Paartherapeut verrät: Das sind die 5 Geheimnisse einer glücklichen Beziehung

Du führst doch sicher eine glückliche Beziehung, oder? Die ehrliche Antwort auf diese Frage lautet: Manchmal ja, manchmal nein. Die Ehe von Oskar Holzberg hält seit 30 Jahren — hier gibt er fünf Tipps für eine glückliche Partnerschaft. 

"Das ist mal ein guter Satz!", sagte mein Sohn, als er "Anna Karenina" von Lew Tolstoi aufschlug und den weltberühmten Anfang des Romans las: "Alle glücklichen Familien ähneln einaner, jeder unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art." —  "Ja", sagte ich "Aber ich glaube, er stimmt nicht. Für Paare jedenfalls stimmt er wohl nicht." Mein Sohn sah vom Buch auf und gab mir den skeptischen Hallo-Alter-Digga-Papa-geht’s-noch?-Blick, der in diesem Fall bedeutete: Du meinst das doch jetzt nicht ernst, oder legst du dich etwa mit der Weltliteratur an? "Na ja", räusperte ich mich. "Kein Paar ähnelt dem anderen, das ist schon klar. Und jedes Paar findet auf seine Art seinen Weg."

Was ist hier zu sehen? Eure Antwort lässt tief blicken ...

Es gibt viele Arten von Partnerschaft

Als Paartherapeut habe ich über die Jahre sehr, sehr viele Paare kennengelernt. Manche davon bewundere ich: So fürsorglich umsorgen sie einander, so klug und offen begegnen sie sich, dass ich glatt neidisch bin. Und dann gibt es Paare, die sind so ignorant miteinander, die reden so aneinander vorbei, aber trotz allem fühlen sie sich tatsächlich irgendwie happy miteinander. Die Probleme aber, an denen Paarbeziehungen zu scheitern drohen, sind fast immer die gleichen.

"Jedes Paar erlebt diese Probleme ein wenig anders", sage ich zu meinem Sohn. "Aber sie sind auf die gleiche Art unglücklich. Sie sind verletzt, erreichen einander nicht mehr, geraten ewig in den gleichen Strudel von Gefühlen und Reaktionen." Der Sohn guckt mich an. "So wie ihr?", sagt er und grinst. Und ich bin froh, dass er den Tolstoi zuklappt und aus dem Zimmer geht. Ja, so wie wir.

Auch Paartherapeuten haben Beziehungsprobleme

Ich denke an die Klienten, die gern zu mir sagen: "Ihnen passiert doch so was nicht. Sie führen doch sicher eine super Beziehung!" Sie sagen das in dieser Mischung aus neugier, Skepsis, Hoffnung und Provokation. Einerseits möchten sie hören, dass ich die gleichen Schwierigkeiten habe wie sie, dass ihre Paar-Probleme ganz normal sind und jeder sie hat, einschließlich mir. Andererseits möchten sie, dass ich auf dem Weg zur idealen Beziehung ganz vorn bin. Dass es wirklich eine Lösung, einen anderen Weg gibt und ich diesen Weg nicht nur kennen, sondern auch weiß, wie man ihn geht. Die Wahrheit ist: Ich führe eine Beziehung wie jeder andere auch. Manchmal, wenn alles gut ist, bin ich zufrieden und denke dann doch, dass es mir hilft, dass sowohl meine Frau als auch ich Paartherapeuten sind. Und manchmal, wenn ich richtig enttäuscht bin und mit Trennungsgedanken durch die Welt laufe, höre ich eine Stimme in mir, die sagt, dass gerade ich mich doch nicht trennen kann: ich, der Paartherapeut. Und dann finde ich mich super bescheuert.

