Ohne Models: Zu jung, zu hübsch, zu hässlich?

Für unsere "Ohne Models"-Initiative bekommen wir viel Lob. Aber nicht nur. Manche finden unsere Frauen zu jung, zu hübsch, zu hässlich. Drei Leserinnen diskutieren mit BRIGITTE-Chefredakteurin Brigitte Huber und Moderedakteurin Anne Petersen.

BRIGITTE: Frau Eberleh, Sie haben uns zu Beginn der "Ohne Models"-Initiative Fotos geschickt, um selbst mitzumachen. Mittlerweile sind ein paar Monate vergangen. Hätten Sie immer noch Lust, für uns fotografiert zu werden?

Bettina Eberleh: Ich bin eher zögerlich geworden. Inzwischen habe ich ein paar Ausgaben ohne Models verfolgt. Am Anfang war ich sehr gespannt: Wer sind die Leserinnen, die sich da bewerben, wie sieht die normale Frau von heute aus? Aber die Frauen, die ich in der BRIGITTE sehe, finde ich nicht normal. Und ich habe nicht das Gefühl, dass ich da reinpassen würde.

BRIGITTE: Warum nicht?

Bettina Eberleh: Im Großen und Ganzen sind das weiterhin wahnsinnig schöne, sehr, sehr schlanke Frauen. Würde ich jetzt kontaktiert, um da mitzumachen, hätte ich das Gefühl: Was muss bei mir alles kaschiert werden, damit ich zu denen passe?

BRIGITTE: Sie hätten nicht das Gefühl, dass Sie so, wie Sie sind, richtig sind fürs Heft?

Bettina Eberleh: Genau. Dass ich so sein dürfte, wie ich bin. Und dazu kommt, dass die Frauen nicht nur Schönheit und Schlanksein repräsentieren. Jetzt haben die plötzlich einen Namen und einen Beruf und dann vielleicht noch drei Kinder. Und sehen trotzdem so toll aus. Das setzt mich unter Druck. Es stresst mich, wenn ich denke, ich muss aussehen wie eine Flamenco- Tänzerin aus Barcelona, damit mir diese Mode steht. Darum sehe ich mich eigentlich nicht mehr in der BRIGITTE.

BRIGITTE: Frau Lazovic, Sie kennen die andere Seite. Sie haben für uns vor der Kamera gestanden: Im BRIGITTE-Heft 7 im März präsentieren Sie Dessous. Was haben Sie gedacht, als Sie gefragt wurden?

Katharina Lazovic: Die Fotos, die Sie von mir hatten, waren ganz schnöde Privatbilder, von "Facebook" und aus dem letzten Urlaub. Und mein erster Gedanke war: Wenn die BRIGITTE der Meinung ist, da kann man was draus machen, dann würde ich das selber gern mal sehen.

BRIGITTE: Sie waren ja sehr mutig - bei den Dessous- Fotos zeigen Sie viel Haut.

Katharina Lazovic: Ich hätte mich selber in allem anderen eher gesehen. Und immer, wenn ich das Freunden erzählt habe, war die Reaktion auch so: "Du in Dessous?" Und ich hab gesagt: "Ja, stell dir vor!"

BRIGITTE: Und wie war es dann beim Fototermin?

Katharina Lazovic: Es ging morgens um neun Uhr los, erst mal saß ich eine Stunde in der Maske und habe eine schöne Frisur gekriegt. Nach jedem Foto konnte ich mir das Ergebnis gleich am Monitor angucken, und ich hab ständig gedacht: Das ist ja super! Einmal passte ein Outfit nicht, da kam ich mir vor wie im fünften Monat schwanger, aber das haben wir dann auch nicht genommen. Ich war sehr gespannt, wie das nachher im Heft aussehen würde, und ich muss sagen: Da ist nicht viel verändert worden. Das bin immer noch ich. Also, natürlich sehe ich nicht wirklich so aus . . .

Brigitte Huber: Man hat Sie nur ins richtige Licht gerückt. In ein schönes Licht.

BRIGITTE: Haben Sie im Nachhinein das Gefühl, Sie stehen da neben lauter Superfrauen? Oder sind Sie vielleicht selber eine?

Katharina Lazovic: Na ja, als ich das Heft dann durchgeschaut habe, habe ich schon gedacht: Die anderen haben alle so fancy Berufe, die eine ist Schauspielerin, die andere restauriert Vintage-Mode in L.A., und ich bin bloß Logistikerin bei einem Hamburger Speditionsunternehmen. Aber so ist es nun mal, und ich finde es okay. Ich hoffe, es kommen noch ganz viele Frauen rein, die der Typ Nachbarin um die Ecke sind!

