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Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer Die Politikerin spricht über ihr Coming-out, Politik und Diskriminierung

Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer
Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer
© Büro Tessa Ganserer
Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer weiß, dass Gleichberechtigung in Deutschland noch nicht existiert. 2019 hat sie ihre Transidentität öffentlich gemacht und kämpft seither täglich gegen Unwissenheit, Diskriminierung und Hass. Wofür sie sich starkmacht und wie man die LGBTIQA+-Community unterstützen kann, verrät sie im großen BRIGITTE-Interview. 

Jeder Mensch kann so leben wie er möchte – so schön und einfach dieser Satz klingt, umso unrealistischer ist er in der heutigen Welt. Obwohl die Einführung des dritten Geschlechts 2018 oder das Gendern im Hochschulbereich anderes vermuten lassen, gibt es noch viele Bereiche, die Menschen nach wie vor diskriminieren – ein Beispiel ist das Transsexuellengesetz. Wir haben mit der Bundestagsabgeordneten Tessa Ganserer über ihre eigenen Erfahrungen als trans Frau und über neue politische Ansätze gesprochen. 

Tessa Ganserer: "Häme, Spott und Hass, das begleitet mich seit meinem Coming-out"

BRIGITTE: Zum ersten Mal haben es bei der letzten Bundestagswahl zwei trans Frauen in den Bundestag geschafft. Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?

Frau Ganserer: Eigentlich gar nicht. Ich erkläre immer noch, warum manche Schreibweisen nicht korrekt sind, und fände es deswegen schöner, wenn wir von transgeschlechtlichen Frauen schreiben. Dann wird auch deutlich, dass trans zu sein eine Eigenschaft ist, so wie blond, klein oder müde.  Aber diese Eigenschaft alleine zeichnet uns nicht aus. Wir möchten nicht darauf reduziert werden und wir sind auch keine Menschen zweiter Klasse. Deswegen ist es nicht korrekt und auch nicht respektvoll von "Transpersonen" zu sprechen. Ich leiste nach wie vor gerne Aufklärungs- und Akzeptanz-Arbeit.

Und welche Aufgaben betreuen Sie im Bundestag?

Wie zuvor im Bayerischen Landtag sind es queer-politische Themen, mit denen ich am meisten mediale Aufmerksamkeit bekomme, dies sind aber bei weitem nicht die einzigen Themen, die mich dazu bewegen Politik zu machen. Daher freue ich mich sehr, dass ich jetzt im Deutschen Bundestag als Mitglied des Umweltausschusses auch grüne Ur-Themen mit bearbeiten darf als grüne Obfrau im parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung, mich dort für die UN-Nachhaltigkeitsziele starkmachen darf und nebenbei bin ich Stellvertreterinnen im Gesundheitsausschuss und werde dort insbesondere die queer-politischen Belange im Gesundheitsbereich vertreten dürfen. 

Sie haben im Januar 2019 mit einem Interview bekanntgegeben, dass Sie zukünftig als Frau unter dem Namen Tessa Ganserer auftreten werden. Wie wurde das damals von der Öffentlichkeit und Ihrem privaten Umfeld aufgenommen?

Genau genommen habe ich da erklärt, dass ich jetzt die Frau leben werde, die ich eigentlich schon immer war und dass mein Name Tessa ist.  Mir war klar, dass ich nicht einfach als die Frau, die ich eigentlich schon immer war, in den bayerischen Landtag gehen kann und so tun, als wäre nichts gewesen. Mir war bewusst, dass es ein enormes mediales Interesse erzeugen wird, dass ich gezwungen bin, einen öffentlichen Seelenstriptease hinzulegen, nur war mir lange Zeit nicht klar, ob ich dem emotional gewachsen bin. Ich war nicht naiv und mir war klar, dass Häme, Spott und Hass nicht ausbleiben werden und genau das begleitet mich seit meinem Coming-out in den sozialen Medien, bei jedem Tweet, bei Schritt und Tritt und tagtäglich. 

Sie haben relativ spät mit Ihrer Transition begonnen. Gab es dafür Gründe?