Jedes Paar ist auf seine Weise glücklich

Ich denke noch mal nach und laufe den Flur runter, bis ich meinen Sohn in der Küche finde und sage: "Auf eine Weise hatte Tolstoi dann doch recht." Der Sohn blickt von seinen Nudeln auf: "Tolstoi kann froh sein, dass er dein Hin und Her nicht miterleben muss." Wir beide kichern. "Also", sage ich, "es ist wahrscheinlich alles noch anders." Der Sohn verdreht die Augen und lädt dann ein paar frische Nudeln auf seine Gabel. Er mag keine langen väterlichen Erklärungen. Also fasse ich mich kurz. "Jedes Paar ist auf seine Weise unglücklich. Und jedes Paar ist auf seine Weise glücklich. Aber es gibt ein paar Mechanismen, ein paar Gesetze, die scheinen für alle Paare zu gelten. Zum Beispiel: So, wie die Schwerkraft unweigerlich wirkt, so muss jedes Paar unweigerlich miteinander kommunizieren und wird dabei ein Muster entwickeln. Und so, wie es ohne Sonnenlicht kein Leben gäbe, so brauchen Paare Offenheit, um sich nahe sein zu können. Also ähneln sich alle Paare darin, wie sie unglücklich werden – und wie sie glücklicher werden. Aber trotzdem lebt jedes Paar auf seine ganz eigene Weise." "Darüber hast du ja in deinem neuen Buch geschrieben", sagt der Sohn. "Ich habe es versucht", sage ich. 

Die fünf Geheimnisse einer glücklichen Beziehung

1. Verletzlichkeit und Nähe sind unzertrennbar verbunden.

Verletzlichkeit ist eine Voraussetzung eines erfüllten Lebens. Unter Verletzlichkeit verstehe ich die Bereitschaft, sich zu 
öffnen und unverstellt zu zeigen – und andere so sehen zu lassen, was wir wirklich
fühlen. Verletzlichkeit ist das Herz, der
 Kern naher Beziehungen. Die Voraussetzung, um Intimität mit unserem Partner 
erleben zu können. Und damit auch das 
Risiko einzugehen, tatsächlich mal ver
letzt zu werden. Die Sozialforscherin Brené Brown definierte Verletzlichkeit "als Ungewissheit, Risikobereitschaft und emotionalen Exposition." Wer Ungewissheit nicht erträgt, kann nicht lieben. Wir können uns überhaupt nur verlieben, wenn wir Ungewissheit aushalten. Flirten ist ein einziges Spiel mit der Ungewissheit, ob unsere Gefühle erwidert werden. Und ohne uns verletzlich zu machen, können wir die Lippen nicht zum ersten Kuss öffnen. Wir können unsere Wohnung nicht aufgeben, nicht zusammenziehen. In jeder Phase unsere Liebeslebens begleitet uns Ungewissheit. Verstehen wir uns auch als Eltern noch? Bleiben wir trotz Krankheit und vieler Falten ein Paar? Unsere Innenwelt zu zeigen, ist immer ein Risiko. Wenn wir aufrichtig mit unseren Unsicherheiten und Ängsten sind, dann können uns die anderen bewerten und und wir in ihren Augen als mangelhaft, widersprüchlich oder unreif erscheinen. Wir können beschämt, abgelehnt oder entwertet werden. Wir liefern uns aus, wir geben die Kontrolle ab. Mit unserem Lieblingsmenschen ist das zwiespältig. Einerseits vertrauen wir ihm am meisten, dass er auch unsere Schattenseiten annehmen wird. Andererseits fürchten wir bei keinem anderen so sehr, dass wir seine Zuwendung verlieren könnten.