Bettina Eberleh: Dass Sie so einen normalen Beruf haben, finde ich sehr erfrischend. Aber sonst sind Sie leider eine der Quotenfrauen. Sie haben endlich mal Rundungen, darum zeigen Sie natürlich Dessous. Ein BH sieht nur gut aus, wenn er ausgefüllt ist. Aber Jeansmode oder Ringelshirts werden an ganz dünnen Frauen fotografiert.

BRIGITTE: Sie sagen Quotenfrauen - wen würden Sie denn noch dazu rechnen?

Bettina Eberleh: Die Künstlerin aus Island, im ersten Heft ohne Models! Das waren grandiose Aufnahmen, aber als ich die Ausgabe durchgeblättert habe, hatte ich ein ganz ungutes Gefühl: Da waren lauter schöne Frauen, ganz dünn, ganz jung. Und dann diese düsteren Aufnahmen, diese ältere Frau mit ihren Tätowierungen, alles so dunkel. Mir kam diese Frau vor wie missbraucht, um zu zeigen: Wir nehmen ja gar nicht nur junge, schöne Frauen. Wie um davon abzulenken, dass man es eben doch nicht schafft, normale Frauen zu zeigen. Oder auch gar nicht schaffen möchte.

Brigitte Huber: Dabei kam gerade diese Isländerin unglaublich gut an, bei ganz verschiedenen Leuten. Wir fanden sie spannend, gerade weil sie schon Mitte 40 ist und auch kein bisschen jünger aussieht.

Ruth Limmer: Mir ist die Frau aufgefallen, aber nicht negativ. Sie ist ja Künstlerin, sie hat sich sozusagen selbst performt. Und sie hat gut in diese zerfurchte isländische Landschaft gepasst. Aber das, was Frau Eberleh über die vielen jungen, schönen, schlanken Frauen sagt, sehe ich genauso. Ich habe mal durchgezählt: In den Heften, die ich mir seit dem Start von "Ohne Models" gekauft habe, sind drei Frauen über vierzig. Und ungefähr drei, die aussehen, als ob sie Kleidergröße 40 tragen und nicht 34/36. Wo bleibt da die Mischung?

Anne Petersen: Der Großteil der Frauen, die wir für BRIGITTE fotografieren, wird auch in Zukunft relativ jung sein. Anders in BRIGITTE WOMAN, da suchen wir gezielt nach Frauen über 40. Und die meisten Frauen werden auch künftig eine relativ kleine Kleidergröße tragen. Nicht unbedingt 34, es kann auch 38 sein. Wenn wir eine Frau mit Größe 42 fotografieren, bekommen wir Probleme mit den Musterteilen, die uns Designer schicken, ehe die Kollektion in den Läden hängt. Diese Musterteile sind in der Regel in kleinen Größen geschneidert. Wir mogeln auch ab und zu, lassen mal eine Jeans offen und ziehen dazu einfach ein langes Oberteil an.

BRIGITTE: Gibt es denn Designer, die sagen, wir finden den Kurs von BRIGITTE so toll, dass wir auch Prototypen in größeren Größen zur Verfügung stellen würden?

Anne Petersen: Es gibt mittlerweile schon Firmen, die anfragen, ob wir Musterteile in größeren Größen wollen, das freut uns natürlich. Mal sehen, wie sich das weiterentwickelt. Das Problem haben wir vor allem, wenn wir am Beginn einer Saison fotografieren. Gegen Ende der Saison sind die Sachen ja in allen Größen in den Läden, dann können wir aus dem Vollen schöpfen.

Brigitte Huber: Wir haben keine Erhebung gemacht, aber früher hatte nahezu jede Frau, die wir vor die Kamera gebeten haben, Größe 34 oder maximal 36. Das ist jetzt nicht mehr so. Und vom Alter her sind wir, ich schätze jetzt mal, im Schnitt locker fünf bis zehn Jahre älter geworden. Aber was man nicht vergessen darf: Die Initiative heißt ja "Ohne Models". Das Wegkommen von den Magermodels - die wir ja ohnehin nie in der BRIGITTE hatten - ist nur ein Aspekt. Wir wollten vor allem weg von dieser Austauschbarkeit. In unseren Augen herrscht bei allen Modemagazinen ein starres, ganz standardisiertes Frauenbild. Je schlanker, desto besser, möglichst wenig Lebensfreude, keine Authentizität. Woher kommen die, fragt man sich, ich erfahre weder den Namen noch das Alter noch die Nationalität. Das fanden wir nicht mehr zeitgemäß und auch nicht zu BRIGITTE passend.

