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Beauty aus dem Wald Darum sind Pilze für die Kosmetikbranche bedeutsam

Heil- oder Vitalpilze wachsen im Wald, werden aber auch in vertikalen Gewächshäusern gezüchtet.
Heil- oder Vitalpilze wachsen im Wald, werden aber auch in vertikalen Gewächshäusern gezüchtet.
© Jan Rickers
In der Naturheilkunde werden Pilze seit Jahrtausenden eingesetzt. In der Kosmetik gelten sie als Stoff der Zukunft. Dabei sind viele Arten noch nicht mal erforscht. Was können Lackporling, Silberohr und Shiitake wirklich?
Judith Kriener

Wie frisch lackiert steht er da im Wald, angeschmiegt an den Stamm einer Eiche: ein Glänzender Lackporling. Besser bekannt unter seinem japanischen Namen Reishi, der so viel wie „göttlicher Pilz“ bedeutet. Seit über 4.000 Jahren wird der Göttliche schon zur Verschönerung der Haut verwendet, stärkt und glättet sie und bringt sie zum Strahlen. Ein alter Hut also? Von wegen! Pilze, und zwar nicht nur solche hübschen Exemplare wie der Glänzende Lackporling, gelten heute in den verschiedensten Bereichen als der Stoff der Zukunft.

Pilz im Wald
Etwa 150 000 Pilzarten sind bekannt, es soll aber bis zu 6 Millionen geben.
© Jan Rickers

Was Exemplare wie den Lackporling so bedeutsam macht, ist der nachhaltige Anbau. Im Naturkreislauf fungieren Pilze nämlich als kleine Recyclinganlagen, indem sie sich um die Zersetzung organischer Abfallprodukte kümmern. Sie wachsen deshalb gut auf Materialien, die sonst ungenutzt bleiben würden, wie Stroh oder Holzspäne. Die meisten Arten benötigen zudem sehr wenig Licht und können deshalb sogar in vertikalen Gewächshäusern in mehrstöckigen Regalen gezüchtet werden. So lässt sich außerdem noch Anbaufläche sparen.

Ein Teil unserer Haut

In unserem Leben sind Pilze allgegenwärtig. Bis heute sind 150.000 Arten bekannt, man schätzt aber, dass es bis zu sechs Millionen geben könnte. Sie sind im Boden, im Meer und in der Luft zu finden – und mikroskopisch klein auch auf unserer Haut und im Körper. Dort sind sie Teil des Mikrobioms, des großen Teppichs auf der Hautoberfläche und im Darm.

Skincare-Tipp: Hier gärt was Gutes 

Winzig kleine, für das bloße Auge unsichtbare Pilze spielen auch bei fermentierter Kosmetik, dem aus Korea stammenden Beauty-Trend, eine riesige Rolle. Beim Fermentieren, also bei dem Gären von Inhaltsstoffen wie Kräutern oder anderen Pflanzen, wird Hefe verwendet, einzellige Pilz-Mikroorganismen. Diese, erklärt Naturkosmetik-Pionierin Susanne Kaufmann, „stoßen den Prozess des Fermentierens überhaupt erst an.“

Pilz-Mikroorganismen haben sowohl antioxidative als auch zellerneuernde Eigenschaften und können die Geschmeidigkeit und Textur der Haut deutlich verbessern.

Kaufmann, die in vielen ihrer Produkte Hefe als Hauptwirkstoff einsetzt, weiß über diese zentralen Benefits Bescheid. Die Verbesserung der Haut hat noch einen besonderen Grund: Indem Hefe beim Fermentieren pflanzliche Bestandteile zersetzt, wandelt sie große Moleküle in kleine um. Wertvolle Wirkstoffe werden so freigegeben, und die Bioverfügbarkeit wird erhöht. Antioxidantien, Enzyme und Vitamine können besser in die Haut einziehen und ihre volle Wirkung entfalten.

Altes Heilwunder, neues Kosmetikpotenzial

Heil- oder Vitalpilzen, von denen viele essbar sind, wird eine gesundheitsfördernde Wirkung zugesprochen. Sie blicken auf eine lange Tradition in der asiatischen und europäischen Heilkunde zurück. Auch in der Kosmetik wird eine Reihe von ihnen schon seit Jahrtausenden verwendet. Denn Heilpilze haben Eigenschaften, welche die Haut gesünder, jünger und frischer aussehen lassen. Das wissen wir heute immer noch zu schätzen.