Verletzlichkeit bedeutet, unserem Liebsten unsere Eifersucht auf seine neue Kollegin zu zeigen. Und sie nicht scham­voll zu schlucken oder wütend zu bekämpfen, weil wir fürchten, dabei lächerlich zu erscheinen. Es bedeutet, über seine uncharmante Bemerkung über unseren Po nicht hinwegzugehen. Unsere Selbstzweifel über unsere Attraktivität nicht in uns wegzuschließen und uns cool zu geben, sondern zu zeigen, dass uns sein Spruch verunsichert hat. Verletzlichkeit und Nähe sind untrenn­bar miteinander verbunden. In Augenbli­cken großer Nähe sind wir unverstellt und authentisch, und haben das Gefühl, sowohl bei uns als auch bei unserem Part­ner anzukommen. Nah können wir einander aber nur kommen, wenn wir unsere Alltagsrüstung ablegen. Wer liebt, ist verletzlich. Wer sich nicht mehr verletz­lich macht, verliert die Liebe. Dass Paare häufig miteinander spre­chen sollen, ist mittlerweile so ein Allgemeinplatz, dass einem dieser Rat schon wieder zu den Ohren herauskommt. Doch natürlich ist es kein dummer Ratschlag. Besonders, wenn wir verstanden haben, dass mit "Beziehungsgesprächen" ge­meint ist, uns selbst unsere Gefühle zu erlauben und sie dann mit dem Partner zu teilen. Andererseits haben wir manchmal den Eindruck, man könnte alles zerreden. Ein Argument, das natürlich die am vehemtesten vorschieben, die Angst haben, im Gespräch aus unangenehme Einsichten und Gefühle zu stoßen. Denn wir bekommen das Gefühl des "Zerredens", wenn unser Dialog immer wieder um das Gleiche kreist und nicht von der Stelle kommt. Das genau ist ein Zeichen dafür, dass niemand den Schritt in die Verletzlichkeit wagt, sondern wir beide in unseren Komfortzonen verharren und nur altbekannte Argumente austauschen. Können wir uns entscheiden, selbst voranzugehen? Was sprechen wir aus, und was behalten wir für uns? Welche inneren Diskussionen führen wir mit uns selbst, und was davon lassen wir unseren Partner wirklich erfahren?

Verletzlichkeit kann ein positiver, sich selbst verstärkender Kreislauf in einer Beziehung werden. Dann kommen wir dem näher, was wir im Grunde in Liebes­beziehungen suchen: einen Ort, an dem wir uns trotz Unvollkommenheit geliebt fühlen. Doch damit wir dorthin gelangen, müssen wir unsere Macken zeigen. Nur sehr uneinfühlsame Menschen reagieren auf die Unsicherheit anderer mit Härte oder Spott. Wenn sich ein Partner verletzlich zeigt und der andere reagiert darauf mit Offenheit, dann fühlt sich diese Begegnung wie die Macht der Liebe an. Verletzlichkeit verbindet uns und vertieft unsere Bindung. Aber der Prozess, uns zu öffnen und uns anzu­vertrauen, ist immer wieder aufregend. Verletzlichkeit zu leben verhindert, dass unsere Beziehung langweilig und einge­ fahren wird. Denn was wir in uns entdecken, was wir voreinander öffnen können, ist eine unendliche Entdeckungsreise.

2. Rituale sind Beziehungsbarometer.

Paare spiegeln sich in ihren Ritualen. Wir beobachten ihre Rituale und schließen daraus, was für eine Beziehung sie führen. Er hilft ihr stets kavaliersmäßig in den Mantel. Sie berühren einander, wem sie am Tisch sitzen. Sie necken sich spielerisch als Spießerin und Angeber. Paare erschaffen von ihrer ersten Begegnung an gemeinsame Rituale. Einmal im Jahr an der Berliner U­-Bahn Station auszusteigen, an der wir uns kennengelernt haben, das erscheint uns als wahres Ritual. Am Sonnabendvormittag nach der gemeinsamen Supermarktsause noch einen Espresso bei Toni zu nehmen, betrachten wir dagegen eher als Mischung aus nervigem Alltagstrott und lieb gewonnener Gewohnheit. Doch die kleinen Dinge beherrschen unser Leben. Sie sind entscheidender für unser Liebesleben, als bei Capri die Sonne ins Meer versinken zu sehen. Unsere kleinen rituellen Gewohnheiten, unsere Alltagsrituale, sind wie die Haken, zwischen denen wir das Gewebe unserer Beziehung aufspannen. Sie bewahren unsere Geschichte und führen sie fort. Wir tun daher gut daran, sie ernst zu nehmen, sie zu pflegen und ihre Bedeutung nicht zu unterschätzen.