Katharina Lazovic: Warum nicht passend?

Brigitte Huber: Weil wir sonst immer ganz nah dran sind an unseren Leserinnen. Wir wollten diese Distanz zwischen Model und Leserin aufbrechen. Wir wollen die Lebenswirklichkeit der Frauen, die die Mode tragen, ins Heft holen: Frau Lazovic ist zum Beispiel Logistikerin in Hamburg, hat einen Freund in München und muss eine Fernbeziehung managen. Genau das möchten wir jetzt abbilden.

Ruth Limmer: Diese Lebenswirklichkeit ist gerade mein Problem. Früher konnte ich mich damit trösten, dass die schönen Frauen im Modeteil ihr Aussehen zum Beruf gemacht haben und sich um nichts anderes kümmern mussten. Jetzt sehe ich lauter Frauen, die nicht älter sind als 40, genauso schlank wie früher die Models, aber außerdem noch in den unterschiedlichsten Berufen erfolgreich. Und meistens haben die nebenher noch ganz außergewöhnliche Hobbys und setzen problemlos die tollsten Ideen um. Wenn man in die BRIGITTE schaut, scheint die ganze Welt nur noch aus Superfrauen zu bestehen - außer mir. Da fehlt mir schon ein bisschen die Identifikationsmöglichkeit. Ein gutes Beispiel finde ich, dass ihr in einem Heft eine ganz normale Kellnerin hattet - aber die wandert dann natürlich sofort nach dem Shooting nach Australien aus!

Anne Petersen: Dabei haben wir die wirklich in einem Coffee-Shop angesprochen! Das mit Australien hat sich dann erst während der Produktion herausgestellt. Hätten wir deshalb abbrechen sollen? Die Frau enttäuschen, weil sie diese Entscheidung getroffen hat? Doch sicher nicht! Das Leben ist unberechenbar, es kommt immer anders als gedacht. Das ist ja gerade das Spannende an dem neuen Konzept ohne Models, auch jetzt bei den etwa 25000 Frauen, die gern mitmachen möchten und die wir inzwischen in unserer Datenbank haben. Eine Zeit lang haben sich 150 Frauen am Tag beworben. So wird die Bandbreite von Heft zu Heft größer, weil unsere Möglichkeiten jetzt ganz andere sind. Man darf nicht vergessen: Wir machen das hier ja auch alle zum ersten Mal!

Katharina Lazovic: Wie ist das eigentlich - wenn ich den Leuten erzähle, ich bin für die BRIGITTE fotografiert worden, dann höre ich ganz oft: "Klar, die haben ja jetzt keine Models mehr, die müssen sparen."

Anne Petersen: Das stimmt natürlich überhaupt nicht, aber das ist in vielen Köpfen drin. Sogar meine Mutter war ganz schwer davon zu überzeugen, dass es sich hier um keine Sparmaßnahme handelt! Tatsache ist: Wir zahlen den Frauen selbstverständlich vergleichbare Honorare. Wir hatten ja auch früher keine Models für 10 000 Euro am Tag. Und die Shootings sind jetzt viel aufwändiger und dauern länger.

Brigitte Huber: Es heißt zwar "ohne Models", aber nicht "ohne Fotograf, ohne Visagist, ohne Licht". Das alles muss jetzt oft länger gebucht werden, weil die Frauen vor der Kamera keine Übung haben.

BRIGITTE: In der ersten Ausgabe ohne Models startete gleichzeitig die BRIGITTE-Diät. Viele Leserinnen haben uns geschrieben, dass sie das widersprüchlich oder sogar verlogen finden. Wie geht Ihnen das?

Ruth Limmer: Ich denke, von dem Thema werden wir nie wegkommen. Schlanksein wird uns Frauen immer beschäftigen, und das würde bei mir auch so bleiben, wenn BRIGITTE in Zukunft nur noch Frauen ab Größe 40 zeigen würde.

