In Dessous fühle ich mich total verkleidet

Dessous sehen an ihr so aus, als ob man Girlanden an einen Hochspannungsmast knotet, findet Meike Winnemuth. Sie trägt lieber Schlüpper als schöne Wäsche.

"Unten drunter" - eine Kolumne von Meike Winnemuth

Die Kolumne stammt aus dem Buch "Um es kurz zu machen" mit den besten Geschichten der Journalistin und Autorin Meike Winnemuth. Knaus Verlag, 208 Seiten, 16,99 Euro.

Auf einer dieser Partys, die morgens um vier mit dem Flambier-Cognac der Gastgeber enden, habe ich mal eine Marketingspezialistin eines Wäscheherstellers kennengelernt, die eine zirkusreife Nummer draufhatte: Sie konnte jeder anwesenden Frau auf den Kopf zusagen, welche Art von Unterwäsche sie trug. Noch besser: welche sie an diesem Abend trug, welche normalerweise tagsüber und welche vor zehn Jahren. "Okay, du da: Balkonett-BH mit nicht passendem Höschen, todsicher weiß, wahrscheinlich Malizia. Normalerweise Calida, früher mal Sloggi, eher pastellig - nein, halt: eher verwaschen. Du: 100 Prozent Baumwolle, 100 Prozent der Zeit. Du bist der kochfeste Typ. Du: heute Bügel-BH, deinem Freund zuliebe. Sonst immer Jogging-BHs. Du findest deine Brüste lästig." Die Beschriebenen nickten schockiert bis beschämt; einige mussten nachgucken, was genau sie eigentlich anhatten, und nickten dann noch beschämter.

Als ich sie nach dem Trick fragte, sagte sie nach einem langen Blick ("Hanro, schwarz, stimmt’s?"): "Ich weiß es selbst nicht. Körperhaltung, Frisur, Auftreten, Absatzhöhe, ob jemand Wein oder Cocktails trinkt, wie viele Ringe, so Sachen. In der Regel kann man einer Frau die Unterwäsche an den Augen ablesen. Bei dir bin ich mir allerdings nicht ganz sicher. Vom Kopf her bist du Boy-Cut, aber wie du dastehst, ist es String."

Unterwäsche oder, wie wir Norddeutschen sagen, Schlüpper finde ich auch nach mehreren Jahrzehnten Frausein immer noch ein schwieriges Thema. Mit der Figur eines leptosomen 15-Jährigen haben mich BHs all die Jahre eher theoretisch interessiert, schon weil sogenannte "schöne Wäsche" mit kleinen rosa Schleifchen und kleinen weißen Rüschchen an mir so aussieht, als ob man Girlanden an einen Hochspannungsmast knotet. Vielleicht ist es deshalb auch nur blanker Neid, dass das Wort "Dessous" für mich nicht sexy klingt, sondern nach erotischem Fasching, nach angestrengter Unbequemlichkeit, kratzender Polyester-Spitze und Verzweiflung: Ihre Ehe ist eingeschlafen? Kaufen Sie sich ein paar schöne Dessous und zünden Sie eine Kerze an.

180 Euro für ein paar Quadratzentimeter Spitze ausgeben? Nee!

Der Job von Unterwäsche besteht für mich darin, das, was man drüber trägt, so gut wie möglich aussehen zu lassen. Tragischerweise ist Unterwäsche, die unter Klamotten gut aussieht, niemals Unterwäsche, die ohne Klamotten gut aussieht. Strings: toll unter Jeans, entsetzlich ohne Jeans, wenn sie plötzlich ein paar fahle Pobacken freilegen, die dringend mal wieder ins Fitnessstudio müssten. Umgekehrt Spitzen-BHs: an sich entzückend, aber absolut trashig, wenn sie sich unter T-Shirts abzeichnen. Man muss sich also entscheiden zwischen Wäsche, in der man angezogen gut aussieht, und welcher, in der man nackt gut aussieht. Und wenn man bedenkt, wie viel Prozent seiner Lebenszeit man nur in Unterwäsche durch hoffentlich gut beheizte Räume läuft, ist die Rechnung eigentlich ganz einfach, oder?

Aber die Erotik, werden Verfechter von Dessous jetzt einwenden. Und dass man sich selbst verwöhnt, wenn man was Schönes drunter trägt. Ich bin ein großer Anhänger des Selbstverwöhnens, aber 180 Euro für ein paar Quadratzentimeter Spitze auszugeben, die man mit Baumwollhandschuhen anziehen und nach dem Tragen augenblicklich mit Babyshampoo waschen muss - nee, das gehört nicht dazu. Und schließlich, auch dies eine Einsicht nach mehreren Jahrzehnten Frausein: Männer muss man nicht verführen, man muss sich nur möglichst zügig ausziehen, das reicht in der Regel. Er wird nicht die geringste Ahnung haben, was Sie eben noch anhatten.

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