Ein flüchtiger Abschiedskuss hat keine Chance, unter die 1000 bedeutungsvollsten Küsse des Lebens zu kommen, er ist ein "Als ob"-Kuss, kein berührendes oder gar erotisches Lippenspiel. Trotzdem ist er bedeutungsvoll. Weil uns dieser rituelle Schmatzer beruhigt und verbindet. Das Küsschen an der Haustür bestätigt die Ordnung unseres Liebeslebens: Es ist, wie es ist, es bleibt, wie es ist. Bewusst denken wir nur über unsere Rituale nach, wenn sie nicht eingehalten werden. Dann sind wir irritiert, werden aufmerksam und versuchen zu verstehen, wieso das Ritual gebrochen wurde. Wenn wir uns morgens gestritten haben und unser Partner uns abends wie gewohnt in den Arm nimmt, dann ist unser positiver Bezug zueinander wiederhergestellt. Wenn er allerdings nur "Hallo" in den Flur murmelt, dann wirkt das Ankunftsritual wie ein Tsunami-Warnsystem. Das nicht eingehaltene Ritual macht deutlich, dass seine Verstimmung uns gilt.

Wir können sie in Beziehungen nicht faken — obwohl Rituale voller "Als ob"-Kommunikation stecken. Eine Klientin kam hinter die Affäre ihres Mannes, weil er in ihrem Begrüßungsritual irgendwie steif auf sie wirkte. Sie hatte sonst keinerlei Verdacht, ihr Mann war wie immer. Er konnte seine Schuldgefühle überall verbergen. Nur in der symbolisierten Nähe des fein abgestimmten Begrüßungsrituals gelang es ihm nicht. Kleine Rituale sind eine großartige Möglichkeit, unsere Beziehung zu verändern. Wie wir wissen, es ist schwer, uns zu verändern. Wir können zwar einsehen, dass wir zu viel kritisieren oder zu abweisend auf unseren Partner reagieren, aber es existiert kein Schalter, den wir einfach umlegen können, um von jetzt an freundlicher zu sein. Wir brauchen etwas, was wir konkret tun können. Wir brauchen etwas, in dem wir bereits der Mensch sein können, der wir erst werden wollen — ohne dass wir uns dabei falsch, unehrlich oder verlogen vorkommen.

Wir brauchen ein neues kleines Ritual, um so Veränderungen anzustoßen. So können wir beschließen, jeden Abend vor dem Einschlafen den Tag durchzugehen und etwas zu finden, wofür wir unseren Partner loben können. Vielleicht müssen wir zunächst auf unserem Smartphone eine Erinnerung daran einrichten. Aber allmählich wird es uns zur Gewohnheit werden. Vielleicht fällt uns zunächst auch gar nichts ein. Oder wir wehren uns innerlich, zu loben, wo wir gleichzeitig noch voller Kritik stecken. Aber wenn wir unser kleines Ritual durchhalten, wird es unsere Wahrnehmung verändern. Wir werden mehr auf lobenswerte Dinge achten. Wir werden unserem Partner gegenüber mehr Anerkennung zeigen. Und auf Dauer wird es sogar uns selbst verändern, und wir werden anerkennender werden. Was "als ob" beginnt, verwandelt sich langsam in Wirklichkeit.