Brigitte Huber: Wir wollten mit der "Ohne Models"-Initiative im ersten Heft dieses Jahres anfangen, und das ist nun mal traditionell das Heft, in dem wir immer unsere Diät haben. Darauf warten unsere Leserinnen auch. Wir fanden, dass das kein Widerspruch ist. Jede Frau hat das Recht, sich zu verändern, wenn sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlt. Egal, ob sie drei Pfund oder 30 Kilo abnehmen will. Und eins ist sicher: Zum Magermodel kann man sich mit der BRIGITTE-Diät nicht hungern! Dafür sind es viel zu viele Kalorien. Aber man kann es schaffen, dass die Lieblingsjeans nicht mehr kneift.

BRIGITTE: Wir haben jetzt ganz viel darüber geredet, was Sie an der BRIGITTE ohne Models stört - was würden Sie sich denn wünschen? Wie sehen Ihre Vorstellungen für die Mode in BRIGITTE aus?

Ruth Limmer: Vor allem eine bessere Mischung. Öfter mal eine 40-Jährige, öfter eine, die nicht ganz so schlank ist, vielleicht auch mal eine ganz dünne. Ich möchte einfach eine größere Bandbreite sehen.

Katharina Lazovic: Ich würde mich gern ein bisschen spannender anziehen. Ich hatte so eine Phase, da habe ich mir gar keine Mühe gegeben, mich nicht geschminkt, einfach eine Cordhose angezogen und dazu dann ein Micky-Maus-T-Shirt von H&M für 4,95 Euro. Aber jetzt mit Anfang 30 habe ich das Gefühl, dass ich mich ja auch mal hübsch machen kann. Und ich frage mich, was mache ich denn mit so coolen Teilen, die ich an Frauen mit Größe 36 sehe? Was davon kann ich anziehen? Da hätte ich gern ein bisschen Beratung.

Bettina Eberleh: Ich habe früher in Berlin gelebt, jetzt wohne ich in Heidelberg. Aber ich will mich nicht an dem orientieren, was ich in Heidelberg sehe. Und weil ich nicht die Zeit habe, mich pausenlos mit Mode auseinanderzusetzen, wünsche ich mir, dass das Redakteurinnen für mich tun, die ja auch ganz andere Möglichkeiten haben. Und davon möchte ich mich inspirieren lassen. Aber es muss realistisch sein.

Anne Petersen: Was heißt das für Sie?

Bettina Eberleh: Na ja, ich weiß, ich kann kein enges Ringel-T-Shirt tragen, aber wenn ich so ein T-Shirt mit einer bestimmten Jeans sehe, dann denke ich: Eigentlich ist das schön! Und dann nehme ich es vielleicht eine Nummer größer und probiere ein bisschen rum. Ich will einfach Lust auf Mode bekommen, anders geht es nicht. Und dann habe ich noch einen anderen Wunsch oder eher eine Idee: Ich fände es viel besser, wenn nicht auf jeder BRIGITTE "ohne Models" draufstehen würde. Es geht doch eigentlich einfach um Frauen, so, wie sie sind. Solange ich lese "ohne Models", vergleiche ich und denke: Quatsch, die sieht doch immer noch aus wie ein Model, und ich ärgere mich.

BRIGITTE: Sie stört die negative Definition, oder? Dass wir Frauen zeigen und sagen, das sind keine Models, statt zu sagen: Das sind einfach schöne Frauen.

Bettina Eberleh: Ganz genau! Ich wünsche mir, dass man aufhört, solche Kategorien zu schaffen, sondern sich die Freiheit nimmt zu sagen: Wir wollen die Schönheit der Frauen zeigen.

Anne Petersen: Das ist unser Ziel! Je mehr es zur Normalität wird, dass BRIGITTE eben keine Models zeigt, desto selbstverständlicher können wir damit umgehen. Denn das ist ja genau das, was wir wollen: Frauen so zu zeigen, wie sie sind.

Brigitte Huber: Aber im schönsten Licht!

v.l.n.r.: Bettina Eberleh, 36, BRIGITTE-Leserin aus Heidelberg, ist freie Künstlerin und Mutter von zwei Söhnen

Brigitte Huber, 46, BRIGITTE-Chefredakteurin, lebt in Hamburg und hat zwei Söhne

Anne Petersen, 35, stellvertretende Ressortleiterin Mode, lebt mit ihrem Mann und den zwei kleinen Kindern in Hamburg

Katharina Lazovic, 32, Leserin aus Hamburg. Die Logistik-Managerin wurde für BRIGITTE in Dessous fotografiert (Heft 7/10)

Unsere "Ohne Models"-Initiative im Überblick!

Moderation: Stefanie Hentschel Fotos: Isadora Tast Ein Artikel aus BRIGITTE 10/10
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