Warum Christina Dean nur Mode aus dem Müll trägt

Nicht wegschmeißen, neu stylen! Christina Dean aus Hongkong hat ein Jahr lang nur Kleidung aus dem Hausmüll getragen - und dabei viel über sich gelernt.

Jedes Jahr landen allein in Deutschland rund 1,5 Milliarden Kleidungsstücke auf dem Hausmüll. Kleidung ist zu einem Wegwerfartikel mutiert, an jeder Ecke kann man die neuesten Trends für wenig Geld kaufen. Die Mode-Aktivistin Christina Dean, gelernte Zahnärztin und Gründerin der Nichtregierungsorganisation Redress, möchte mit ihrem Projekt "The 365 Challenge" auf den stetig steigenden Textilkonsum aufmerksam machen: Sie trägt nur noch Kleidung aus dem Müll - und sieht dabei durchweg super stylish aus. Das konnte man auch auf dem Instagram-Kanal von Redress verfolgen. Wir haben sie zum Interview getroffen und sie rund um das großartige Projekt ausgefragt. Was Christina nach 365 Tagen mit Mode aus dem Müll resümiert? Sie klärt auf:

BRIGITTE: Wie kommt man auf die Idee, 365 Tage lang nur Kleidung aus dem Müll zu tragen?
Mein Aha-Erlebnis hatte ich, als ich im Rahmen meiner Arbeit für das Redress-Forum mit einem Video-Team eine Mülldeponie im Umland von Hongkong besuchte. Ich weiß noch genau, wie ich an einer Straße stand und auf einmal zig riesige Müllwagen an mir vorbeifuhren. Ich erkannte lauter Ärmel und Hosenbeine. In dem Moment wusste ich: Wenn wir als Konsumenten die Textilindustrie nachhaltiger und umweltfreundlicher gestalten wollen, dürfen wir Kleidung nicht mehr so unbedacht wegwerfen.
Es reicht also nicht aus, auf fair produzierte Mode aus Bio-Materialien zu achten?
Nein. Nachhaltige Produktion und umweltschonende Textilien sind zwar ein wichtiges Thema für die Bekleidungsindustrie, aber das ist nur ein Teil des Problems. Der andere Teil liegt bei den Konsumenten, die immer mehr Kleidung kaufen und gedankenlos entsorgen.

Also entschlossen Sie sich, nur noch Kleidung aus dem Hausmüll zu tragen...
... und zwar ein ganzes Jahr lang, jeden einzelnen Tag. Ich wollte mich auf eine kleine Reise begeben und dabei herausfinden, wie sich meine Einstellung zu Kleidung verändert.

Und die Kleidung haben Sie dann einfach aus dem Müll gefischt?
Ganz so einfach war es nicht. Normale Menschen haben leider keinen Zugang zu Mülldeponien, deswegen musste ich mit der Charity-Organisation "Friends of the Earth" aus Hongkong zusammenarbeiten. Diese Organisation sucht Kleidungsstücke aus Hausmüll zusammen, um sie zu recyceln.

Sind da nicht viele Lumpen dabei?
Im Gegenteil. Ich war erschüttert, was für tolle, vollkommen intakte Kleidungsstücke Menschen einfach wegwerfen. Die Kleider waren oftmals origineller und schöner als alles zusammen, was ich in meinem Kleiderschrank hatte. Genau das wollte ich mit meinem Projekt beweisen.

Outfits zu kreieren war also kein Problem?
Absolut nicht! Ich glaube, mein Instagram-Account hat das im letzten Jahr ganz gut bewiesen. Ich hatte allerdings jeden Monat Unterstützung eines Stylisten, der mir geholfen hat. Wir haben stundenlang Kleiderhaufen durchwühlt und Outfits zusammengestellt.

Und nebenbei haben Sie Ihren Followern Tipps rund um Upcycling & Co. gegeben.
Das zweite Ziel meines Projekts war ein edukatives: Ich wollte den Menschen zeigen, wie man alte Kleider mit wenigen Tricks aufwertet. Also überlegte ich mir zwölf Themenmonate, zum Beispiel zum Thema DIY, Reparatur und Pflege. Wussten Sie zum Beispiel, dass man die meisten Flecken mit Essig und Selters wegbekommt?

Ehrlich gesagt, nein. Haben Sie vor dem Projekt eigentlich auch schon gern Second-Hand-Kleidung getragen?
Nein, mein Kleiderschrank bestand zum größten Teil aus Bio-Mode. Ich habe noch nie übertrieben viel Kleidung gekauft und war auch nie wirklich ein "Mode-Mädchen", das genau weiß, was gerade angesagt ist. Dennoch habe ich einen eigenen Stil und ich mag es, gut auszusehen.

Wie erkenne ich denn echte Vintage-Schätze?
Das Wichtigste ist die Stoffqualität. Ich habe so viele Tonnen alter Kleider durchgewühlt, ich erkenne einen guten Stoff mittlerweile blind. Ebenso wichtig ist der Schnitt des Kleidungsstücks. Vintage-Sachen sind viel besser geschnitten als vieles, was man bei den großen Ketten bekommt. Man sollte außerdem auf gut verarbeitete Nähte, Bündchen und Reißverschlüsse achten. Wenn dann auch noch die Details stimmen, zum Beispiel ein schöner Saum oder ein toller Kragen, dann hat man ein ganz besonderes Teil gefunden.

Nun ist das Jahr um – was haben Sie gelernt?
Vor allem kann ich leider bestätigen, dass wir viel zu viel Kleidung wegwerfen. Persönlich habe ich gelernt, dass ich in Sachen Mode mutiger sein kann. Es waren so viele Kleidungsstücke dabei, die ich niemals angezogen hätte und die dann – richtig gestylt – großartig aussahen.

War es komisch, ein Jahr lang nur bereits getragene Kleidung anzuziehen?
Tatsächlich habe ich mir vor dem Projekt schon Gedanken gemacht, wie ich mich in den Kleidern von fremden Menschen fühlen würde, zumal Second-Hand-Kleider in Asien eher für Naserümpfen sorgen. Aber in dem Moment, in dem ich in das Kleidungsstück geschlüpft bin, hat es sich wie mein eigenes angefühlt.

Das ist wie mit Vintage-Möbeln, die eine eigene Geschichte und ganz viel Seele haben ...
Exakt! Wir bauen eine Beziehung zu Kleider- und auch Möbelstücken auf. Umso mehr schmerzt es mich mit anzusehen, was alles herzlos auf dem Müll landet.

Sie scheinen Mode mittlerweile richtig zu lieben.
Seit meinem Projekt liebe ich Mode über alles. Mode ist so unglaublich kreativ und hat einen großen Einfluss darauf, wie wir uns fühlen. Mode macht glücklich!

Wer hier schreibt:

Lisa van Houtem
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