Diese Frage würde ich sehr gerne zurückgeben. Warum müssen wir uns für unser Coming-out rechtfertigen und erklären? Warum müssen Menschen, die erst in der Mitte ihres Lebens ihre Transition beginnen, sich rechtfertigen und erklären? Warum wird bei Jugendlichen das Coming-out und deren Ernsthaftigkeit infrage gestellt? Was glaube ich alle Menschen eint, ist die Angst vor dem Coming-out. Die Angst, nicht ernst genommen zu werden, die Angst, nicht akzeptiert, ausgegrenzt und verspottet zu werden oder Benachteiligung und Diskriminierung zu erfahren bis hin zu körperlicher Gewalt. Diese Angst ist leider nicht unbegründet, weil genau das alles heute noch trauriger Alltag ist.

Wo fängt die Diskriminierung von transgeschlechtlichen Personen an? Haben Sie Beispiele?

Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Manche Formulierungen, die für einige trans Personen noch okay sind, sind für andere schon verletzend. Ich lehne zum Beispiel die Begrifflichkeit des medizinischen Fachterminus Transsexualität für mich ab, weil es ein Begriff ist, den die Psychologie geprägt hat und mit dem eine Psychopathologisierung einer Transgeschlechtlichkeit verbunden ist. Wichtig ist es, sensibel zu sein. Die betroffene Person am besten selbst fragen, welche Begrifflichkeiten für sie korrekt sind.

Absolut verletzend und nicht akzeptabel ist, wenn der selbstgewählte Name bewusst nicht akzeptiert und damit die Geschlechtszugehörigkeit einer trans Person in Abrede gestellt wird.

Das ist extrem diskriminierend. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass Schulen zum Beispiel für trans Jugendliche keine Orte der Akzeptanz sind. Wir wissen, dass weit über 50 Prozent der trans Personen von Diskriminierungserfahrungen im Arbeitsfeld sprechen. Bekannt ist, dass trans Personen bei gleicher Berufsqualifikation ein vielfach höheres Risiko haben, arbeitslos zu werden. Wir wissen, dass Gewalterfahrungen, Hatespeech in den sozialen Medien bis hin zu körperlicher Gewalt eine traurige Realität in Deutschland sind. Politisch motivierte Hasskriminalität hat in den letzten Jahren sogar zugenommen und nach wie vor werden diese Fälle aber systematisch nicht erfasst. Wir wissen sogar, dass der Großteil dieser Vergehen nicht einmal zur Anzeige gebracht werden. Dauerhafte Diskriminierungserfahrungen machen krank. Aufgrund struktureller Diskriminierung im Gesundheitssystem wird trans Personen der Zugang zu notwendigen medizinischen Maßnahmen erschwert. 

Eine klassische Reaktion auf Diskriminierungserfahrungen ist, dass Personen diese Orte in Zukunft versuchen zu meiden, was dazu führt, dass Jugendliche, nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts, signifikant weniger Sport betreiben, wie heteronormative cis-geschlechtliche Jugendliche, weil sie beim Sport Diskriminierung erfahren. Queere Personen, trans Personen im Besonderen, unterlassen aufgrund negativer Erfahrungen sogar medizinische Standard-Vorsorgeuntersuchungen.

Welche Strukturen unterstützen die Diskriminierung von transgeschlechtlichen Personen im Alltag?

Ich denke, die Ursache dafür ist, dass das Thema Transgeschlechtlichkeit lange Zeit tabuisiert wurde. Deshalb ist in breiten Teilen der Gesellschaft auch kein Wissen vorhanden. Von klein auf wird uns ein Weltbild übergestülpt, das nur von zwei Geschlechtern ausgeht und als wäre das von Gott gegeben und in Stein gemeißelt. Die Realität sieht allerdings anders aus – das ist keine Modeerscheinung. Das Phänomen der Transgeschlechtlichkeit ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Es gab sie durch alle Epochen hindurch, in allen Kulturkreisen. Unwissenheit ist leider immer guter Nährboden für Vorurteile und menschenverachtende Ideologien. Deswegen ist Akzeptanz-Arbeit so wichtig, jedoch braucht es dafür einen langen Atem.

Sie sprechen von Akzeptanz-Arbeit und nutzen dafür unter anderem die sozialen Medien. Ist das ein Segen oder Fluch?

