Modefotograf Guy Bourdin: Surrealer Über-Sex

Guy Bourdin (1928–1991) revolutionierte mit seiner surrealen und übersexualisierten Bildsprache die Ästhetik der Modefotografie – die Hamburger Deichtorhallen widmen ihm nun eine umfassende Retrospektive.

In seiner ersten Modestrecke "Chapeau Choc", die der 27-Jährige 1955 für die französische Vogue realisierte, inszenierte Guy Bourdin Haute-Couture-Hüte in den Pariser Schlachthöfen Les Halles vor Hasenkadavern und Kalbsköpfen – und sorgte für zahlreiche Leserbeschwerden. Während andere Chef-Redakteure die Zusammenarbeit nach diesem Vorfall vielleicht sofort wieder beendet hätten, erkannte die damalige Vogue Paris-Chefin Francine Crescent sein Talent für narrative Bildinhalte und surreale Bildsprache, der Startschuss für eine drei Jahrzehnte umfassende Zusammenarbeit.

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Ein Modefotograf, der keiner war

Guy Bourdin verstand es, mit gängigen Konventionen und vor allem mit der eher seichten Fotoästhetik des späten 20. Jahrhunderts zu brechen. Seine Bildideen waren stets skurril und rätselhaft, gleichzeitig bis ins kleinste Detail perfekt inszeniert. Seine selbstgewählten Motive wirken wie auf Papier festgehaltene Film-Sequenzen und kurbeln die Phantasie des Betrachters nachhaltig an. Während die Modefotografie heute oftmals einer schlichten Dienstleitung gleicht, verstand Guy Bourdin sich als Erzähler von Geschichten rund um die Schönheit der Frau, aber auch von Tod, Bedrohung und Angst.

Als Werbefotograf für das Haute Couture-Schuhhaus "Charles Jourdan" genoss er über 15 Jahre lang vollkommen künstlerische Freiheit. Sein wohl bekanntestes Kampagnenmotiv ist das Model, das in schwarzen Netzstrümpfen kopfüber in eine hell erleuchtete Kulisse fällt. Das so perfekt in Szene gesetzte Hinterteil samt High-Heels, welches ohne Zweifel höchst anregend auf die männliche, kaufkräftige Kundschaft des Schuhherstellers gewirkt haben muss, bedient sich dabei ohne Frage gefälliger Geschlechterstereotypen.

Verehrung und Verachtung

Bis zum Schluss bleibt unklar, ob Bourdins Arbeit eine tiefe Verehrung der weiblichen Schönheit zugrunde lag, oder ob er Frauen schlichtweg verachtete. Mal sind die Frauen in seinen Bildern stark und selbstbewusst, mal wirken sie wie demütige Unterworfene. Guy Bourdin selbst wurde von seiner Großmutter großgezogen, nachdem seine Mutter ihn im Kindesalter verlassen hatte. Seine Frau beging Selbstmord. Schenkt man den Legenden um seine Fotoshootings Glauben, so pflegte er angeblich seine Models zu drangsalieren und sie beispielsweise bissigen Hunden auszusetzen. Erklärt hat er sich nie, Interviews lehnte er zeitlebens ab. Laut seiner langjährigen Wegbegleiterin Francine Crescent jedoch galt sein Interesse weniger der Mode oder den Frauen, als vielmehr dem Leben, der Gesellschaft, dem Tode und den ihnen seiner Meinung nach zugrunde liegenden Urprinzipien - Sex und Gewalt.

Die Hamburger Deichtorhallen widmen dem französischen Fotografen nun eine umfassende Werkschau, die vom 1. November 2013 bis 26. Januar 2014 im Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg präsentiert wird. Dabei sind sowohl eine Auswahl der Modestrecken und Kampagnen Bourdins zu sehen, als auch bisher unveröffentlichtes Material aus seinem persönlichen Archiv. Darüberhinaus sind sein malerisches Werk und seine filmischen Notizen zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich. Weiterhin werden Polaroid-Fotos, Skizzen und Texte sowie Schwarz- Weiß-Aufnahmen aus den 1950ern präsentiert, die Künstlerporträts und Pariser Stadtansichten zeigen.

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