt aber doch nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer.

Willi: Ja, beide Geschlechter müssen in sich hineinhorchen und herausfinden: Was will ich eigentlich? Denn man kann nicht alles haben: Spitzenkarriere, Kinder, Freundschaften, Freizeitvergnügen. Wenn beide eine große Karriere anvisieren, entwickelt sich nicht selten eine lähmende Rivalität zwischen ihnen. Das dauernde Abmessen, wer mehr für die Gemeinschaft tut, ist in vielen Beziehungen qualvoll. Heute gibt es eine große Freiheit in der Wahl der Rollen in einer Beziehung. Gefordert ist die Fähigkeit von Partnern, zueinander passende Rollen auszuhandeln. In diesem Rahmen sollte man auch die alte Rollenverteilung nicht grundsätzlich als überholt betrachten.

Interview: Anja Jardine BRIGITTE Heft 5/2007
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

teaser_3