3. Wir müssen Enttäuschungen und Schmerz ansprechen – und vor allem uns selbst eingestehen.

Wenn unser Liebespartner genau dann nicht da ist, wenn wir ihn am meisten brauchen würden, können Bindungsverletzungen entstehen. Wenn wir sehr krank sind oder tief trauern. Vor wichtigen Prüfungen oder Entscheidungen. Wenn er einen wichtigen Job-Termin auf den Tag der beerdigung unserer Lieblingstante legt. Wenn er versprochen hat, selber Elternzeit zu nehmen, dann aber gnadenlos eine Firma hochpusht und uns mit dem neuen Erdbewohner alleinlässt. Wenn wir eisern gespart haben und unser Partner jetzt unser gemeinsames Vermögen leichtfertig verspielt, dann zerbricht unser Vertrauen. Die häufign und komplexeste Bindungsverletzung in Beziehungen sind Affären. Bindungsverletzungen bedeuten: Wir lassen uns dann nicht wieder so auf die Beziehung ein, wie vor unserer Enttäuschung. Wir bleiben reserviert, oft ohne es selbst zu bemerken. So, als würden wir uns nicht mehr wirklich an den Partner anlehnen, sondern immer darauf achten, auf den eigenen Füßen zu stehen. 

Manchmal ist es nur eine Bemerkung oder alltägliche Situation, die uns nachgeht. Als er sagte, seine erste Liebe sei etwas Unerreichbares. Als sie zum Geburtstag ihrer Freundin fuhr und uns mit dem Wasserschaden in der Wohnung alleinließ. Wir sind enttäuscht, fühlen uns nicht gesehen und alleingelassen. Wir wollen solche Enttäuschungen oft gar nicht so wichtig nehmen. Aber sie hallen in uns nach. Wir versuchen, es beiseitezuschieben, es soll Vergangenheit sein. Aber es hört nicht auf. Wenn wir in uns hineinhorchen oder im alltäglichen Miteinander enttäuscht werden, dann wird die eingekapselte Verletzung in uns berührt, und der Schmerz steigt in uns auf. Daran können wir erkennen, dass es eine Bindungsverletzung gegeben hat. Dass etwas zwischen uns steht, das unseren gemeinsamen Weg als Paar belastet, wie ein schwerer Rucksack, den einer von uns ständig mit sich herumschleppt. Wir möchten darauf vertrauen können, dass der Partner für uns da ist, wenn wir uns hilflos fühlen und Geborgenheit suchen. Den Partner so zu brauchen, mag uns abhängig und kleinkindhaft erscheinen. Doch wir sind in Liebesbeziehungen so abhängig, und eine Bindungsverletzung führt zu Angst und Verunsicherung. Wir haben Angst, es könnte wieder geschehen. Unser Partner ist kein sicheres Gegenüber mehr. Wir bewegen uns dann nicht mehr frei aufeinander zu. Und es kann dazu führen, dass wir uns unmerklich in kleinen Schritten aus unserer Liebesbeziehung verabschieden. Wir sind enttäuscht. Wir bemühen uns vergeblich. Wir resignieren nach und nach. Und letztlich engagieren wir uns nicht mehr für unsere Partnerschaft. Wir lassen sie im Sand verlaufen.

Im Beruf nennen wir es innere Kündigung: Man macht seinen Job noch, aber ohne wirkliches Interesse, ohne Bereitschaft, sich einzusetzen. Auch in unserer Beziehung handeln wir noch, aber es berührt uns nicht mehr. Und es erfüllt uns schon gar nicht mehr. Wir fühlen uns leer, unverbunden, wir leben nebeneinanderher. Plötzlich sind wir eines jener schweigsamen Ehepaare am Restauranttisch, die wir als Jugendliche ungläubig bestaunten. Wir wissen, dass wir in unserer Liebesbeziehung nicht ständig das Gefühl haben werden, vor Glück platzen zu können. Aber die Grenze zwischen gesundem Realismus und einer inneren Kündigung verläuft dort, wo wir resignieren. Es wir immer wieder Situationen geben, in denen wir uns im Stich gelassen fühlen. Weil er wirklich nicht an unserer Seite war, oder weil er unsere Erwartungen enttäuscht hat, die möglicherweise auch unrealistisch waren. 