Besonders beliebt sind zum Beispiel der Chaga mit seinen antioxidativen Eigenschaften, der Shiitake, der für einen gleichmäßigen Hautton sorg und der Reishi, der die Haut vorm zu schnellen Altern bewahrt. 
Besonders beliebt sind zum Beispiel der Chaga mit seinen antioxidativen Eigenschaften, der Shiitake, der für einen gleichmäßigen Hautton sorg und der Reishi, der die Haut vorm zu schnellen Altern bewahrt. 
© Jan Rickers

Der Eingangs erwähnte Glänzende Lackporling trägt in Asien den Beinamen „Pilz des ewigen Lebens“, denn ihm wird die Fähigkeit zugesprochen, das Altern aufzuhalten. Und zwar, indem er die Hautbarriere stärkt und den Teint widerstandsfähiger macht. Deshalb hat Susanne Kaufmann ihn auch für ihr neuestes Serum ausgewählt. „Darin ist reines Vitamin C in hoher und damit sehr wirksamer Konzentration enthalten“, erklärt sie. „Um trotzdem ganz sanft zur Haut zu sein, setzen wir auf Reishi als Teil eines innovativen Trios aus Pilzextrakten, das anti-irritierend und sehr pflegend wirkt.“ Das Trio besteht außerdem aus dem reizlindernden Semmelporling und dem Zitterpilz.

Sein Extrakt hat eine ganz ähnliche Molekularstruktur wie Hyaluronsäure.

Guylaine de Loarer, Leiterin Forschung und Entwicklung bei Annemarie Börlind erläutert die Besonderheit der geleeartigen Konsistenz: Der Zitterpilz, auch Silberohr oder Schneepilz genannt, sei ein echter Feuchtigkeitsbooster. Wie Hyaluronsäure kann auch der Zitterpilz große Mengen an Wasser binden und sorgt so für eine pralle, gut durchfeuchtete Haut. „Wir verwenden ihn gern als Alternative zu Hyaluronsäure, weil er noch vielseitiger ist“, so die Expertin, „er wirkt zusätzlich antioxidativ und schützt vor freien Radikalen.“ Bei Annemarie Börlind wird der biozertifizierte Extrakt des Zitterpilzes deshalb bereits seit 2010 verwendet, etwa in der Aquanature-Serie.

Eine nachhaltige Alternative

Unterirdisch verbirgt sich ein weit verzweigtes, oft riesiges Pilzgeflecht, das sogenannte Myzel. Diesem Myzel gilt momentan großes Interesse, denn aus ihm lassen sich Produkte entwickeln, die besonders ökologisch und nachhaltig sind. Aus seinen Fasern werden etwa Handtaschen hergestellt, da Myzel eine gute vegane Option zu Leder darstellt. Auch Styropor durch die Fasern ersetzen – das ist auch für die Beauty-Industrie interessant, denn die produziert bekanntlich eine Menge Verpackungsmüll.

Schönes, gut verpackt

Naturkosmetik-Labels wie Naya oder Wildsmith Skin gehören zu den ersten, die mit Verpackungen aus Myzel arbeiten. Aber auch ein großer Beauty-Player wie L’Oréal zeigt Interesse und prüft derzeit, ob die Verwendung von Pilzfasern in Zukunft für ihn machbar ist. Der riesige Vorteil: Myzel kennt in der Natur kaum eine Begrenzung und wächst rasend schnell. Das heißt, auch die Verpackungen lassen sich sehr schnell (nach-)produzieren. In Spezialbehältern benötigt das Myzel etwa fünf Tage, um zu wachsen, dann wird es zwei Tage getrocknet und ist einsatzbereit. Wird es nicht mehr gebraucht, ist es etwa innerhalb eines Monats komplett kompostierbar.

Neben Myzel-Verpackungen für Tiegel und Fläschchen sollen im Beauty-Regal demnächst sogar nachhaltige Sheet-Masken, Make-up-Applikatoren und Augenmasken-Pads aus Pilzfasern zu finden sein. Pilze lassen uns also nicht nur großartig aussehen, sie eröffnen uns außerdem eine Menge innovativer und nachhaltiger Möglichkeiten. Da bleibt nur eins: Wir ziehen den Hut vor Lackporling & Co.!

Produktion: Sarah Harms Brigitte

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