Gabriele Strehle: "Ich wollte einen Kämpfer, kein Model"

Modedesignerin Gabriele Strehle hat für die Kampagne zu ihrer neuen Männerkollektion den Autor Steven Uhly ausgesucht. Seine Geradlinigkeit und die Klarheit der Traditionsmarke Strenesse ergänzen sich gut - finden beide.

Ein gar nicht so ungleiches Paar: Autor Steven Uhly und Gabriele Strehle, die Chefdesignerin von Strenesse.

BRIGITTE.de: Christiane Paul, Hannah Herzsprung, Jogi Löw - und jetzt Steven Uhly. Ein Bestsellerautor als Model für Strenesse ist ungewöhnlich. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Gabriele Strehle: Das musste wohl so sein! Ich schaue selten fern, aber gerade an dem Tag, als Steven in den "Tagesthemen" zu Gast war, habe ich sein Interview gesehen und wusste: Das passt.

BRIGITTE.de: Christiane Paul, Hannah Herzsprung, Jogi Löw - und jetzt Steven Uhly. Ein Bestsellerautor als Model für Strenesse ist ungewöhnlich. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Steven Uhly: Um meinen neuen Roman "Adams Fuge", der als eine Art Gegenentwurf zu Thilo Sarrazins Thesen verstanden wird: die Geschichte eines Deutsch-Türken auf Identitätssuche.

BRIGITTE.de: Wie passt das zu Strenesse?

Gabriele Strehle: Ich wollte kein Model für unsere neue Kampagne, weil mir das Kämpferische und das Widerspenstige fehlen würde. Bei Steven habe ich gleich gespürt, dass er authentisch ist und nicht gefallen will, sondern zu sich selbst und zu seiner Geschichte steht. Es hat sofort Klick gemacht - wir haben noch in der gleichen Woche das Fotoshooting organisiert.

BRIGITTE.de: Und, wie ist es gelaufen?

Gabriele Strehle: Ähnlich wie der Fernsehauftritt. Steven hat sich nicht verstellt. Er hat das Model-Sein zugelassen, sich bei der Arbeit aber so gegeben, wie er eben ist. UHLY : Ich kann mich gar nicht verstellen (lacht), auch wenn ich mir das manchmal gewünscht hätte.

Wenn ich mich in Kleidung nicht wohl fühle, bringe ich mich als Person nicht richtig ein

BRIGITTE.de: Wann zum Beispiel?

Steven Uhly: Wenn ich eine Frau ganz toll fand und mir vorgestellt habe, auf welchen Männertyp sie wohl steht. Dann habe ich versucht, genau so zu sein. Was allerdings nie geklappt hat...

BRIGITTE.de: Glauben Sie, dass Mode als Schutz oder Verkleidung dabei helfen kann, eine Rolle besser zu spielen?

Gabriele Strehle: Ich denke nicht. Egal, welches Gespräch ich führe - wenn ich mich in einem Kleidungsstück nicht wohl fühle, bringe ich mich als Person nicht richtig ein.

BRIGITTE.de: Kann Kleidung trotzdem zur Identitätsfindung beitragen?

Steven Uhly: Ob man über die Form zum Inhalt kommen kann? Ich bin mir nicht mal sicher, ob das in der Kunst geht. Ich weiß ja nicht mal, ob ich mir heute dieses Hemd angezogen habe, weil ich mich danach gefühlt habe, oder weil ich versuche, dieses Hemd zu sein (lacht).

BRIGITTE.de: Strenesse hat auch nie versucht, sich zu verstellen. Ihre Mode ist für Zurückhaltung bekannt. Wie können Sie neben lauten Designern wie Dior oder Louis Vuitton bestehen?

Gabriele Strehle: Ich möchte nicht modisch sein und Kleidungsstücke machen, die man in der nächsten Saison an den Nagel hängen muss. Ich möchte modern sein. Das ist ein ganz großer Unterschied.

BRIGITTE.de: Wie schaffen Sie das?

Gabriele Strehle: Indem ich mich auf das Wesentliche konzentriere. Eine Kunst, die ich zum Glück beherrsche, weil ich das Handwerk gelernt habe. Also weiß ich genau, wo ein Knopf sitzen muss, um dieses Ziel zu erreichen.

BRIGITTE.de: Zweimal pro Jahr, zu jedem Saisonwechsel, wird die Welt mit neuen Trends überschüttet. Wie gefällt Ihnen das?

Gabriele Strehle: Ein Trend steht für Bewegung. Das ist ja erst mal nichts Schlechtes. Ich muss mich nur entscheiden, was ich daraus mitnehme und was nicht. Die immer schneller folgenden Wechsel geben einem aber auch Zeit, sich auf die eigene Identität zurückzubesinnen. Das ist eine Chance.

Ich bin ein Qualitätsfreak

BRIGITTE.de: Und worin könnte die bestehen?

