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Vergangenheit des Partners Muss ich alles wissen?

Vergangenheit des Partners
© AStockStudio / Shutterstock
Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Kurz gesagt: Fragt sich das nicht nur, wer eine ­"Vergangenheit" hat?

Jetzt mal ausführlich:

Die Narben hat er ja ohnehin entdeckt. Die Zeugen ihrer Selbstverletzungen. Die konnte sie nicht verbergen. "Da hatte ich mal eine schlechte Zeit", hat sie gesagt. Er hat nur genickt. Weil er gemerkt hat, dass sie nicht weiter darüber sprechen will.

Violetta ist verliebt. Zum ersten Mal, mit Mitte 20. Sie weiß, dass Andre sie verstehen wird. Aber es ist schwer. Sie hat seine Familie kennengelernt, dort sah es nach heiler Welt aus. Dagegen war ihre Kindheit alles, nur nicht behütet. Die Drogenjahre. Die dunklen Familiengeschichten. Es fällt ihr nicht leicht, nur daran zu denken. "Muss ich ihm alles erzählen?", fragt sie. "Müssen? Nein!", sage ich. "Aber wenn du es tust, dann für dich."

Wenn zwei Menschen eine Beziehung eingehen, dann erzählen sie einander fast immer ihr bisheriges Leben. Wir möchten wissen: Wer bist du, Fremde? Wir suchen Sicherheit. Die Geschichten unserer bisherigen Leben auszutauschen, schafft Vertrauen – sobald wir damit aufhören, beeindrucken zu wollen, und auch die wenig ruhmreichen Episoden unserer Vergangenheit teilen. Falls wir das nicht wagen, dann hindert uns unsere Scham. Dann lehnen wir uns selbst ab, sind mit unserem fünf-, 16- oder 30-jährigen Ich nicht versöhnt. Dann verurteilen wir uns, weil wir einen Sohn haben, den wir nie sehen, uns pros­tituiert haben oder spielsüchtig waren. Und haben Angst, den traumatischen Erfahrungen unserer Vergangenheit wieder ausgeliefert zu sein. Doch unsere ungeschönte Lebensgeschichte ist der erste wichtige Schritt aufeinander zu. Wir öffnen uns, machen uns verletzlich. Es ist eine Form der Intimität. Und es gibt keinen anderen Weg. Denn wir können nur einen Schritt aufeinander zugehen, wenn wir es riskieren, zu- rückgewiesen zu werden. Im Laufe einer Beziehung werden wir diese Schritte immer wieder wagen müssen. Nur so lässt sich eine Liebe lebendig halten.

Porträt Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 66, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).
© Ilona Habben

Es gibt dabei auch berechtigte Sorgen. Denn natürlich können wir auf Vorurteile und Ressentiments treffen. Auch wenn jeder heute eine Vergangenheit haben darf. Auch wenn sich jeder unter Aufmerksamkeitsschwund leidende Promi zu Bandenmitgliedschaften oder Essstörungen bekennt. Auch wenn 98 Prozent von uns für immer Single bleiben würden, wenn wir heute so moralisch untadelig und ehrenhaft wie Menschen vor 150 Jahren sein müssten.

Aber würde ich mich andererseits beispielsweise auf jemanden einlassen, der wegen Totschlags einsaß? Die Vergangenheit, die wir nicht teilen, steht als trennendes Geheimnis zwischen uns. Sobald wir in schwierige Konflikte miteinander geraten, brauchen wir das Verständnis der Vergangenheit dringend. Denn nur so können wir verstehen, wieso unser liebster Mensch so panisch und wütend darauf reagiert, wenn wir laut werden. Oder warum wir so oft grund­los seiner Eifersucht ausgesetzt sind.

Und da ist noch etwas. Etwas ganz Wesentliches. Wir werden nie erfahren, dass wir wirklich geliebt werden, wenn wir nicht gänzlich unverstellt und schutzlos offen voreinander stehen. Doch ob wir an diese bedingungslose Liebe glauben, das muss jeder von uns für sich selbst entscheiden.

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BRIGITTE 14/2020

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