Shit happens. Wir sind nicht davor geschützt. Aber es belastet unsere Liebe, wenn wir uns die Enttäuschung und den Schmerz nicht eingestehen. Wenn wir dann nicht miteinander klären, was uns verletzt hat, und das Vertrauen wiederherstellen. Eine nicht wiedergewonnene Sicherheit wirkt kraftvoll wie alles Unerledigte in der Psyche. Es ist wie mit einem nicht zu Ende gemalten Bild: Jedes Mal, wenn wir es betrachten, ruft es in uns das Bedürfnis hervor, es fertig zu malen. Was nicht beendet ist, wirkt mächtig in uns. Es hält uns in einer Spannung, in der unsere Psyche aktiv bleibt. Wir sollten daher nicht versuchen, über Bindungsverletzungen hinwegzusehen, weil das Erlebte in der Vergangenheit liegt und es in der Beziehung doch gerade super läuft. Es läuft nur super, weil wir stillhalten. Nicht, weil wir wirklich wieder auf sicherem Boden stehen.

4. Sex ist wichtig. Auch wenn er nicht immer ein Feuerwerk ist, sondern manchmal nur ein Herdfeuer.

Sexualität in festen Liebesbeziehungen, so viel wissen wir, ist nach einiger Zeit kein Selbstzünder mehr. Es wird schwieriger, einander zu begehren. Wenn Erregung eine Mischung aus Anziehung und den Hindernissen ist, die wir überwinden müssen – wie soll man dann jemanden begehren, zu dem es keine Distanz gibt? Mit "hot or not" – der Vorstellung, dass man auch in festen Beziehungen nur Sex hat, wenn man wieder so richtig heiß aufeinander ist – kommen wir daher nicht weiter.
Wenn wir in ein Restaurant essen gehen, müssen wir das vorher beabsichtigt, beschlossen und vorbereitet haben. Und wenn wir Sex haben wollen, ist das nicht anders. Partnersexualität bleibt lebendig, wenn sie weit oben auf unserer emotionalen To-do-Liste steht.

Das klingt schrecklicher, als es ist. Denn wir organisieren unsere Gefühlswelt ständig ganz bewusst und geplant: Wir beschließen ein Wochenende allein
 mit unserem ältesten
Kind zu verreisen,
 weil wir uns ihm nicht mehr so nah fühlen. Wir rufen unsere Freundin an,
 um den Kontakt zu halten. Ist es so anders, das Wochenende nicht lückenlos zu verplanen, damit wir Zeit für Sex haben, wenn wir unseren Partner ganz nah spüren möchten? Oft braucht es sexuelle Stimulation, bevor überhaupt Lust aufkommt. Auf die Lust zu warten ist dagegen eher eine effektive Form der Empfängnisverhütung. Über die Erregung zur Lust zu gelangen ist der gangbarere Weg. Das heißt: bereit sein, sich auf stimulierende Berührungen ein zulassen, ohne schon heiß auf Sex zu sein. Sexualität in langjährigen, festen
 Beziehungen braucht vor allem eine sichere emotionale Basis. Doch eine sichere Bindung führt keineswegs automatisch zu lustvoller Bindungssexualität. Wohlige Geborgenheit und Vertrautheit sind das emotionale Kissen, auf dem wir unsere Sexualität betten können. Aber damit wir vor lauter vertrauter Wonne nicht mitsamt unserer Sexualität sanft entschlummern, brauchen wir Wege, die uns in unsere Lust führen. 