Gabriele Strehle: Es gibt immer auch Gruppen, die den Gegentrend, also die Langsamkeit, nutzen, um sich zu entwickeln. Ich selbst bin ein Qualitätsfreak. Genau wie Steven. Er hat es gewagt, mit einem Verlag zusammenzuarbeiten, der genauso viel Wert auf den Inhalt wie auf die Verpackung legt. Das Cover seines Romans ist sehr besonders, das fasst man gern an. Es gibt zwar einen Massenbuchmarkt, aber Steven hat sich nicht angepasst.

BRIGITTE.de: Dafür werden die Mode-Looks weltweit immer angepasster, und es entsteht ein globaler Dresscode...

Gabriele Strehle: Das war vor 30 Jahren schon genauso, nur auf einem anderen Level.

Steven Uhly: Durch global agierende Modefirmen wie H&M und Zara haben wir uns daran gewöhnt. Trotzdem gibt es Unterschiede. Ich habe mal in Brasilien gelebt, wo die Menschen extrem modegläubig sind. Es gibt nur ein "Do" und ein "Don't". In Europa ist das anders. Hier bespiegeln und kritisieren sich viele Kulturen auf engstem Raum. Diese Vielfalt ist eine tolle Möglichkeit zur Reflexion - auch um herauszufinden, dass es Zwischentöne in der Mode gibt.

BRIGITTE.de: Mode funktioniert international, trotzdem scheint die Angst der Menschen vor fremden Kulturen zu bleiben. Können Sie als Autor etwas dagegen tun?

Steven Uhly: Ich schreibe nicht aus therapeutischen Gründen, sondern weil mich etwas bewegt. Aufgrund meiner Biografie - ich bin Halb-Bengale mit spanischem Stiefvater - ist mein Thema dieses Mal die Migration, eines, das uns noch lange begleiten wird. Wenn sich die Menschen davon berühren lassen und auch mal anders über die Vielfalt der Gesellschaft und des Einzelnen nachdenken, habe ich schon etwas gegen diese Angst getan.

BRIGITTE.de: Und Sie als Designerin, Frau Strehle?

Gabriele Strehle: Andere Kulturen nehmen uns überhaupt nichts weg. Im Gegenteil: Man bereichert sich gegenseitig. Ich liebe Japan. Die Spannung zwischen Tradition und Moderne ist sehr aufregend und inspirierend. Und trotzdem bleibe ich Deutsche. Aber je mehr ich von anderen Kulturen weiß, desto neugieriger macht mich das.

Gabriele Strehle

Gabriele Strehle wurde im bayerischen Memmingen geboren. Nach einer Schneiderlehre studierte sie an der Münchner Meisterschule für Mode. Mit 22 Jahren begann sie als Designerin bei der Mantelfirma Strehle in Nördlingen. Dort lernte sie ihren späteren Mann, Gerd Strehle, kennen. 1976 wurde sie Chefdesignerin des Labels Strenesse, das sie gemeinsam mit ihm entwickelte. Die erste Kollektion in Mailand präsentierte sie 1996. Seitdem ist viel passiert: Strehle entwarf die Uniformen der Lufthansa, stattet seit 2006 die deutsche Fußball-Nationalmannschaft aus und kleidet Stars von Christiane Paul bis Jonas Kaufmann ein. Sie lebt in MÜnchen und am Tegernsee. Ihre Tochter studiert gerade in New York.

Steven Uhly

Steven Uhly wurde 1964 in Köln geboren. Nach dem Abitur machte er eine Ausbildung zum Übersetzer in Valencia, studierte dann spanische und portugiesische Sprache und Literatur, Germanistik sowie Literaturwissenschaften in Köln, Bonn und Lissabon. Nach seiner Promotion leitete Uhly zwei Jahre lang das Deutsche Institut der Bundesuniversität im brasilianischen Belém. Zurück in Deutschland arbeitete er als Dozent an der Ludwig-Maximilians-Universität, bevor er mit seiner Frau den Münchner Frühling-Verlag gründete. 2010 erschien sein Debütroman "Mein Leben in Aspik". Uhly hat vier Kinder und lebt mit seiner Familie in München.

...und das Buch

Der Deutsch-Türke Adem Öztürk versucht unter schwierigsten Umständen zu sich selbst zu finden. Weil er undercover für die türkische Regierung arbeitet, ist er dabei ständig gezwungen, seine Identität zu wechseln. Auf der einen Seite muss Adem vorgeben, nicht der zu sein, der er ist. Auf der anderen Seite weiß er nicht einmal, wer er ist. Das bringt ihn so durcheinander, dass er in einen Strudel der Ereignisse und Erkenntnisse gerät. Spannend, intelligent und aufwühlend erzählt. ("Adams Fuge", Secession Verlag für Literatur, 232 Seiten, 21,95 Euro)

Foto: PR/Strenesse Interview: Simone Lück
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