Das Internet und soziale Medien sind eine technische Erfindung und diese Technologie ist nicht von Grund auf böse. Es kommt drauf an, was man damit macht. Es ist ein Segen für betroffene Menschen. In den 60er- bis in die 90er-Jahre hinein gab es diese Form der Informationsbeschaffung nicht. Das Internet ist nicht nur Informationsbeschaffung, sondern auch eine Möglichkeit, wie queere Menschen und marginalisierte Gruppen Empowerment erfahren können. Gleichzeitig sind die sozialen Medien ein Spiegel der heutigen Gesellschaft, wo auch menschenverachtende Ideologien verbreitet werden und Hass und Gewalt ausgeübt wird.

Sie sind jetzt in einer Position, um strukturelle Probleme angehen zu können. Was muss sich denn am Transsexuellengesetz ändern? Was ist nach wie vor diskriminierend?

Man muss dazu die Historie kennen. Bis Ende der 70er-Jahre hatten transgeschlechtliche Menschen überhaupt keine Möglichkeit, ihre amtlichen Dokumente richtig stellen zu können. Jedoch war dieses Gesetz von Anfang an Unrecht. Trans Personen mussten zunächst ihre Ehe scheiden lassen, bevor sie eine amtliche Personenstandsänderung anmelden konnten. Personenstandsänderungen waren erst dann möglich, wenn trans Personen sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen hatten. In insgesamt sechs Urteilen hat das Bundesverfassungsgericht Teile dieses Gesetzes für grundgesetzwidrig erklärt. Das letzte Urteil stammt aus dem Jahr 2011, als das Bundesverfassungsgericht die Regelung der geschlechtsangleichenden Operation als zwingende Voraussetzung gekippt hat, weil diese Vorgabe mit dem grundgesetzlich geschützten Recht auf körperliche Unversehrtheit unvereinbar ist.

Das ist jetzt elf Jahre her und die unionsgeführte Bundesregierungen hat es seitdem unterlassen, diesen grundgesetzwidrigen Abschnitt aus dem Gesetz zu streichen. Der Europarat hat die Mitgliedstaaten bereits im Jahr 2015 dazu aufgerufen, einfache und transparente Verfahren zur amtlichen Personenstandsänderung einzuführen, die für alle Menschen zugänglich sind und die ohne pathologisierende Zwangsbegutachtungen auskommen. Dennoch ist es bis heute so, dass trans Personen erst einen Antrag bei Gericht stellen, einen ausführlichen trans Lebenslauf ablegen müssen und sich intimste Fragen bei zwei psychologischen Gutachten aussetzen müssen, nur damit ein Gericht über sie entscheidet. 

Und würde es reichen, dieses Gesetz zu überarbeiten? Oder müsste ein komplett neuer Gesetzesentwurf her?

Wir wollen mit einem Selbstbestimmungsgesetz das entwürdigende Transsexuellengesetz ersetzen. Mit einer Selbstauskunft beim Standesamt sollen alle Menschen ohne Zwangsbegutachtung ihren Personenstand korrigieren und einen neuen Vornamen eintragen lassen können.

Wie kann man für trans Personen ein guter Ally sein?

Auch wenn man selbst nicht zur queeren Community gehört, heißt das nicht, dass man nichts tun kann. Tessa Ganserer findet, dass Informationen einholen an erste Stelle stehen sollte – und zwar bei trans Personen. Zuhören, lernen, akzeptieren und für Awareness in der Sprache sorgen, seien laut der Bundestagsabgeordneten erste Schritte, um ein Verbündeter der LGBTIQA+-Community zu sein. 

Auch wenn der Großteil der trans Personen sich im binären Geschlechtersystem verorten, gibt es non-binäre Menschen. Wenn man zum Beispiel bei Social Media oder in der E-Mail Signatur seine eigenen Pronomen angibt, zeigt das anderen Menschen automatisch, dass man eine gewisse Sensibilität dafür hat.

Der Einsatz sollte vor allem nicht nur an einem Tag im Jahr stattfinden. Es reicht nicht aus, am Christopher Street Day die Regenbogenfahne zu schwingen, für Tessa Ganserer wäre es wünschenswert, wenn heteronormative Menschen queere Personen im Allgemeinen mitdenken – und zwar in allen Bereichen – sowie für Aufklärung und Akzeptanz sorgen würden. 

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Brigitte

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