Im weiten Feld der sexuellen Lustmöglichkeiten finden wir auf der einen Seite die unpersönliche Sexualität der Seitensprung-Portale und Darkrooms. Sex als Luftabfuhr. Am anderen Pol die meist esoterisch angehauchte, bewusste sexuelle Begegnung, die nach tantrischer Tradition Sinnlichkeit als Weg zu einer tiefer gehenden Vereinigung begreift. Mit der Person, die uns am vertrautesten ist, unpersönlichen Sex zu haben, ist widersinnig. Wir brauchen in der Langzeitbeziehung Wege des körperlichen Kontakts, der Gefühle ein- und nicht ausschließt. Deshalb lohnt ein Blick auf  die "tantrische" Ideen zu Sexualität, ohne dass wir dir esoterischen Anteile aufgreifen müssen. Yoga betreiben wir Westler schließlich auch nicht mehr, um im Kopfstand ins Nirvana einzugehen, sondern um im "Kamel" unsere kurzgesessenen Muskeln zu dehnen.

Während Yoga Körper und Geist zu beherrschen lehrt, schlägt die Tantra-Tradition den umgekehrten Weg vor. aufeinander ist — kommen wir daher matisch zu lustvoller Bindungssexualität. Dem körperlichen Erleben bewusst zu folgen, Sinnlichkeit auszuweiten und in der Sexualität vom Tun und Handeln zu Sein und Erleben zu wechseln. Die Erregung ganz absichtsvoll immer wieder zu drosseln und über bewusstes Atmen das Erleben zu vertiefen. "In Wahrheit sind die Menschen viel zu erregt, um richtig guten Sex zu haben", sagt die Tantra-Lehrerin Diane Richardson. Und meint damit, dass wir mehr erleben, wenn wir auch in der Sexualität absichtsloser, viel langsamer und behutsamer handeln. "Sex gibt uns auf unvergleichlich intensive Weise das Gefühl, dass wir richtig und in Ordnung sind", wie es der Sexualpsychologe Christoph Ahlers formuliert. Wir erfahren in unserer gemeinsamen Sexualität im Idealfall das, wonach wir letztlich emotional in Liebesbeziehungen suchen. Sex an sich ist großartig. Aber deshalb allein kann er in unseren Beziehungen nicht immer großartig sein. Und das ist der letzte Mythos, den wir aufgeben sollten: dass Sex immer ein Feuerwerk sein muss. Manchmal brauchen wir ja nur ein Herdfeuer, an dem wir uns wärmen können.

5. Wir sind nicht ein Paar. Wir sind viele Paare.

"Everything is always constantly changing." Der buddhistische Meditationslehrer Joseph Goldstein wurde nicht müde zu vermitteln, dass es keinen Stillstand gibt. Alles ist in ständiger Bewegung. Das gilt auch für unsere Liebesbeziehungen. Jeder Partner verändert sich stetig, wird älter, lernt, entdeckt, macht neue Erfahrungen. Und auch zueinander befinden wir uns in ständiger Bewegung. Entweder wir bewegen uns aufeinander zu oder wir entfernen uns voneinander. Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Auch nicht in den Fluss der Liebesbeziehung. Eine feste Beziehung ist paradoxerweise höchst beweglich. Sie bleibt nur bestehen, wenn wir uns immer wieder aufeinander zubewegen. Im Konflikt entfernen wir uns, in der Klärung nähern wir uns wieder. Im Alltag verlieren wir uns aus den Augen, in der Sexualität finden wir uns wieder. Wir pendeln ständig zwischen Nähe und Distanz. Manchmal im ständigen schnellen Wechsel, in anderen Phasen in stetigeren Bewegungen. Aufeinander zu
in der ersten Phase
des Kennenlernens 
und der Verliebt
heit oder in Phasen
der Wiederannäherung nach Krisen.
 Voneinander weg in
 Krisenzeiten, wenn
die Beziehung infrage gestellt ist, wenn zunächst nicht lösbare Konflikte die Beziehung bestimmen. Wir sind nicht ein Paar, wir sind viele Paare. Das Studentenpaar, das sich in der Wohngemeinschaft lieben gelernt hat, ist nicht das Elternpaar mit zwei Kindern, das ein paar Jahre später im Stadtteil mit Einfamilienhausbebauung lebt. Und in dem 50plus-Paar, in dem sie überlegt, wann sie ihre PR-Agentur verkauft und er seine Energie in den Vorsitz des Rudervereins steckt, sind die jungen Eltern kaum noch sichtbar. Deshalb muss sich jedes dieser Paare immer wiederfinden, um seine Nähe zu erhalten.

Die Kunst, eine Beziehung zu führen, liegt darin, sich auf den anderen hinbewegen zu können. Und dazu gehört es, achtsam dafür zu sein, wenn wir uns voneinander wegbewegen. Ein einfaches Rezept, wenn es nur nicht so schwierig wäre. Wir sind Beziehungswesen mit dem Bedürfnis nach Bindung und emotionaler Geborgenheit. Wir suchen emotionale Resonanz. Und wir besitzen ein feines Gespür dafür, ob sich dieses Bedürfnis erfüllt. Ob wir unseren Partner gefühlsmäßig erreichen können, oder ob uns das nicht gelingt. Davon hängt es ab, ob wir uns nah und gebunden oder distanziert und isoliert fühlen. Auf die gefühlsmäßig bedrohliche Distanz reagieren wir mit Ärger oder Abwehr und geraten darüber durch unsere ständig kreisende Kommunikation in immer tiefere und schwieriger aufzulösende Verstrickungen. Wenn wir uns in unseren Liebesbeziehungen "Liebe ich ihn noch?" fragen und "Liebt er mich noch?", dann fragen wir danach, wo wir gerade emotional miteinander stehen.

Ob wir uns voneinander entfernen und voreinander verschließen oder uns annähern und für einander öffnen. Das ist gewiss nicht alles, was die Liebe ausmacht. Aber es erlaubt uns zu verstehen, was wir tun können. Unsere Wahrnehmung, in unserer Beziehung "sei es wie immer" ist ein Trugschluss. Wie die Rote Königin in "Alice im Wunderland" sagt: "Nun, hier, verstehst du, musst du so schnell rennen, wie du kannst, um auf der gleichen Stelle zu bleiben. Wenn du woanders hinkommen willst, dann musst du mindestens doppelt so schnell laufen!" Wir strampeln uns in Beziehungen oft wahnsinnig ab, ohne auch nur einen einzigen Schritt von der Stelle zu kommen. Aber wir müssen nicht doppelt so schnell laufen, um woanders hinzukommen. Es genügt, wenn wir verstehen, wohin wir uns gerade bewegen. Wenn wir wissen, wodurch wir unsere Nähe zueinander verlieren. Und wie wir uns wieder aufeinander zubewegen können.

Zum Autoren: Oskar Holzberg

Oskar Holzberg, 64, ist nicht nur niedergelassener Psychotherapeut mit Schwerpunkt Paartherapie und eigener Praxis in Hamburg, sondern auch Autor und BRIGITTE-Kolumnist. In jeder Ausgabe schreibt er für uns über einen "Satz der Liebe", dem er in seiner mehr als 20-jährigen Laufbahn im Umgang mit zahlreichen Paaren begegnet ist. Oskar Holzberg ist seit über 30 Jahren mit
 der Psychologin Claudia Clasen-Holzberg verheiratet, die ebenfalls als Paartherapeutin arbeitet. Die beiden haben drei mittlerweile erwachsene Kinder – und über die Jahre alle Höhen und Tiefen einer Beziehung selbst erlebt. In seinem gerade erschienenen Buch "Neue Schlüsselsätze der Liebe: Was Beziehungen scheitern und was sie gelingen lässt" findest du neben den neuesten BRIGITTE-Kolumnen auch eigens dafür verfasste Kapitel, aus denen wir Auszüge für dieses Dossier verwendet haben. Das Buch ist im Verlag Dumont erschienen, hat 242 Seiten und kostet 20 Euro. Auf der Verlagswebseite gibt es weitere Infos.

BRIGITTE 25/2017

Wer hier schreibt:

Oskar Holzberg
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